Vormarsch der Dschihadisten Großajatollah fordert neue Regierung für den Irak

Die ISIS-Kämpfer stoßen weiter Richtung Bagdad vor, irakische Regierungstruppen machen sich bereit zum Gegenschlag. Nun fordert der wichtigste religiöse Führer der Schiiten, Ali al-Sistani, eine neue, effektive Regierung für den Irak.

Irakische Frauen mit Sistani-Plakaten: Der Großajatollah plädiert für eine neue Regierung
AFP

Irakische Frauen mit Sistani-Plakaten: Der Großajatollah plädiert für eine neue Regierung


Bagdad - Inmitten der Krise im Irak fordert Großajatollah Ali al-Sistani die Bildung einer neuen Regierung. Damit erhöht das geistliche Oberhaupt den Druck auf Ministerpräsident Nuri al-Maliki, der der Lage im Irak nicht Herr wird. In seiner Ansprache am Freitag macht Sistani Iraks Premier für die Krise im Land verantwortlich. Die ISIS-Miliz ("Islamischer Staat im Irak und in Syrien"), die aus radikalen Sunniten besteht, befindet sich weiter auf dem Vormarsch Richtung Bagdad.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 26/2014
ISIS-Kommandeur Abu Bakr al-Baghdadi

Eine neue Regierung sollte zügig ihre Arbeit beginnen, sagte Sistani in seiner Botschaft, die von seinem Vertreter Abdul-Mahdi al-Kerbalai in Kerbela veröffentlicht wurde. Bis Dienstag müsse klar sein, wer die wichtigen Regierungs- und Staatsämter künftig bekleide, forderte Sistani. "Neue Horizonte mit einer besseren Zukunft für alle Iraker" sollten durch eine Neubesetzung in Bagdad eröffnet werden. Maliki hatte die Wahlen im April gewonnen und die sunnitische Minderheit daraufhin von wichtigen politischen Posten ferngehalten.

Auch die US-Regierung hatte bereits Kritik an Premier Maliki geäußert. Laut "Wall Street Journal" will Präsident Barack Obama eine neue Koalition der Einheit forcieren, zu der Premier Maliki nicht mehr gehöre. Laut dem Bericht traut die US-Regierung dem Schiiten nicht zu, das Land zu einen und politisch zu stabilisieren.

Ruf zu den Waffen

Derweil bereitet die irakische Regierung einen Gegenangriff auf die Isis-Miliz vor. Truppen sammeln sich nördlich von Bagdad, um die radikalislamischen Kämpfer aufzuhalten. Ein enger Mitarbeiter Malikis sagte am Freitag, die Regierung bereite einen Gegenschlag vor, nachdem es vorerst gelungen sei, die Isis-Kämpfer zu stoppen. Die Front verläuft derzeit in der Region um die Stadt Samara rund hundert Kilometer nördlich von Bagdad.

Großajatollah Sistani hatte sich bereits vor einer Woche in das politische Geschehen eingemischt: Am Freitag rief er seine Landsleute zum Widerstand gegen die sunnitischen Dschihadisten auf. Die Bürger sollten zu den Waffen greifen und "ihr Land, ihr Volk und ihre heiligen Stätten verteidigen" sagte ein Sprecher Sistanis beim Freitagsgebet. Wer könne, solle sich den Sicherheitskräften im Kampf gegen die Dschihadisten anschließen.

Bis zum Sturz des Saddam-Regimes 2003 stand Sistani unter Hausarrest. Der 83-Jährige vertritt eigentlich den Standpunkt, dass sich religiöse Würdenträger aus der Tagespolitik heraushalten sollten. Eine religiöse schiitische Regierung wie in Iran lehnt er ab. Umso bemerkenswerter ist nun sein zweiter Appell.

Irak und Syrien: Der Konflikt im Überblick
Städte unter ISIS-Kontrolle
Umkämpfte Städte
Gebiete, in denen ISIS aktiv ist
Kurden
Schiitische Araber
Sunnitische Araber
Hochburgen schiitischer Milizen

Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak
Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.

vek/syd/AP/Reuters

insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gott steh uns bei... 20.06.2014
1. ich wiederhole.. eine Einmischung fremder agressiver Kräfte(der westen)
Hätte nur noch mehr chaos zur Folge.. die Taliban können doch auch nichts zur Lösung des Nord-Irland Konflikts beitragen.. also muss man einfach abwarten bis die innerstaatlichen Konflikparteien selbst einsehen, dass gewalt nur zu noch mehr gewalt führt. . Und solange versuchen ausschließlich humanitäre hilfe zu geben für die frauen und kinder und alten und unbeteiligten.. europa war tausende jahre im Krieg und kommt allmählich erst zur ruhe.. auch diese ruhe ist nicht 100% (balkan krieg, jetzt ukraine)..
alexanderlord 20.06.2014
2. Das Märchen über Sistani
Unsinn, das ist ein okzidentales Märchen über Sistani, das bis heute hartnäckig bestehen geblieben ist. Sistani war keineswegs unpolitisch. Er empfängt doch ständig irakische Politiker und gibt Anweisungen. Sistani hat sogar ein schiitisches Bündnis bei den ersten demokratischen Wahlen nach Saddam Hussein geschmiedet und er hat sich bisher nie schlecht über Iran geäußert, sondern im Gegenteil. Aber im Westen herrscht immer noch das Ammenmärchen, dass Najaf unpolitisch wäre. Was für ein Witz. Najaf war nie unpolitisch. Khomeini hat seine Schriften über den islamischen Staat dort geschrieben. Sadr, Hakim, Sabzevari, Yaghoubi und viele mehr waren (weil verstorben) und sind Großayatollahs, die an die Führerschaft eines Großgelehrten glauben. Und auch Sistani hat es unlängst durch seine Fatwas zugegeben. Nur weil Khoi, der Najaf Jahrzehnte lang vorstand, nicht daran glaubte, bedeutet es nicht, dass andere führende Kleriker und sein Schüler Sistani ihm in dem folgen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.