Irak-Krieg Immer wieder Bomben auf Bagdad

Rauchwolken schießen gen Himmel, Flammen lodern in der Innenstadt: Das alliierte Großbombardement auf Bagdad hat begonnen. Schwere Explosionen erschütterten auch die nordirakischen Städte Mossul und Kirkuk. Nach Angaben des Pentagons wurden mehrere hundert Ziele bombardiert. Allein die US-Marine feuerte 320 Raketen ab. In der Nacht zum Samstag wurden die Bombardements fortgesetzt.


Angriff auf Bagdad: Ein riesiger Feuerball erleuchtet den Himmel nach der Detonation einer Bombe
AP/ABU-DHABI TV

Angriff auf Bagdad: Ein riesiger Feuerball erleuchtet den Himmel nach der Detonation einer Bombe

Bagdad/Washington/London - Kampfjets griffen am Samstagmorgen Außenbezirke der irakischen Haupstadt an. "Die Flugzeuge fliegen sehr tief", sagte der Reuters-Korrespondent Nadim Ladki. Kurz vor dem erneuten Angriff seien Luftalarmsirenen zu hören gewesen.

Am Freitagabend war der Stadtkern Bagdads von zahlreichen gewaltigen Explosionen erschüttert worden. Der Regierungskomplex stand nach dem Angriff in Flammen. Krankenwagen rasten mit heulenden Sirenen durch die Straßen. Allein in Saddam Husseins Hauptpalast in Bagdad schlugen nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters ein Dutzend Raketen ein. Später folgte offenbar ein zweite Welle von Luftangriffen.

US-Kriegsschiffe feuerten nach Angaben der US-Marine rund 320 Marschflugkörper vom Typ "Tomahawk" auf Ziele in der Umgebung von Bagdad ab. Konteradmiral Matthew Moffit sagte Journalisten, die Raketen seien von Kriegsschiffen im Golf und im Roten Meer abgefeuert worden. Dies sei so abgestimmt gewesen, dass sie ihre Ziele nahezu gleichzeitig getroffen hätten.

Gegen halb zehn gaben Sirenen in Bagdad Entwarnung. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Der arabische Fernsehsender "al-Dschasira" meldete heftige Luftangriffe auf die Ölstädte Mosul und Kirkuk im Nordirak. Das irakische Fernsehen und der Rundfunk sendeten während des Angriffs auf Bagdad ununterbrochen weiter, selbst aus Gebäuden, die in unmittelbarer Nähe der Explosionen standen. Ein "CNN"-Korrespondent berichtete, dass Journalisten vor Ort von der Wucht der Explosionen von den Füßen gerissen wurden.

Vertreter des Pentagon sagten, der "A-Day" ("Aerial Day") habe begonnen. Im Rahmen der "Schock-und-Furcht" ("shock and awe")-Luftkampagne sollten innerhalb von 48 Stunden mehr als 3000 satellitengesteuerte Bomben abgeworfen werden. US-Generalstabschef Richard Myers sagte kurz nach Beginn des Angriffs, die Luftwaffe werde in den nächsten Stunden Hunderte Ziele ins Visier nehmen.

Der britische Generalstabschef kündigte unterdessen nach einer Meldung des Nachrichtensenders "n-tv" an, die Hafenstadt Basra werde noch in dieser Nacht fallen.

Rauchsäulen stehen über dem Zentrum der Fünf-Millionen-Stadt
REUTERS/ABU DHABI-TV

Rauchsäulen stehen über dem Zentrum der Fünf-Millionen-Stadt

Der Angriff der Langstreckenbomber sei Teil eines "großen Knalls", war zuvor aus britischen Militärkreisen verlautet. Am Vormittag starteten acht B-52-Bomber der US-Luftwaffe von einem Luftwaffenstützpunkt im Westen Englands. Die B-52 können bis zu 20 Marschflugkörper gleichzeitig abfeuern.

US-Militärs hatten am Nachmittag die Einnahme von Umm Qasr, Iraks einzigem größeren Hafen am Persischen Golf, durch amerikanisch-britische Truppen nach mehrstündigen Gefechten bestätigt. Ein eingeflogener Reporter des US-Fernsehsenders "CNN" berichtete, in der strategisch wichtigen Stadt sei es inzwischen wieder ruhig. Anderen Berichten zufolge meldete die britische Führung, dass sich bereits mehrere hundert irakische Soldaten in Kriegsgefangenschaft befinden.

