Irak Hilforganisationen denken über Abzug nach

Die meisten ausländischen Hilfsorganisationen im Irak das Land vermutlich verlassen. Nach der Verschleppung zweier italienischer Helferinnen scheuen sie das Risiko für ihre Mitarbeiter.

Bagdad - "Ich rechne damit, dass die meisten Organisationen gehen werden", sagte der Koordinator der nichtstaatlichen Gruppen, Jean-Dominique Bunel, am Mittwoch in Bagdad. Bis zu 50 Mitarbeiter von ebenso vielen Organisation könnten den Irak verlassen. Bunel berät mit den Hilfsorganisationen das weitere Vorgehen. Eine Entscheidung soll noch heute fallen, hieß es.

Ob das Treffen tatsächlich heute stattfindet, ist unklar. Möglicherweise handelt es sich dem anberaumten Termin um ein Täuschungsmanöver. Eine Sprecherin der deutschen Gruppe Aktion Deutschland Hilft (ADH), Janina Niemietz, sagte unter Berufung auf Informationen aus Bagdad, das Treffen sei verschoben worden. Der neue Termin und Ort der Versammlung werde aus Sicherheitsgründen nicht bekannt gegeben.

Mit der Entführung der Italienerinnen sei die Unsicherheit unter den Mitarbeitern der nichtstaatlichen Organisationen (NGO) dramatisch gestiegen. "Das war ein ganz bewusstes Kidnapping. Das ist eine ganz neue Stufe der Radikalisierung von terroristischen Akten und der Gefährdung der internationalen Helfergemeinschaft", sagte Niemietz. Ihren Informationen zufolge seien noch sechs Mitarbeiter deutscher Hilfsorganisationen im Irak, davon zwei in der relativ ungefährlichen kurdischen Region.

Zur ADH gehören der Malteser Hilfsdienst, die Johanniter, der Arbeiter Samariter Bund, die Arbeiterwohlfahrt, CARE, der Paritätische Wohlfahrtsverband und World Vision.

Die Regierung in Rom sprach von einer Kriegserklärung gegen den Westen. Am Tag nach der Entführung der beiden Italienerinnen Simona Pari und Simona Torretta gab es eine Beratung mit der Opposition. Das Kidnapping sei eine neue Qualität der Bedrohung, hieß es anschließend. Minister Roberto Calderoli sagte, die irakischen Rebellen würden nicht zwischen ausländischen Zivilisten und Soldaten unterschieden.

Der stellvertretende Ministerpräsident Gianfranco Fini sagte, die Entführung zeige, dass "die Terroristen einen Quantensprung in ihrer Strategie vollzogen haben". Pari und Torretta hatten für die Hilfsorganisation "Brücke nach Bagdad" gearbeitet und Kinder betreut.

Zu der Entführung der beiden Italienerinnen und ihrer beiden irakischen Kollegen hat sich die islamische Terrorgruppe "Ansar al-Sawahiri" bekannt. Eiman al-Sawahiri heißt der Mann, der zweiter Mann der Qaida gilt und als Stellvertreter Osama bin Ladens. In dem Bekennerschreiben heißt es, die beiden italienischen Frauen seien Agentinnen des italienischen Geheimdienstes. Ihre Entführung sei eine erste Attacke gegen Italien, der weitere folgen würden.

Auch die französische Regierung kam zu einem Krisengespräch zusammen. Die Geiselnehmer sollen angeblich fünf Millionen Dollar Lösegeld für die Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot gefordert hatten. Das auf einer Internetseite am Montag dafür gestellte 48-stündige Ultimatum läuft heute aus. Im Internet wurde jedoch auch ein Dementi angeblich von der Gruppe Islamische Armee im Irak veröffentlicht. Sie habe weder Lösegeld gefordert noch ein Ultimatum gestellt.

In Falludscha wurde der von den USA eingesetzte Vize-Gouverneur der Provinz Anbar entführt. Mehrere vermummte Männer hätten am Vormittag das Haus von Bassem Mohammed Munadsched gestürmt und ihn verschleppt, sagten Angehörige. Weitere Einzelheiten zu der Entführung Munadscheds sind bisher nicht bekannt. In der Vergangenheit waren wiederholt Vertreter der irakischen Übergangsregierung entführt oder Ziel von Attentaten geworden. Falludscha gilt als Hochburg des sunnitischen Widerstands gegen die US-Truppen und die Übergangsregierung.

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