Irak-Geisel Jill Carroll Aus dem Leben einer Kriegsreporterin

Jill Carroll ist Kriegsreporterin im Irak. Anfang Januar wurde die Amerikanerin entführt, Freitagnacht lief das Ultimatum der Geiselnehmer ab, bisher ohne jede Nachricht über Leben oder Tod der Geisel. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einen Artikel, in dem sie über das Leben als Kriegsreporterin berichtet - und über das Risiko von Entführungen.
Von Jill Carroll

Die Wände erdrücken dich. Du würdest eher von einer Klippe springen, als über immer neue Treffen von irgendwelchen Planungsbehörden zu berichten. Im Irak gibt es Storys, und gerade jetzt scheint sich dort eine der größten Geschichten seit Jahren zu entwickeln. Doch diese Auslandskorrespondententräume scheinen weit, weit entfernt.

Es gibt nur einen Ausweg: Die Zelte abbrechen, das Sparkonto plündern und den nächsten Flieger nach Bagdad zu besteigen. Es mag idiotisch klingen, aber es ist genau das, was Dutzende Journalisten gemacht haben. Dabei ist eine bunt zusammengewürfelte Reportergruppe zusammengekommen. Sie beziehen Quartier in den heruntergekommensten Hotels der Stadt - inklusive eines ehemaligen Bordells - und liefern mit einem knappen Budget Texte am Fließband. Das alles in einem Land, das vom Komitee zum Schutz von Journalisten als das gefährlichste in der Welt gesehen wird.

Ein freier Journalist in Bagdad ist zu gleichen Teilen Reporter, Kaufmann und Unternehmer. Er ist von einem anderen Journalistenschlag als ein Redakteur in einem großen Medienunternehmen. Die Freien zahlen für ihre Unterkunft selbst, genauso für ihre Übersetzer, für die Verpflegung und die Krankenversicherung. Die meisten machen den Job für weniger als 100 Dollar am Tag. Es gibt lukrativere Arten von Arbeit und schnellere Wege, Karriere zu machen. Doch genauso wie Sportler ihren Aufwand aus Liebe zum Sport betreiben, machen es die freien Journalisten im Irak aus Liebe zu ihrer Story.

"Das Thema unserer Generation"

Colin Freeman verkörpert genau diesen Typ Journalisten. Nach vier Jahren beim Londoner "Evening Standard" sah er ein: Der einzige Weg, die wichtigste Story seines Lebens zu machen wäre, sich selbständig zu machen. "Nur die wirklichen Top-Journalisten werden jemals entsandt, um über Krisen und Kriege zu berichten. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Versicherungskosten astronomisch sind", sagt der 34-jährige Freeman. "Als sich der Krieg im Irak abzeichnete, fasste ich den Entschluss, dass dies eine gute Chance für einen Tapetenwechsel wäre. Und der einzige Weg dies zu tun war, als freier Journalist zu arbeiten."

Als der Irakkrieg am 1. April 2003 seinen Höhepunkt erreichte, kündigte Freeman und ging nach Bagdad. Die amerikanischen Truppen hatten gerade erst den Flughafen erobert. Er wohnte für fünf Dollar die Nacht in einem Hotel und zog später in ein billiges Appartement. Andere Journalisten lebten zu dieser Zeit für über 100 Dollar pro Tag in Luxusherbergen.

Es dauerte seine Zeit, bis er mit scharfem Geschäftssinn und einem guten Auge für Geschichten seine ersten Veröffentlichungen in renommierten Zeitungen wie dem "San Francisco Chronicle" oder dem Londoner "Sunday Telegraph" landete. Er kämpfte mit den stundenlangen Stromausfällen in Bagdad. Einen Generator konnte er sich nicht leisten. Nur eine Story von dieser enormen Größe konnte es wert sein, seine Sicherheit und Solvenz als freier Journalist zu riskieren: Es ging um nichts weniger als Amerikas Glaubwürdigkeit in der Welt, die Stabilität im Nahen Osten und um Tausende Leben, die in Gefahr sind.

