Al-Qaidas Terrorserie Iraks Rückfall in den Bürgerkrieg

Der Irak erlebt den blutigsten Monat seit fünf Jahren. Fast 700 Menschen sind durch die neueste Terrorkampagne von al-Qaida getötet worden. Regierungschef Maliki kann die Gewalt nicht stoppen - sondern treibt mit seiner Politik sogar noch mehr Menschen in die Arme der Extremisten.

Schiitische Milizionäre in Bagdad: Irak droht wie Syrien in einen Bürgerkrieg gerissen zu werden
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Schiitische Milizionäre in Bagdad: Irak droht wie Syrien in einen Bürgerkrieg gerissen zu werden

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Ban Ki Moons Appell klingt dramatisch: "Der Irak steht erneut am Scheideweg. Die Politiker haben die Verantwortung, das Land vom Abgrund wegzuziehen", sagte der Uno-Generalsekretär.

Der Grund für seinen Aufruf: Der Irak wird von der schwersten Gewaltserie seit fünf Jahren erschüttert. Bei Autobombenanschlägen in verschiedenen Städten des Landes sind allein am Montag mindestens 80 Menschen getötet worden. Seit Monatsbeginn sind damit landesweit knapp 700 Menschen bei Anschlägen ums Leben gekommen - die meisten von ihnen Zivilisten. Mehr als 1500 Iraker wurden verletzt.

Seit Beginn des Ramadan am 10. Juli ist die Lage im Zweistromland besonders schlimm. Die irakischen Familien, die in Moscheen, Cafés und Restaurants allabendlich das Fasten brechen, sind ein leichtes Ziel für Attentäter. Zudem trichtern radikale Prediger ihren militanten Gefolgsleuten ein, dass Selbstmordattentäter, die ihre "Märtyreroperationen" im Ramadan verüben, im Jenseits besonders belohnt würden.

Malikis Kampf gegen "Überreste des Saddam-Regimes"

Die Anschläge der vergangenen Wochen richten sich fast ausschließlich gegen die schiitische Bevölkerungsmehrheit. Für die meisten Angriffe hat der irakische Ableger von al-Qaida die Verantwortung übernommen. Die Gruppe, die sich "Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien" nennt, rechtfertigt ihre Angriffe mit der Unterdrückung der sunnitischen Minderheit. Mit ihrer Terrorserie wollen die radikalen Islamisten den Hass zwischen den Konfessionen schüren. Ihr Ziel ist der Sturz der schiitisch dominierten Regierung von Premierminister Nuri al-Maliki.

Seit Ende April hat al-Qaida ihre Terrorkampagne ausgeweitet. Damals gingen Sicherheitskräfte gewaltsam gegen eine sunnitische Protestbewegung in der nordirakischen Stadt Hawidscha vor. Bewohner des Ortes hatten dort eine Zeltstadt errichtet, um gegen ihre gefühlte Benachteiligung durch die Zentralregierung in Bagdad und gegen Übergriffe der Regierungstruppen zu demonstrieren. Bei dem Armee-Einsatz gegen die Protestierenden wurden nach Schätzungen der Vereinten Nationen mindestens 44 Zivilisten und ein Sicherheitsbeamter getötet.

Regierungschef Maliki fand keine Worte des Bedauerns. Stattdessen machte er "Überreste des Baath-Regimes" von Saddam Hussein für das Blutvergießen verantwortlich. Diese hätten den Unmut der Menschen in Hawidscha angestachelt und die Unruhen provoziert, sagte der Premier in einer TV-Ansprache.

Er wiederholte damit ein Mantra, das er seit 2003 immer wieder vorträgt - zunächst als Leiter der Kommission zur "Entbaathifizierung", seit 2006 als Regierungschef. Maliki sieht hinter jeder oppositionellen Regung der sunnitischen Minderheit ehemalige Kader der Baath-Partei von Saddam Hussein am Werk. Kritiker werfen ihm Besessenheit vor. "Mit seinem Extremismus, den er im Umgang mit der Baath-Partei und dem Erbe des alten Regimes zeigt, ist Maliki selbst zu einem Baathisten geworden", sagt der irakische Schriftsteller und Menschenrechtler Mustafa al-Kadhimi. Anstatt die Verbrechen des Regimes von Saddam Hussein aufzuarbeiten, habe Maliki die Entbaathifizierung instrumentalisiert, um Konkurrenten auszuschalten und Kritik an seiner eigenen Regierung als unrechtmäßig zu brandmarken.

