Irak-Experte "Ohne die Amerikaner droht ein Bürgerkrieg"

Die USA drängen auf ein Uno-Team im Irak. Doch Generalsekretär Kofi Annan hat sich noch nicht für eine Rückkehr in das gefährliche Land entschieden, in dem die Schiiten immer mehr Einfluss haben. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Irak-Experten Ferhad Ibrahim über die Probleme bei der neuen Verteilung der Macht.


Bagdad: Demo für Ajatollah al-Sistani
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Bagdad: Demo für Ajatollah al-Sistani

SPIEGEL ONLINE:

Die Uno fordert für eine Rückkehr in den Irak Sicherheitsgarantien von den USA. Können die USA diese Forderung angesichts der täglichen Anschläge überhaupt annähernd erfüllen?

Ferhad Ibrahim: Die Amerikaner können nicht garantieren, dass ein Uno-Team unbehelligt arbeitet. Das ist utopisch.

SPIEGEL ONLINE: Hätte die Uno tatsächlich ein Mitspracherecht im Irak? Oder sollen sie nur die amerikanische Besatzungspolitik legitimieren?

Ibrahim: Washington wurde von Schiitenführer al-Sistani unter Druck gesetzt, der seit Monaten massiv eine Rückkehr der Uno fordert. Ein Team der Vereinten Nationen könnte aber nur sondieren, ob man schon freie Wahlen abhalten kann. Doch bis dahin ist es ein langer Weg. Denn Mitglieder des irakischen Regierungsrats fordern, dass die Amerikaner zunächst die Macht übergeben sollen und dass die Sicherheit im Lande wieder hergestellt ist. Die Kurden fordern, dass sie in ihre ursprünglichen Gebiete zurückkehren können.

SPIEGEL ONLINE: Sind freie Wahlen schon im nächsten Sommer sinnvoll?

Ibrahim: Zunächst müsste es eine Volkszählung geben, sonst wären das keine regulären Wahlen. Die Schiiten wollen auf die zehn Jahre alten Dokumente des Saddam-Regimes zurückgreifen, doch längst nicht alle Iraker sind damals erfasst worden. Die vier Millionen Kurden im Norden des Landes und die rund zwei Millionen Exil-Iraker wurden nicht berücksichtigt. Diese Gruppierungen könnten dann also gar nicht an Wahlen teilnehmen.

SPIEGEL ONLINE: George W. Bush will aus dem Irak ein Musterland der Demokratie für den Nahen Osten machen. Ist dieses Vorhaben wegen der historischen Rivalitäten zwischen Schiiten, Sunniten oder Kurden überhaupt realistisch?

Ibrahim: Die Amerikaner wollten den Krieg gegen Saddam Hussein legitimieren. Sie haben die Parolen der irakischen Opposition übernommen, die schon seit 1992 eine Demokratisierung des Landes forderten. Aber weder Washington noch die irakischen Oppositionellen, von denen viele im Ausland lebten, kannten die Schwierigkeiten im Lande. Die Vergangenheitsbewältigung nach den Jahren der Diktatur wird sehr lange Zeit in Anspruch nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ziele verfolgen die Ajatollahs und die Stammesfürsten?

Ibrahim: Es geht um alte Rechnungen, die beglichen werden sollen, aber auch um die Durchsetzung eigener Interessen. Ein Beispiel: Vor zwei Wochen wurde auf Initiative des Schiiten Abdul Asis al-Hakim vom Regierungsrat in einer Nacht-und-Nebel-Aktion der so genannte Erlass 137 verabschiedet. Dadurch wurde ein 40 Jahre altes Gesetz gelöscht, dass den irakischen Frauen mehr Rechte verschafft hatte als in allen anderen Ländern der Region. Hakim ist ein Konkurrent von Sistani und dem jungen Prediger Muktada al-Sadr. Er spekuliert darauf, mehr Anhänger zu bekommen, wenn er konservative islamistische Positionen durchsetzt. Von einer Ordnung, die demokratisch sein soll, wurden die Frauen also bei ihren Rechten auf einen schlechteren Stand, als ihn ihre Mütter und Großmütter erlebten, zurückgeworfen. Das ist doch makaber.

SPIEGEL ONLINE: Können die Amerikaner sich in absehbarer Zeit aus dem Irak zurückziehen?

Ibrahim: Nein. Die Amerikaner werden das Land so schnell nicht verlassen. Das werden sie erst tun, wenn sie Strukturen geschaffen haben, die ihren Einfluss sicherstellen. Die USA sind in einer sehr schwierigen Lage. Sie haben kaum Verbündete im Land. Der Irak wird nur von den Amerikanern und den Nachbarstaaten zusammengehalten, die sich vor dem Auseinanderbrechen des Landes und zum Beispiel der Gründung eines kurdischen Staates fürchten. Die Uno wäre ohne die USA im Irak überfordert. Sie bräuchte bewaffnete Truppen, um die Sicherheit annähernd zu gewährleisten - bei einem großen Land mit rund 25 Millionen Einwohnern wären mindestens 30.000 Soldaten notwendig. Aber es geht nicht nur um Soldaten, sondern auch darum, die Interessen der einzelnen Gruppen zufrieden zu stellen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sowohl Schiiten, Sunniten als auch Kurden zufrieden stellen?

Ibrahim: Das ist sehr schwer. Die Amerikaner haben auch keine Antwort darauf. Die Kurden wollen zum Beispiel einen föderalistischen Staat. Aber sowohl Sunniten als auch Schiiten halten den Föderalismus für den Beginn des Auseinanderfallens eines Staates. Die Schiiten kämpfen für mehr Einfluss des Islamismus, die Sunniten für den Pan-Arabismus. Wenn die Amerikaner also heute aus dem Land gingen, droht ein Bürgerkrieg.

Das Interview führte Alwin Schröder

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