Die vornehmsten Wurzeln des Journalismus

"Dieser Krieg entpuppt sich mehr und mehr als das entscheidende Thema unserer Generation. Ich möchte es als Journalist miterleben und helfen, die Zukunft zu gestalten", sagt James Brandon, 24 Jahre alt, ein freier Journalist aus Großbritannien, der zehn Monate im Irak gearbeitet hat, bevor er vergangenen Sommer in Basra gekidnappt wurde. "Im Irak kannst du an einer Straßenecke in Nadschaf oder Sadr City stehen und den Mudschahidin zusehen, wie sie sich zum Kampf gegen Amerika rüsten. Du kannst dann sagen: 'Dies ist nun die Frontlinie in diesem riesigen weltweiten Krieg um Ideen und Religionen.'"

Brandon kam 2003 in den Irak, um für das "Bagdad Bulletin" zu arbeiten - eine englischsprachige Zeitung, die direkt nach dem Ende des Feldzugs gegründet wurde, aber nur ein paar Monate existierte. Zuvor war er gerade mit seinem Nahost-Studium fertig geworden. Nach dem Ende des Bagdad Bulletin nahm er zahlreiche Aufträge an, etwa von "Bloomberg News" oder dem "Scotsman" aus Schottland. Die Berichterstattung über Kriege gibt Journalisten die Möglichkeit, zu den vornehmsten Wurzeln ihres Berufs zurückzukehren. Sie dienen der Öffentlichkeit.

Die Ahnung davon, dass ich im Nahen Osten mehr Gutes als in den USA tun könnte, trieb mich sechs Monate vor Ausbruch des Krieges nach Jordanien. Ich versuchte, soviel wie möglich über die Region zu lernen, noch bevor die Kämpfe begannen. Alles, was ich jemals wollte, war als Auslandskorrespondent zu arbeiten. Als ich im August 2002 vom "Wall Street Journal" entlassen wurde, schien die Zeit gekommen, meinen Wunsch in die Realität umzusetzen. Wenn ein Krieg erst mal losbricht, dann gibt es viele Journalisten, die ohne das nötige Hintergrundwissen über einen solchen Konflikt berichten. Ich wollte es anders machen.

Das ist sicher idealistisch, aber ich bin nicht die einzige. Ashraf Khalil hatte dieselbe Motivation. Der 33-Jährige aus Chicago hat sechs Jahre lang in Kairo gelebt und als freier Journalist gearbeitet, als er merkte, dass sein Wissen über die Region zu einer tiefgründigeren Berichterstattung aus dem Irak beitragen könnte. "Ich fühle eine Verantwortung, etwas zu diesen Geschichten beizutragen", sagt Khalil, der im Januar und Februar 2004 als Freier in Bagdad gearbeitet hat und nun für das Bagdader Büro der "Los Angeles Times" tätig ist. "Ich habe lange darauf gewartet, dass mich jemand finanziell unterstützt. Am Ende habe ich realisiert, dass es nicht passieren würde wenn ich es nicht selbst tun würde."

Es ist nicht einfach, eine solch wichtige Aufgabe zu erfüllen. Besonders wenn es Leute dort draußen gibt, die auf der Suche nach Ausländern sind - um sie zu enthaupten. Gezählt sind die Tage, an denen Autobomben und Angriffe auf Militärkonvois so unregelmäßig vorkamen, dass wir die Übersicht über deren Ort und Zeitpunkt behalten konnten.

Der Irak ist fast über Nacht zu einem erschreckend gefährlichen Ort geworden. Es passierte im Frühjahr 2004 mit der US-Belagerung von Falludscha und dem Aufstand der Schiiten unter Muktada al-Sadr. Ausländer waren auf den Straßen nicht mehr sicher. Autobomben gerieten zu einer fast alltäglichen Erscheinung. Der Ärger und die Gewalt sind seitdem immer schlimmer geworden. Und eine neue Form von Terror ist hinzugekommen: Kidnapping.

Im zweiten Teil lesen Sie, wie Jill und ihre Kollegen über Kidnapping, ihre Berufsrisiko und die Kunst, nicht aufzufallen, denken

Ungefähr 200 Ausländer, darunter viele freie Journalisten, sind entführt worden, seitdem die Aufständischen im Irak ihre Strategie um das Kidnapping ergänzt haben. Der britische Journalist Brandon wurde aus seinem Hotelzimmer in Basra heraus entführt. Es war eine gut durchdachte Operation mit mindestens einem Dutzend bewaffneter Männer. Eine Woche später führte man den Dokumentarfilmer Micah Garen mit vorgehaltener Waffe von einer Straße in Nassirija ab. Beide kamen später unversehrt frei.

