Irak-Krieg Britischer Verteidigungsminister entwirft Exit-Strategie

Fieberhaft wird in Washington und London nach einem Ausweg aus dem Irak-Dilemma gesucht. Jetzt zeichnet sich erstmals eine mögliche Rückzugs-Strategie ab: Der britische Verteidigungsminister Browne erwartet, dass Iraks Soldaten in einem Jahr den Schutz des Landes selbst übernehmen könnten.


London - Wenn Barham Saleh heute mit Tony Blair zu Gesprächen nach London in die Downing Street kommt, wird der irakische Vizepremier einem entschieden auftretenden britischen Regierungschef gegenübersitzen. Blair werde das Treffen dazu nutzen, um Druck auf die irakische Regierung auszuüben, berichtet der "Guardian". Der Labour-Politiker will demnach, dass die irakische Armee im Süden des Landes möglichst bald die Aufgaben britischer Soldaten übernimmt. Es gehe, so berichtete das Blatt, um eine "Exit-Strategie" für Großbritannien.


Britische Regierungsvertreter haben ihre Vorstellungen bereits in den vergangenen Tagen skizziert. Er erwarte, dass die irakischen Kräfte innerhalb von zwölf Monaten imstande seien, die britischen Soldaten abzulösen, sagte Verteidigungsminister Desmond Browne.

Ähnlich äußerte sich Großbritanniens Außenstaatssekretär Kim Howells. Er denke, dass in etwa einem Jahr irakische Soldaten und Polizisten ausreichend trainiert und ausgebildet seien, "um den Job zu machen".

Blair werde in dem Gespräch deutlich machen, dass die britische Regierung ihre Soldaten nicht voreilig aus dem Irak abziehen werde, berichtete der "Guardian" - es gehe ihm aber um eine Einschätzung, ob die irakische Regierung mehr tun könne, um die irakischen Sicherheitskräfte zu stärken.

Barham Saleh hat vor seinem Gespräch mit Blair nocheinmal öffentlich um eine fortdauernde Stationierung ausländischer Soldaten gebeten. Es gebe keinen Grund für einen Abzug der Koalitionstruppen in London. Die Diskussion über die Lage im Irak habe in den USA und in Europa einen pessimistischen, "miesmachenden" Ton bekommen, kritisierte der stellvertretende Regierungschef. Bis zum Jahresende könnten irakische Sicherheitskräfte sieben oder acht der 18 Provinzen kontrollieren, sagte Saleh. Bis sich die Situation eingependelt habe, müssten jedoch weiterhin ausländische Soldaten im Irak bleiben.

In den vergangenen Tagen hatte es wiederholt Kritik an der Irak-Politik Blairs gegeben. Sir Jeremy Greenstock, früherer Uno-Botschafter und einst enger Berater Blairs für den Irak, bezeichnete den Irak-Krieg als "einen Fehler" und "ein Schlamassel". Für die Koalitionstruppen gebe es von nun an nur noch "schlechte Alternativen". Um die andauernde Gewalt in dem Land zu beenden, seien erhebliche neue diplomatische Bemühungen nötig - Syrien und Iran müssten daran beteiligt werden.

Auch am Wochenende kam es im Irak zu Gewalt. Wie das US- Militärkommando heute, wurden am Sonntag sechs Soldaten getötet. Sie seien im Großraum Bagdad von Heckenschützen erschossen oder mit selbst gebauten Bomben getötet worden.

Der Oktober ist mit mindestens 86 getöteten US-Soldaten seit Jahresbeginn der verlustreichste Monat für die amerikanischen Truppen im Irak. Die meisten Angriffe der Aufständischen wurden in der Hauptstadt Bagdad sowie in der westlichen Provinz Anbar verübt.

hen/dpa/AP



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