Irak Gnadenlose Jagd auf Polizisten

"Wir töten Euch, Ihr seid Alawi-Polizei", mit dieser Begründung machen Aufständische Jagd auf irakische Sicherheitskräfte. Auf dem Rückweg von einem Trainingsaufenthalt wurden jetzt Dutzende Polizisten verschleppt. Neben den Entführungen steigt auch die Zahl grausamer Morde. Bei Mahmudija wurden die Leichen von 18 Enthaupteten entdeckt.


Bagdad - Die Angaben schwanken stark. Ein Polizeisprecher teilte in Kerbala mit, 31 Polizisten seien entführt worden, als sie von ihrem Sicherheitstraining aus Jordanien zurückkamen. Die Männer seien bereits am Sonntag in einem Hotel in Rutba nahe der jordanischen Grenze überfallen worden. Andere Quellen sagen, auf dem Rückweg von einem Ausbildungskurs in Jordanien sei eine Gruppe von 63 Polizisten entführt worden.

Der Polizist Leith Saad Naama teilte in Kerbela mit, nur er und ein zweiter Polizist seien den Entführern entkommen, die in der Nacht zum Dienstag in der Ortschaft Rutba nahe der jordanischen Grenze 63 seiner Kollegen gefangen genommen hätten. Die Polizisten hätten auf eigene Faust ohne Begleitung bewaffneter Wächter ihre Rückkehr von einem Ausbildungslehrgang in Jordanien organisiert und die Nacht in zwei Hotels in der Kleinstadt verbracht. Dort seien sie von rund zehn bewaffneten Kidnappern verschleppt worden. Er selbst habe sich im Hotelzimmer verstecken können.

Später habe er beobachtet, wie die Entführer seine Kollegen fesselten, ihnen Säcke über die Köpfe zogen und sie in einem Bus abtransportierten, berichtete Naama. Einer der Kidnapper, der mit einem syrischen Akzent gesprochen habe, habe vor der Abfahrt gerufen: "Wir töten Euch, Ihr seid Alawi-Polizei."

Dass die Entführer mit ihren Drohungen Ernst machen, zeigt ein Fall im Oktober. Damals waren neun Polizisten auf ihrem Heimweg von Jordanien nach Kerbela überfallen und getötet worden.

Irakische Sicherheitskräfte wurden auch im so genannten Todesdreieck südlich von Bagdad Opfer von Aufständischen. Dort wurden elf Nationalgardisten entdeckt, deren Körper alle enthauptet waren. Krankenhausärzte in Mahmudija berichteten, die Toten hätten im Nachbarort Latifija mitten auf einer Straße am Ortsrand gelegen.

Die Polizei hatte in Mahmudija bereits vor zwei Tagen die Leichen von 18 enthaupteten Irakern entdeckt. Die US-Armee berichtete, vorgestern habe sie bei einer Razzia in der Nähe von Mahmudija einen irakischen Lastwagenfahrer befreit, der von Extremisten als Geisel festgehalten worden war.

Anschlag auf US-Panzer

Heute sind bei einem Anschlag auf einen US-Panzer mehrere Menschen ums Leben gekommen. Ein Mann raste mit einem mit Sprengstoff bestückten Auto in den Panzer hinein, wie Augenzeugen aus Beidschi, 250 Kilometer nördlich von Bagdad, berichteten. Bei dem Anschlag sowie bei Kämpfen zwischen US-Truppen und Rebellen kamen mindestens zehn Menschen ums Leben, mindestens 20 wurden verletzt.

Um die Sicherheitslage im Irak zu verbessern, hat die Nato einem detaillierten Plan zur Entsendung von 300 Militärausbildern zugestimmt. Damit wird ein Programm der Allianz zur Ausbildung irakischer Heeresoffiziere ausgeweitet. Militärexperten der 26 Bündnis-Mitglieder hatten bereits in der vergangenen Woche dem Plan zugestimmt. Nach der Billigung durch die Nato-Botschafter können die Staats- und Regierungschefs das Projekt noch in diesem Jahr in Gang setzen. Bisher hat die Nato 70 Militärberater im Irak.

Alawi besorgt über Vorfall von Falludscha

Als Reaktion auf den gestern bekannt gewordenen Fall eines möglichen Kriegsverbrechens in einer Moschee in Falludscha hat der Chef der irakischen Übergangsregierung, Ijad Alawi, seine Besorgnis ausgedrückt. Gleichzeitig sagte er, die irakischen Sicherheitskräfte und die US-Armee hätten in Falludscha "einen großen Beitrag zur Verbesserung der Sicherheitslage" geleistet.

In der Bevölkerung wuchs die Empörung über die Tötung eines verwundeten und angeblich wehrlosen Irakers durch einen US-Marine, die von einem Kameramann dokumentiert worden war. "Wenn es die US-Armee wirklich ernst meinen würde mit der Verfolgung dieser Kämpfer, dann würde sie diese Verwundeten festnehmen und nicht töten", sagte der Lehrer Mahdi al-Omari.

Auch heute gingen die Kämpfe in der Rebellenhochburg weiter. Augenzeugen sahen nach US-Luftangriffen Rauch aufsteigen und berichteten von Straßenkämpfen zwischen Soldaten und Aufständischen im Süden der Stadt. Vielerorts lägen Leichen in den Straßen und unter den Trümmern von Häusern, sagte ein Augenzeuge.

In der Nachbarstadt Ramadi starben nach Informationen des arabischen Nachrichtensenders al-Arabija neun Iraker bei Gefechten mit US-Truppen. Augenzeugen berichteten, ein Selbstmordattentäter habe mit einer Autobombe auf der Straße zum Flughafen von Bagdad einen Iraker mit in den Tod gerissen und mehrere Amerikaner verwundet.



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