Die Gefahren des Iraks wurden bald auch zum Übel für Journalisten. Im Juni wurde Freeman in Basra von einem Querschläger verletzt. Die Kugel galt einem Anhänger Muktada al-Sadrs, über den er gerade berichten wollte. Freeman erholte sich schnell von diesem Vorfall. In einem sind sich aber die meisten freien Journalisten einig: Solche Angriffe zu erleben hat eher etwas mit Pech zu tun als mit der Arbeit selbst. Und sie sagen, dass man nicht unbedingt ein hohes Risiko eingehen muss, um Geschichten zu bekommen, die sich auch verkaufen lassen.

"Ich habe nie den Druck verspürt, irgendein Risiko in Kauf zu nehmen, um Geschichten ins Blatt zu bekommen", sagt Freeman. "Ich persönlich glaube, dass Redakteure, die im Wettbewerb mit anderen stehen und einen Ruf zu verteidigen haben, viel eher unter den Druck geraten können, der 'Erste in Falludscha' zu sein oder was auch immer."

Gefangen im Hotelzimmer

Im vergangenen Frühjahr stieg die Zahl der Kidnappings und Enthauptungen sprunghaft an, und die westlichen Journalisten wurden zu Gefangenen in ihren eigenen Hotelzimmern. Wenn sie aus dem Haus gingen, fuhren sie immer mit zwei Autos. Eines vorneweg mit dem Journalisten, ein zweites folgend, für den Fall, dass das erste angegriffen wird. Khalil sagt, dass er bei der gegebenen Sicherheitslage daran zweifelt, ob er ohne die Unterstützung eines großen Medienunternehmens in den Irak gekommen wäre. "Ich habe jetzt Leuten gesagt, dass sie es nicht tun sollten", sagt er. "Es gibt die Einschätzung, dass speziell Journalisten in das Visier der Angreifer rücken könnten. Die Infrastruktur, die für wirkungsvolle Sicherheitsmaßnahmen notwendig ist, übersteigt einfach das, was sich freie Journalisten leisten können."

Stephen Negus, 34 Jahre alt, kam kurz nach der Einnahme von Bagdad in den Irak, ohne auch nur die leiseste Aussicht auf Arbeit zu haben. Er ist heute ein "Super Stringer" für die "Financial Times" und "The Economist". Im Grunde ein Redakteur, ohne diesen Titel zu führen, meint er, dass der Irak zu gefährlich und zu teuer geworden sei, um dort noch als freier Journalist zu arbeiten.

"Natürlich ist es möglich, aber dem normalen Verstand nach zu urteilen ist es verdammt dumm", sagt er. "Es besteht die Möglichkeit, dass Freie ein paar gute Geschichten bekommen können und danach sicher nach Hause zurückkehren. Aber über einen längeren Zeitraum hinweg nimmst du dein Leben in die eigene Hand, um das zu erreichen."

Wenig Aufsehen erregen als Lebensversicherung

Doch an einem Ort, wo möglichst wenig Aufsehen zu erregen die beste Lebensversicherung ist, scheinen die kleinen Operationen von freien Journalisten sicherer als die der großen Medienbetriebe, die sich große Häuser mit bewaffneten Sicherheitskräften mieten und bei denen Ströme von Ausländern frequentieren.

Billige Hotels haben sich als viel sichere Häfen erwiesen als die Luxushotels Sheraton oder Palestine, von wo aus viele große Medienunternehmen arbeiten. Die hohen Gebäude werden regelmäßig von Raketenfeuer getroffen. Zu Beginn in ein heruntergekommenes Hotel zu ziehen sei das Beste gewesen, was er hätte tun können, sagt Freeman heute. "Ich habe eine ganz andere Seite des Lebens im Irak kennen gelernt, weil ich in einem billigen Hotel gewohnt habe. Ich habe wahrscheinlich viel mehr Zeit mit Einheimischen verbracht."