Al-Qaida hat Hunderte Kämpfer aus Gefängnissen befreit

Mit dieser Politik treibt der Premier immer mehr Sunniten in die Arme der Extremisten. Die von sunnitischen Stammesverbänden getragenen Erweckungsräte, die seit 2007 den Einfluss von al-Qaida in Zusammenarbeit mit der US-Armee und der Regierung in Bagdad zurückgedrängt haben, sehen sich um den Lohn für ihre Kooperation betrogen. Politische Teilhabe gesteht Maliki ihnen nicht zu.

Außerdem schafft es der irakische Staat auch zehn Jahre nach der US-geführten Invasion nicht, seine Bürger mit dem Nötigsten zu versorgen. Fast alle irakischen Haushalte haben nur wenige Stunden am Tag Strom, die Müllentsorgung und die Sicherheit von Stadtvierteln und Dörfern liegen oft in den Händen lokaler Milizen.

Zwar hat Maliki den Sicherheitsapparat ganz auf sich zugeschnitten und praktisch jeglicher Kontrolle entzogen - seine Bürger kann er damit nicht schützen. Besonders peinlich für den 63-Jährigen, der sich bei der Parlamentswahl 2010 noch als Law-and-order-Politiker inszenierte, ist ein Gefängnisausbruch in der vergangenen Woche. Bei koordinierten Angriffen auf die Haftanstalten Abu Ghuraib und Tadschi am Stadtrand von Bagdad konnte al-Qaida mehrere hundert Kämpfer befreien. Die Terrorgruppe brüstet sich: "Der islamische Staat hat vor einem Jahr die Befreiung versprochen und geliefert. Die Regierung hat vor zehn Jahren Strom für alle Iraker versprochen, und die Menschen warten bis heute."

Mit den freigekämpften Extremisten in ihren Reihen dürfte die Schlagkraft von al-Qaida weiter zunehmen. Die Gruppe profitiert zudem vom Erstarken der Dschihadisten in Syrien. Qaida-nahe Gruppen kontrollieren die Grenzübergänge zwischen beiden Staaten. Waffen und Kämpfer wechseln unbehelligt von einem Land ins andere. Der deutsche Diplomat Martin Kobler, bis Mai Uno-Sonderbeauftragter für den Irak, warnte bereits: "Die beiden Schlachtfelder überlappen sich." Der Irak droht damit wie Syrien in den Bürgerkrieg gerissen zu werden.

