ISIS-Vorbild Die betrunkenen Kalifen von Bagdad

Die ISIS-Dschihadisten im Irak wollen das islamische Kalifat wiedererrichten. Was die Fundamentalisten nicht zu wissen scheinen: Die Herrscher, die einst in Bagdad regierten, führten ein ziemlich ausschweifendes Leben - mit Wein und jungen Männern.
Altes Abbasiden-Schloss Uchaidir im Irak: Die Kalifen liebten Gelage

Altes Abbasiden-Schloss Uchaidir im Irak: Die Kalifen liebten Gelage

Foto: MOHAMMED SAWAF/ AFP

Die Wiedererrichtung des Kalifats im Irak und in Syrien, dieses Ziel hat ISIS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi ausgegeben. Mehr als zehntausend Kämpfer sind dafür in den vergangenen Monaten in die Schlacht gezogen. Die Dschihadisten haben große Teile Syriens und des Irak unter ihre Kontrolle gebracht und stehen weniger als hundert Kilometer vor Bagdad.

Mehr als 750 Jahre ist es her, dass zuletzt ein Kalif am Tigris regierte. 1258 eroberten die Mongolen Bagdad, zerstörten und plünderten die Stadt, vertrieben die Herrscherdynastie der Abbasiden und zerschlugen das Kalifat.

Dass die ISIS-Fundamentalisten nun an diese Geschichte anknüpfen wollen, ist verwunderlich. Denn das Leben am Hofe der Kalifen von Bagdad hatte nur wenig gemein mit dem, was die Dschihadisten unter einer islamischen Ordnung verstehen. Die Hauptstadt des Reichs war jahrhundertelang nicht nur das Zentrum der Wissenschaften und Künste, sondern auch ein Sündenbabel.

Anzügliche Verse

Viele Kalifen, in deren Fußstapfen nun die ISIS-Terroristen treten wollen, liebten den Wein und junge Männer. Und sie beschäftigten Hofpoeten, die das ausschweifende Leben am Tigris-Ufer in Verse packten. Der bekannteste Dichter jener Zeit war Abu Nuwas, der Ende des achten, Anfang des neunten Jahrhunderts zu Zeiten des legendären Kalifen Harun al-Raschid lebte und ein enger Vertrauter des Herrschers war. Er verfasste viele Wein- und Liebesgedichte, zumeist in homoerotischer Form. Ein Beispiel:

"Als er dann endlich kam, führte ich ihn an einen Ort, den Augen der Verräter und Neider entzogen.

Ich gab ihm kleine Mengen Weins zu trinken. Als er genug vom Trinken hatte, legte er sich auf die Seite, um zu ruhen.

Ich stand auf, um seine Kleider zu lösen und seine Schenkel zu streicheln.

Danach umarmten wir einander: ich küsste ihn unaufhörlich auf seinen schneeweißen Mund.

Als seine Verblendung vorüber war, stand er tiefbetrübt auf, mit heftigem Herzweh."

Frauen in Männerkleidern für den Kalifen

Der Sohn von Harun al-Raschid und Nachfolger auf dem Kalifenthron, al-Amin, trieb es noch bunter. Laut den Überlieferungen der Hofschreiber unterhielt er einen ganzen Harem mit jungen Männern und ließ allabendlich Eunuchen für sich tanzen und singen. Sehr zum Leidwesen seiner Mutter Subaida: Sie ließ al-Amin eigens Sklavinnen mit kurzen Haaren und knabenhafter Figur in Männerkleidung zuführen - in der Hoffnung, ihn doch noch für das weibliche Geschlecht zu begeistern. Die Mühe war vergebens: Im Jahr 813 ermordete ein aufständischer General den Herrscher. Weil der homosexuelle al-Amin kinderlos geblieben war, folgte ihm sein Bruder an der Spitze des Kalifats nach.

Alkohol und Glücksspiel waren keineswegs nur das Privileg der reichen Oberschicht. Auch das gemeine Volk zog es in Trinkhäuser und Cafés, in denen es Wein tranken und Backgammon spielte.

Jenseits dieser Ausschweifungen war Bagdad im achten und neunten Jahrhundert unter den Kalifen die Welthauptstadt für Astrologen und Mediziner, Philosophen und Mathematiker. Christliche und Jüdische Wissenschaftler hatten daran entscheidenden Anteil. Und die Stadt war nicht zuletzt Austragungsort erhitzter innerislamischer Debatten über den Koran.

Die heutigen Kalifatskämpfer des ISIS wollen von alldem überhaupt nichts wissen. In der von ihnen eroberten irakischen Provinz Ninive haben die Terroristen drakonische Regeln erlassen. Trinken und Rauchen sind verboten, allen Gegnern drohen sie mit der Todesstrafe. Im ISIS-Kalifat ist für Andersgläubige kein Platz vorgesehen.

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