Sich preislich in Bagdad einzuschränken bedarf freilich auch einiger Flexibilität, was die Lebens- und Essensstandards betrifft. Negus kam Mitte April 2003 mit zwei Fotografen in Bagdad an. Ihr Geländewagen war voll mit Nudeln bepackt. Negus hat zehn Jahre in Kairo gelebt, "wo es extrem schwierig ist, eine Geschichte zu verkaufen". Die drei teilten sich die Kosten für ein Zimmer im 16. Stock des Sheraton, das sie 80 Dollar die Nacht kostete. Es war damals eines der wenigen geöffneten Hotels, Elektrizität und Abwassersystem funktionierten kaum.

"Es war wie Camping in der Stadt", sagt Negus, ein Kalifornier. "Du konntest nicht einmal die Toilettenspülung benutzen." Höflichkeitshalber gingen sie deswegen alle auf die Toilette in der Hotellobby. "Ich lief die 16 Stockwerke hinunter und wieder hinauf mit einem Blitzlicht in der Hand. Du wärst blöd gewesen, wenn du den Aufzug benutzt hättest."

Ewige Suche nach der Story

Der Schlüssel zum Erfolg für viele Freien ist das Al-Dulaimi-Hotel - Zimmer ab 20 Dollar pro Nacht. Mit seiner barocken Inneneinrichtung, ein Andenken an seine frühere Nutzung als Bordell, ist das Hotel heute Heimat für Journalisten, Bettwanzen und geschmacklose Samtmöbel. Das hohe weiße Gebäude im Jadrijah-Viertel von Bagdad wurde noch von einer Prostituierten genutzt, als die ersten Reporter im Sommer 2003 einzogen. Jeder weiß, dass man neue Laken kaufen muss, bevor man im Dulaimi eincheckt. Dennoch: Dieses Hotel war nie Ziel von Angriffen. Auch das kleine Musafir Hotel direkt daneben nicht. Es ist viel zu niedrig, um von Raketen getroffen zu werden. Beide Hotels sind zu weit von der nächsten Hauptstraße entfernt, um mit einem Auto angegriffen werden zu können.

Das benachbarte Hamra Hotel ist dagegen Schlafstätte für Journalisten mit reichen Geldgebern. Es ist viermal so teuer, hier gingen schon mehrfach Angriffsdrohungen ein. Eine Seite des Gebäudes wäre im Ernstfall einem Raketenangriff schutzlos ausgeliefert. Aus irgendeinem Grund jedoch ist es voll belegt mit Journalisten.

Noch schwieriger aber als eine sichere und preiswerte Unterkunft zu finden ist die Suche nach Arbeit, um den Trip in den Irak zu rechtfertigen. Die meisten freien Journalisten schustern sich ein kleines Portfolio von Artikeln für manchmal recht obskure Abnehmer zusammen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es kostet viel Mühe, um packende Storys bieten zu können, die budgetabhängige Ressortchefs auch drucken wollen.

Negus hat angefangen, für "The Economist" zu schreiben, nachdem er einen Reporter des Magazins auf einer Party getroffen hatte. Der Mann erzählte ihm, dass das Redaktionsbüro in Bagdad unterbesetzt sei. Khalil, der zur Zeit in einem Bagdader Zimmer arbeitet, das ihm von der "L.A. Times" bezahlt wird, sagt, dass er den besten Weg ins gelobte Land der regelmäßigen Gehaltsschecks kenne. Es habe damit zu tun, sich "nicht ständig Sorgen machen zu müssen um Anwerbung, Zahlungsmodalitäten und Befütterung von vier verschiedenen Zeitungen". Er sagt: "Alles, was ich mittlerweile zu tun habe wenn ich morgens aufstehe, ist Storys schreiben."

Dann zieht er ein Stück Papier aus seinem Terminkalender heraus, dessen Ränder schon ausgefranst sind. Er klappt es auf und zeigt auf eine handgeschriebene Liste von Schlagwörtern seiner Geschichten und Honoraren, die er von Zeitungen bekommen hat. Ein Relikt seiner Zeit als freier Journalist. "Nur um mich an diese Zeiten zu erinnern", sagt er.

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Sebastian Christ

Mehr lesen über