Irak-Krieg Briten räumen ein, dass Irak keine unmittelbare Bedrohung darstellte

Die britische Regierung muss sich immer massiver gegen Vorwürfe verteidigen, den Feldzug gegen Saddam Hussein geführt zu haben, ohne dass es Beweise für irakische Massenvernichtungswaffen gegeben habe. Außenminister Jack Straw gab immerhin zu, dass vom Irak keine unmittelbare Bedrohung ausgegangen sei.


In der Defensive: Jack Straw
DPA

In der Defensive: Jack Straw

London - Saddam Hussein sei eine Bedrohung für den internationalen Frieden und die Sicherheit gewesen, sagte Straw in einem BBC-Interview. Es gebe "überwältigende" Beweise, dass er verbotene Waffen besessen habe.

Straw räumte ein, dass von Bagdad keine unmittelbare Bedrohung ausgegangen sei. Dies sei aber auch nie der zentrale Punkt der Überlegungen der britischen Regierung hinsichtlich des Krieges gewesen. Die von Saddam Hussein ausgehende Bedrohung sei jedoch ausreichend gewesen, um die Hände nicht in den Schoß zu legen. Im September hatte das Büro von Premierminister Tony Blair ein Dossier vorgelegt, wonach Irak Massenvernichtungswaffen mit einer Vorwarnzeit von 45 Minuten hätte einsetzen können.

Blair wiederum wies Vorwürfe seiner ehemaligen Entwicklungshilfeministerin Clare Short zurück. Diese hatte ihm vorgehalten, das Kabinett in der Frage des Kriegsgrunds systematisch hinters Licht geführt zu haben. Blair habe sich bereits im vorigen August zum Krieg entschlossen. Danach sei eine Atmosphäre der zwingenden Notwendigkeit geschaffen worden, und Geheimdienstmaterial sei in diesem Sinne interpretiert worden.

Äußerungen des stellvertretenden US-Verteidigungsministers Paul Wolfowitz hatten Ende voriger Woche die Zweifel an der Existenz von verbotenen Waffen im Irak genährt. Mit der von diesen Waffen ausgehenden Bedrohung hatten die USA und Großbritannien den Krieg gegen Irak begründet. Wolfowitz erklärte nun, das Weiße Haus habe die Bedrohung mit Massenvernichtungswaffen lediglich aus regierungstaktischen Erwägungen in den Mittelpunkt gestellt.

Der stellvertretende russische Außenminister Juri Fedotow forderte unterdessen, die Suche nach verbotenen Waffen im Irak solle nicht unendlich fortgesetzt werden. Das Kapitel irakische Entwaffnung müsse im Einklang mit der Staatengemeinschaft rasch abgeschlossen werden. Er forderte die USA nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax auf, alle ihre Unterlagen dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zur Verfügung zu stellen.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) will bis zum Wochenende ein Expertenteam in den Irak schicken, das das restliche Nuklearmaterial in der irakischen Atomanlage Tuwaitha untersuchen soll. Das Team werde am Mittwoch aufbrechen, teilte die IAEA mit. Ursprünglich sollte die Kommission bereits vorige Woche in den Irak fliegen. Die Abreise verzögerte sich jedoch. Dafür wurden logistische Gründe genannt.

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