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sofiabeo 30.07.2013
1. und in Syrien wird das Gleiche passieren...
Zitat von sysopREUTERSDer Irak erlebt den blutigsten Monat seit fünf Jahren. Fast 700 Menschen sind durch die neueste Terrorkampagne von al-Qaida getötet worden. Regierungschef Maliki kann die Gewalt nicht stoppen - sondern treibt mit seiner Politik sogar noch mehr Menschen in die Arme der Extremisten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-droht-neuer-buergerkrieg-nach-terrorserie-von-al-qaida-a-913921.html
Saddam Hussein war ganz sicher ein übler Tyrann, aber es war für die meisten Iraker (leider mit Ausnahme der kurdischen Minderheit) ein halbwegs friedliches Leben möglich - dann kamen die Befreier in Gestalt der Koalition der Willigen und fegten Saddam binnen kurzer Zeit davon und es folgte die die Ernte für US Firmen, die sich dort eine goldene Nase verdienten und wohl noch verdienen. Als es für die army zu teuer wurde und der heimatliche Druck zu groß war, gingen die GI´s nach Hause und hinterlassen verbrannte Erde und ein Land im Chaos. Super gelaufen - wie immer ! Und in Syrien traut man sich ob der militärisch wesentlich stärkeren Armee Assads und der Unterstützung Russlands nicht so recht mit offenem Visier zu kämpfen. Stattdessen wird eine islamistische Terrorbande ähnlich al Quida mit Waffen und Beratern unterstützt und das Ergebnis ist gleichfalls ernüchternd: seit Ausbruch ca. 100.000 Tote (wurde kürzlich jedenfalls gemeldet). Und warum? Um mit Unterstützung der reinrassigen Demokraten aus Saudi-Arabien und Katar die Demokratie in Syrien einzuführen? Im Irak kann man schon heute sehen, wie es bei einem Erfolg dieser Demokraten ausschaut. Und wir hier im beschaulichen Europa sehen dem Treiben zu und werden von den meisten Medien hinter die Fichte geführt. Aber da sich ja selbst bei Prism und seinen britischen EU-Ablegern hierzulande keiner mehr aufregt - man hat ja nichtes zu verbergen - kümmern uns ein paar hunderttausend Leichen im bisher christenfreundlichen Syrien erst recht nicht. Soviel zu unserer Moral und unserem Demokratieverständnis...
sirius7 30.07.2013
2. Flächenbrand
Guido warnte die ganze Zeit vom Flächenbrand in der Region, womit er natürlich Recht hat. Rebellen hat man trotzdem unterstützt, zu Verhandlungen wurden diese Terroristen nicht gezwungen, für sie sah es ja so gut aus.
erasmus89 30.07.2013
3. Nunmal langsam
Der Terror wird wie bereits erwähnt fast ausschließlich durch sunnitische Terroristen geführt und zwar gegen die Schiiten. Es ist nichts anderes als Terror. Da stehen keine politischen Ungerechtigkeiten dahinter, sondern radikale Ideen von einem islamistischen Terrorstaat. Maliki kann in dieser Situation gar nicht anders handeln. Macht er Zugeständnisse an die Extremisten, werden diese die Schwäche nutzen und zum Großangriff blasen. Es hilft leider nur ein hartes Vorgehen, um die Terroristen auszuschalten. Die USA ist zudem, nicht Maliki, für dieses schlimme Desaster verantwortlich, bitte nicht vergessen!
reuanmuc 30.07.2013
4.
Zitat von erasmus89Der Terror wird wie bereits erwähnt fast ausschließlich durch sunnitische Terroristen geführt und zwar gegen die Schiiten. Es ist nichts anderes als Terror. Da stehen keine politischen Ungerechtigkeiten dahinter, sondern radikale Ideen von einem islamistischen Terrorstaat. Maliki kann in dieser Situation gar nicht anders handeln. Macht er Zugeständnisse an die Extremisten, werden diese die Schwäche nutzen und zum Großangriff blasen. Es hilft leider nur ein hartes Vorgehen, um die Terroristen auszuschalten. Die USA ist zudem, nicht Maliki, für dieses schlimme Desaster verantwortlich, bitte nicht vergessen!
Das ist Blödsinn. Die USA haben große Fehler gemacht, aber verantwortlich sind allein die Iraker selber. Die Regierung ist unfähig und starrsinnig. So wie unter Saddam die Shiiten benachteiligt wurden, so werden jetzt die Sunniten benachteiligt.
hubertrudnick1 30.07.2013
5. Irak
Zitat von sysopREUTERSDer Irak erlebt den blutigsten Monat seit fünf Jahren. Fast 700 Menschen sind durch die neueste Terrorkampagne von al-Qaida getötet worden. Regierungschef Maliki kann die Gewalt nicht stoppen - sondern treibt mit seiner Politik sogar noch mehr Menschen in die Arme der Extremisten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-droht-neuer-buergerkrieg-nach-terrorserie-von-al-qaida-a-913921.html
Das ist wirklich ein toller Erfolg, das ist die Freiheit die die USA nach Irak gebracht haben. Der Diktaor wurde hingerichtet, dafür haben sich zig neue etabliert, das Leben ist nun nur noch ein Wagnis, keiner weiß wann ihm ein Attentat das eigene Leben beenden könnte. Freiheit und Demokratie muss erst erlernt werden, wer keine Toleranz zu seinen Mitmenschen hat, der wäre vielleicht in einer Diktatur besser aufgehoben.
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