Vormarsch der Terroristen im Irak Ein Staat scheitert

Im Irak übernehmen militante Islamisten in ganzen Regionen das Kommando, die Regierung in Bagdad kann dem Vormarsch der Dschihadisten nichts entgegensetzen - trotz jahrelanger US-Präsenz. Wie konnte das passieren?
Vormarsch der Terroristen im Irak: Ein Staat scheitert

Vormarsch der Terroristen im Irak: Ein Staat scheitert

Foto: AFP/ Isil

Fast neun Jahre lang waren US-Kampftruppen im Irak stationiert. Der Kriegseinsatz hat die Vereinigten Staaten nach vorsichtigen Schätzungen eine Billion Dollar gekostet. Knapp 4500 amerikanische Soldaten haben den Einsatz mit ihrem Leben bezahlt. Die Errichtung eines demokratischen Musterstaats im Nahen Osten war einst das Ziel Washingtons.

Die ernüchternde Realität: Zweieinhalb Jahre nach Abzug der letzten US-Kampfeinheiten sind die Terroristen im Irak so stark wie nie zuvor. Die Dschihadisten der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) kontrollieren inzwischen den Nordwesten des Landes, sie haben die Großstädte Mossul und Tikrit erobert, türkische Diplomaten als Geiseln genommen und die größte Ölraffinerie in Baidschi eingenommen. Wie konnte es so weit kommen?

Die USA haben bei ihrem Abzug aus dem Irak 2011 einen Staat hinterlassen, der nicht im Stande ist, die Sicherheit seiner Bürger zu gewährleisten. Die Fehler, die zu dieser Entwicklung führten, wurden jedoch lange vorher gemacht:

  • Nach dem Sturz Saddam Husseins im Frühjahr 2003 hatten die US-Besatzer fast alle staatlichen Institutionen praktisch zerstört - allen voran die Armee. Mit der Auflösung ganzer Kampfverbände standen plötzlich Zehntausende junger irakischer Männer ohne Perspektive dar. Die meisten von ihnen gehörten wie Ex-Diktator Hussein der sunnitischen Minderheit an. Sie fühlten sich dadurch als die großen Verlierer, die von der schiitisch dominierten Zentralregierung Bagdad vernachlässigt werden. Viele Sunniten wurden dadurch in den Untergrund gedrängt.

  • Mit dem seit 2006 amtierenden Regierungschef Nuri al-Maliki unterstützen die USA und ihre Verbündeten seit acht Jahren einen Politiker, der trotz aller Beteuerungen kein Interesse an einem Ausgleich zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden zeigt. Er bevorzugt seine schiitischen Glaubensbrüder, die ihn deshalb bei den Parlamentswahlen 2009 und 2014 mehrheitlich gewählt haben. Dagegen bleiben die Sunniten bei der Verteilung der Einnahmen aus den Ölexporten des Landes weitestgehend außen vor.

  • Mit fanatischem Eifer bekämpft die Maliki-Regierung alle Politiker, die einst mit der Baath-Partei von Saddam Hussein gemeinsame Sache gemacht haben. Die meisten von ihnen sind Sunniten. Die Folge ist, dass es derzeit keinen sunnitischen Politiker im Irak gibt, der eine Integrationsfigur abgeben könnte.

  • Nach der ersten großen Terrorwelle im Irak begannen die USA im Jahr 2005 die sunnitischen Stämme in der Provinz Anbar im Westirak zu bewaffnen. Kurzfristig hatte diese Strategie Erfolg. Diese sogenannten Erweckungsräte - eigentlich nichts anderes als Stammesmilizen - drängten den Einfluss des Terrornetzwerks al-Qaida im Irak zunächst zurück. Als die Kämpfer ihre Schuldigkeit getan hatten, wurden sie von der Maliki-Regierung im Stich gelassen. Anders als versprochen wurden die Erweckungsräte 2008 nicht in die staatlichen Sicherheitskräfte integriert. Die Folge: Zehntausende Männer standen ohne Gehalt und ohne Aufgabe da - dafür aber ausgerüstet mit Waffen aus den USA.

Heute ist die Provinz Anbar mit ihren Städten Falludscha und Ramadi das Herzland des "Islamischen Staat im Irak und in Syrien". Von hier aus drangen ihre Kämpfer entlang des Euphrat erst nach Syrien vor, nun haben sie Mossul und Tikrit in ihre Gewalt gebracht und stehen vor der Einnahme von Samarra.

Trotz Militärhilfen der USA hat die staatliche Armee den Dschihadisten wenig entgegenzusetzen. Elf Jahre Bürgerkrieg, in dem die Truppen zwischen den Fronten zerrieben wurden, haben die Moral der Soldaten zersetzt. Das hat auch Premier Maliki erkannt. Er will nun Freiwillige bewaffnen, die sich der Isis in den Weg stellen sollen.

Der angeschlagene Regierungschef ist auf die Hilfe seines Erzfeindes Muktada al-Sadr angewiesen. Jahrelang lieferte sich Maliki mit dem schiitischen Prediger einen erbitterten Machtkampf, dem Tausende Menschen zum Opfer fielen. Nun hat Sadr, der eigentlich längst seinen Rückzug aus der Politik erklärt hatte, zur Bildung von Bürgerwehren aufgefordert, um heilige Stätten von Muslimen und Christen zu schützen. Noch immer kann Sadr Tausende schiitische Milizionäre mobilisieren.

Maliki muss auch auf die Hilfe der Kurden hoffen. Hunderttausende Iraker sind vor den Isis-Terroristen in die Autonome Region Kurdistan geflüchtet. Die dortigen Peschmerga, die Sicherheitskräfte der kurdischen Regierung, haben sich in den vergangenen Jahren als disziplinierte und gut aufgestellte Kampfeinheiten erwiesen. Im Nordirak sind sie inzwischen die letzte Bastion gegen den weiteren Vormarsch der Dschihadisten.

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