Irak-Experte "Uno-Inspekteure sind nur die Vorhut für den Krieg gegen Saddam"

Die Uno-Inspekteure sollen überprüfen, ob der Irak Massenvernichtungswaffen besitzt. Für Udo Steinbach, den Leiter des Deutschen Orient-Instituts, sind sie aber nur die Vorboten eines US-Krieges gegen Saddam Hussein.


Kriegsvorbereitungen: US-Flugzeugträger Abraham Lincoln
AP

Kriegsvorbereitungen: US-Flugzeugträger Abraham Lincoln

SPIEGEL ONLINE:

Die Uno-Waffeninspekteure haben mit ihrer Arbeit im Irak begonnen. Glauben Sie, dass Saddam Hussein ernsthaft mit ihnen kooperieren wird?

Steinbach: Bis zu einem gewissen Punkt ja. Aber ich vermute, dass das seine Grenzen hat. Angaben könnten unzutreffend sein. Untersuchungen zum Beispiel in den Palästen könnten als unzumutbar dargestellt werden, weil sie gegen die persönliche Ehre gerichtet seien.

SPIEGEL ONLINE: Bis zum 8. Dezember muss der Irak eine Liste über sein Waffenprogramm vorlegen. Wird das tatsächlich geschehen?

Steinbach: Ja. Das dürfte der einzige Schritt sein, der von irakischer Seite als noch akzeptabel angesehen wird. Probleme wird es erst danach geben. Ich befürchte, dass Washington alles tun wird, um den irakischen Report in ein schräges Licht zu rücken. Die US-Regierung wird sagen, dass Bagdad die Wahrheit verbiegt oder Dinge verschweigt. Die Amerikaner werden dann mit eigenen Zahlen zur Inspektion kommen. Von da an wird es wohl leider schnell zu heftigen Kontroversen und Zusammenstößen kommen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass der Irak Massenvernichtungswaffen hat und die Uno-Inspektoren also fündig werden?

Steinbach: Offiziell sagt Bagdad, man habe diese Waffen nicht. Aber ich nehme an, dass es in bestimmten auch schon bekannten Anlagen Tests gegeben hat. Dazu muss die irakische Regierung in dem Bericht Stellung nehmen. Wenn aber Bagdad darauf beharrt, nichts zu haben, wäre das schon zu Beginn der Konfliktfall.

SPIEGEL ONLINE: Kann sich Bagdad überhaupt so verhalten, dass George W. Bush keine Möglichkeit hat, einen Krieg zu beginnen?

Steinbach: Ich glaube, dass die Uno-Waffeninspekteure nur eine Vorhut darstellen, um das letztendliche Ziel zu erreichen: Das Regime um Saddam Hussein zu beseitigen.

SPIEGEL ONLINE: Der Irak hat US-Maschinen in der Flugverbotszone angegriffen. Ist das eine Provokation Saddams?

Steinbach: Nein. Diese Attacken hat es auch früher schon gegeben. Aber wenn es künftig häufiger geschieht, könnte es als Verletzung der Uno-Resolution angesehen werden.

SPIEGEL ONLINE: Was würde ein Krieg für den Nahen Osten bedeuten?

Steinbach: Besonders betroffen wäre Jordanien. Der Handlungsspielraum von König Abdallah ist sehr klein. Die Spannungen zwischen der überwiegend amerikafeindlichen Öffentlichkeit und der pro-amerikanisch – und auch in gewisserweise pro-israelischen Linie des Königs sind schon fast unerträglich. Im Süden des Landes ist es ja schon zu Aufständen gekommen. In Amman wurde ein US-Diplomat ermordet. Das jordanische Regime könnte sich bei einem Kriegsausbruch im freien Fall befinden. Die Spannungsfelder gibt es aber so ähnlich auch in anderen arabischen Staaten der Region. Zwischen Ägypten und dem Persischen Golf wird es zu einer Destabilisierung kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wen werden die Amerikaner bei einem Sturz Saddams als Nachfolger einsetzen?

Steinbach: Im Gegensatz zu Afghanistan mit der Nordallianz gibt es im Irak keine inländische Oppositionsbewegung. Es gibt auch keine Persönlichkeit wie Hamid Karzai, den afghanischen Präsidenten, der in Kabul installiert werden konnte. Ich vermute, dass es eine Person werden wird, der enge Verbindungen zur Armee gehabt hat, ohne in ganz vorderer Linie der Armee gewesen zu sein, die sich ständig Brutalitäten gegen die eigene Bevölkerung geleistet hat. Um den Irak wieder zu stabilisieren, wird es aber eine längere Phase des Protektorats geben müssen. Sonst droht das Land zu zerfallen.

SPIEGEL ONLINE: Geht es den USA bei diesem Feldzug gegen Saddam wirklich vor allem um den Kampf gegen den internationalen Terrorismus oder doch hauptsächlich um die Sicherung der Ölquellen?

Irak-Experte: Udo Steinbach
DDP

Irak-Experte: Udo Steinbach

Steinbach: Es geht nicht um den Terror. Die Amerikaner haben ja schon zugeben müssen, dass man keine wirklich starken Verbindungen von Saddam Hussein zur al-Qaida von Osama Bin Laden gefunden hat. Präsident Bush ging es von Anfang an um die Ablösung des Diktators Saddam – quasi als Alternative zur windelweichen Politik seines Vorgängers Bill Clinton. Washington will eine neue, harte und klare Außenpolitik definieren gegenüber einem Mann, der Amerika herausgefordert hat und von dem man überzeugt ist, dass er eine Gefährdung der eigenen Interessen in der Golf-Region darstellt.

SPIEGEL ONLINE: Und das Öl?

Steinbach: Eine Kontrolle der Ölproduktion wäre natürlich wegen der langfristigen Interessen Amerikas vorteilhaft. Die USA möchten sich deshalb auch in Zentralasien etablieren. Neben dem Persischen Golf ist Zentralasien für die nächsten 60 bis 100 Jahre wegen seines riesigen Erdöl- und Erdgasreservoirs von enormer Bedeutung. Wer beide Regionen dominiert, dominiert auch die Ölproduktion für fast ein ganzes Jahrhundert.

Das Interview führte Alwin Schröder

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