Offensive im Irak ISIS-Extremisten rufen "Islamisches Kalifat" aus

Es ist eine neue Demonstration der Macht: Die ISIS-Dschihadisten haben einen Staat mit islamischer Regierungsform ausgerufen. Befehlshaber des "Kalifats" sei ihr Anführer Abu Bakr al-Baghdadi.
Offensive im Irak: ISIS-Extremisten rufen "Islamisches Kalifat" aus

Offensive im Irak: ISIS-Extremisten rufen "Islamisches Kalifat" aus

Foto: STR/ AP/dpa

Hamburg/Bagdad - Die Dschihadistengruppe "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (ISIS) hat ein "Kalifat" ausgerufen. In einer am Sonntag im Internet veröffentlichten Audiobotschaft verkündete die Organisation die Schaffung dieser vor fast hundert Jahren verschwundenen islamischen Regierungsform.

ISIS veröffentlichte ihre Erklärung in mehreren Sprachen - neben Arabisch auch auf Englisch, Russisch, Französisch und Deutsch. Ein deutliches Zeichen dafür, dass die Dschihadisten über die Grenzen Syriens und des Irak hinaus an die Macht wollen. Deshalb hat die Gruppe auch ihren Namen offiziell geändert. Künftig heiße es nicht mehr "Islamischer Staat im Irak und in Syrien", sondern nur noch "Islamischer Staat".

Anführer des Staates sei Abu Bakr al-Baghdadi, der Anführer der Dschihadisten. Als Kalif sei er fortan Befehlshaber der Gläubigen und oberster Führer des Staates. Das Wort Kalif bedeutet im Arabischen "Nachfolger" - Baghdadi sieht sich also als Nachfolger des Propheten Mohammed an der Spitze der islamischen Gemeinschaft.

Widerspruch duldet das Kalifat nicht: In der Erklärung ruft der "Islamische Staat" alle Muslime auf, Baghdadi die Treue zu schwören. Alle, die dieser Forderung nicht Folge leisteten, würden als Abtrünnige behandelt und bekämpft.

Kampf um Tikrit

Der Zeitpunkt der Erklärung ist nicht zufällig gewählt: An diesem Wochenende hat der islamische Fastenmonat Ramadan begonnen, der wichtigste Monat im islamischen Kalender.

Die ISIS hatte am 9. Juni eine Offensive gegen die Regierung in Bagdad begonnen. Die radikale Sunnitengruppe brachte seitdem große Teile des Nordirak unter ihre Kontrolle. Die Dschihadisten kämpfen auch im benachbarten Syrien gegen die dortige Regierung. Ihr Ziel war stets die Gründung eines grenzübergreifenden islamischen Staates in der Region.

Der syrische Arm des Terrornetzwerks al-Qaida - die Nusra-Front - und andere islamistische Rebellen in Syrien haben nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte vom Samstag einen Gegenangriff auf ISIS gestartet.

Auch die irakische Armee hatte am Samstag eine Großoffensive gegen ISIS in der irakischen Stadt Tikrit begonnen - die islamistischen Kämpfer konnten sich jedoch offenbar erfolgreich wehren. Die Regierungstruppen haben sich laut einem BBC-Bericht in die Vorstadt Didschla, 25 Kilometer südlich von Tikrit, zurückgezogen. Es habe heftige Gefechte mit vielen Toten auf beiden Seiten gegeben, berichteten demnach Augenzeugen und Journalisten.

Mit der Rückeroberung der Stadt will das irakische Militär den ISIS-Vormarsch auf Bagdad stoppen. Tikrit liegt rund 140 Kilometer nordwestlich von Bagdad und ist neben Mossul eine der größten Städte in der Hand von ISIS.

Auch in Syrien sind die ISIS-Islamisten weiter auf dem Vormarsch. In Deir Hafer im Osten der Provinz Aleppo sollen Kämpfer acht Menschen hingerichtet und gekreuzigt haben. Das berichtet die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Es soll sich um rivalisierende Aufständische gehandelt haben. Ein neunter Mann sei in Bab nahe der türkischen Grenze acht Stunden lang gekreuzigt worden, er habe die Tortur aber überlebt.

Irakischer General für Teilung des Landes

Der Leiter des irakischen Krisenstabs im Kampf gegen die ISIS-Dschihadisten, General Ali al-Saidi, hat sich unterdessen für die Aufteilung des Landes in autonome Teilgebiete ausgesprochen. Schiiten, Sunniten und Kurden sollten jeweils ihre eigene Region erhalten, sagte der schiitische General der "Welt am Sonntag". Das sei "die einzige Lösung", um der Dschihadistengruppe ISIS den Rückhalt bei der sunnitischen Minderheit zu entziehen. "Natürlich können sie nicht, wie früher, den gesamten Irak regieren, aber zumindest sich selbst", sagte der General.

Saidi kritisierte, dass die Sunniten seit dem Sturz von Machthaber Saddam Hussein zu weit marginalisiert worden seien - dieser Vorwurf ist auch gegen den irakischen Ministerpräsident Nuri al-Maliki gerichtet: Kritiker werfen ihm vor, die Sunniten auszugrenzen und so den Vormarsch von ISIS zu begünstigen. Maliki hatte sich bisher auch immer wieder gegen eine Einheitsregierung aus Schiiten, Sunniten und Kurden ausgesprochen.

lgr/syd/isa/AFP
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