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04. August 2019, 21:23 Uhr

Schattenkrieg in Nahost

Israels Jagd auf die iranische Phantomarmee

Eine Analyse von und

Zwei Luftangriffe auf iranische Stellungen, tief im Irak - aber niemand will es gewesen sein. Auch das Regime in Teheran schweigt. Israelische Experten vermuten die eigene Armee dahinter.

In den vergangenen beiden Wochen sind Raketen auf zwei Militärstützpunkten im Irak eingeschlagen. Am 19. Juli traf ein Flugkörper eine Basis nahe der Stadt Amerli nördlich von Bagdad. Nach Angaben des Nachrichtensenders Al Arabiya sollen kurz zuvor iranische Raketen dorthin transportiert worden sein.

Am 28. Juli traf dann ein Geschoss das Camp Ashraf nördlich von Bagdad. Bei dem Angriff soll nicht nur ein Raketenlager zerstört worden sein, auch mehrere iranische Militärberater seien getötet worden, berichtet die Tageszeitung "Asharq al-Awsat".

Das Blatt enthüllte auch, wer für die Luftschläge verantwortlich sein soll: Israels Militär habe die Angriffe durchgeführt, heißt es unter Verweis auf westliche Geheimdienste. Zumindest beim ersten Angriff habe Israel einen Angriff mit einem F-35-Kampfjet geflogen.

Satellitenbilder belegen, das in beiden Anlagen zu den fraglichen Zeitpunkten Gebäude zerstört wurden. Die von Teheran unterstützten Milizen im Irak bestätigten die Angriffe ebenfalls im Grundsatz und machten auch Israel verantwortlich - bestritten allerdings, dass Iraner getötet wurden. Israels Regierung schweigt ebenso wie das iranische Regime.

Es wäre der erste bekannt gewordene Angriff der israelischen Luftwaffe im Irak seit 1981. Damals zerstörte ein Staffelverband von F15- und F16-Kampfjets in der "Operation Opera" den Kernreaktorkomplex Osirak, den Diktator Saddam Hussein unter anderem mit französischer Hilfe gebaut hatte.

Ob die nun veröffentlichten Medienberichte über die beiden jüngsten Angriffe stimmen, könne zwar bislang nicht abschließend verifiziert werden, sagt Eyal Zisser, Nahost-Experte und Vizerektor der Universität Tel Aviv. "Aber sie ergeben Sinn, denn Israel hat bereits angekündigt, nicht nur die iranische Präsenz in Syrien, sondern auch die im Irak ins Visier zu nehmen".

Die Islamische Republik und der jüdische Staat sind Erzfeinde. Beide Staaten liefern sich seit Jahren einen Schattenkrieg, vor allem im Bürgerkriegsland Syrien. Die Regierung in Teheran setzt dabei vor allem auf schiitische Milizen wie die libanesische Hisbollah (Lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen). Erst in der vergangenen Woche griff die israelische Luftwaffe Stellungen proiranischer Guerillas nahe den Golanhöhen an.

Finanziert und trainiert werden diese Gruppen vorwiegend von den iranischen Revolutionswächtern, dem Rückgrat des Teheraner Sicherheitsapparats. Der Mastermind dahinter: Qassem Soleimani, Befehlshaber der Quds-Brigade, einer Eliteeinheit, die für Auslandseinsätze verantwortlich ist. Der 62-jährige General ist Vater von fünf Kindern, beginnt seine Arbeitstage einem Bericht des "New Yorker" zufolge morgens um 4.30 Uhr und erhält seine Befehle direkt vom Obersten Revolutionsführer, Ajatollah Ali Khamenei.

Soleimanis Ziel ist der Auf- und Ausbau des sogenannten Schiitischen Halbmonds, eine Landverbindung von Teheran über Bagdad und Damaskus bis nach Beirut, Libanons Hauptstadt, die nur wenige Flugminuten von der israelischen Grenze entfernt ist.

In den vergangenen Tagen soll er im irakisch-syrischen Grenzgebiet rund um den Ort Abu Kamal Kommandeure verschiedener proiranischer Milizen getroffen und aufgefordert haben, sich für eine mögliche militärische Konfrontationen mit Israel vorzubereiten.

"Abu Kamal wird von Iran als strategisch wichtiger Grenzübergang betrachtet", sagt Raz Zimmt. Der Iran-Experte am Institut für Nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv verfolgt die Expansionspolitik Teherans seit Jahren. Die Islamische Republik versuche gegenwärtig, eine Öffnung der Grenze bei Abu Kamal voranzutreiben. Ein solcher Schritt würde es der Islamischen Republik erleichtern "seine Abhängigkeit von den riskanten Flug- und Schifffahrtsrouten zu reduzieren, um Truppen, Rüstungsgüter und Waffen von Iran über Irak nach Syrien und in den Libanon zu transportieren."

Wie schon 1981 müssten die israelischen Jets nun erneut jordanischen Luftraum überflogen haben - mit Billigung der Führung in Amman. "Jordanien spielt für Israel eine wichtige Rolle als Pufferstaat", erklärt Nahost-Experte Zisser. Zudem sehe auch das Königreich den wachsenden Einfluss Irans in der arabischen Welt mit Sorge.

Für Teheran sei der Irak aber kein Ersatz für den Aufbau der Front in Syrien, sondern eine Ergänzung, so die Einschätzung der israelischen Experten. Im Vergleich zu Syriens Diktator Baschar al-Assad, der sein politisches Überleben maßgeblich den Revolutionswächtern zu verdanken hat, muss Iran in Bagdad deutlich mehr Rücksicht auf die innenpolitischen Gegebenheiten nehmen.

Das hat vor allem ökonomische Gründe, meint Zimmt: "Iran betrachtet die Stabilität des Irak als wichtig. Die meisten iranischen Aktivitäten im Irak konzentrierten sich darauf, wirtschaftliche Präsenz zu sichern."

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