Der britische Premierminister Tony Blair bestätigte, dass die Halbinsel Fao vor der südirakischen Hafenstadt Basra ebenfalls fest in der Hand der Alliierten sei. Die wichtigen Ölquellen seien gesichert. Der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon hatte zuvor im Unterhaus erklärt, dass rund 30 Ölquellen im Südirak in Brand gesetzt worden seien. "CNN" zeigte Bilder aus Kuweit-Stadt, wo dichte schwarze Rauchwolken am nördlichen Horizont zu sehen waren.

Zugleich nahmen die Alliierten nach eigenen Angaben bei Blitzangriffen zwei strategisch bedeutende Flugplätze und mehrere Ölfelder westlich von Basra im Südirak ein. Die beiden Flugplätze sind einem US-Militärvertreter zufolge wichtig für weitere militärische Operationen.

Amerikanischer B-52-Bomber: Kurs auf den Irak
AFP

Amerikanischer B-52-Bomber: Kurs auf den Irak

Vor den Toren der Stadt Nassirija, rund 300 Kilometer südöstlich von Bagdad, wurden Amerikaner und Briten nach einem Bericht der "BBC" in Kämpfe verwickelt. Die Iraker hätten anscheinend "herbe Verluste" erlitten. Unter anderem seien Raketen abgefeuert worden. Nassirija Stadt hat strategische Bedeutung, weil hier der Übergang über den Euphrat auf dem Weg nach Bagdad liegt.

Der amerikanisch-britische Vorstoß auf die irakische Hauptstadt komme zum Teil "sehr schnell" voran, berichtete ein "BBC"-Korrespondent. Es sei eine mehrere Kilometer lange Schlange aus Tausenden von Panzern und anderen Militärfahrzeugen. Beim Vormarsch der Alliierten sollen sich dem Bericht zufolge Hunderte von irakischen Soldaten ergeben haben.

Alliierte Einheiten könnten bereits "binnen drei bis vier Tagen" die irakische Hauptstadt erreichen, sagte ein britischer Militärsprecher. Sie träfen bei ihrem Vormarsch im Allgemeinen auf wenig Widerstand. Dem wurde von irakischer Seite jedoch heftig widersprochen.

Diese Information deckt sich mit dem Bericht eines Reuters-Korrespondenten, dem zufolge der Vorstoß amerikanischer Truppen auf Bagdad am Euphrat ins Stocken geriet. Irakische Truppen leisteten bei der Stadt Nassirija zähen Widerstand. Die US-Truppen hätten auf das gegnerische Feuer mit dem Abschuss von zwei Raketen reagiert. US-Offiziere erklärten, sie würden in Kürze in das Gefecht eingreifen. Nassirija ist ein wichtiger Übergangspunkt über den Euphrat etwa 375 Kilometer südöstlich von Bagdad.

Ein US-Marinesoldat hisst eine amerikanische Flagge über der eroberten irakischen Hafenstadt Umm Kasr
REUTERS

Ein US-Marinesoldat hisst eine amerikanische Flagge über der eroberten irakischen Hafenstadt Umm Kasr

Militärbeobachter sahen unterdessen Anzeichen dafür, dass sich der irakische Präsident Saddam Hussein auf die Verteidigung der Hauptstadt Bagdad konzentriert. Die von den USA angekündigten massiven Luftbombardements blieben zunächst weiter aus.

Der irakische Informationsminister Mohammed Said al-Sahaf widersprach vor der Presse in Bagdad den Erfolgsmeldungen der Amerikaner und Briten. Er dementierte erste Meldungen über die Einnahme von Umm Kasr. Die Bilder vom Vormarsch der Amerikaner und Briten im Südirak seien ebenso gefälscht wie die Aufnahmen von irakischen Soldaten, die sich ergeben.

Die Alliierten meldeten unterdessen erste Verluste. In Nord-Kuweit kamen nach offiziellen Angaben acht britische und vier amerikanische Soldaten beim Absturz eines Helikopters ums Leben. Der Transporthubschrauber vom Typ CH-46 "Sea Knight" sei aber nicht durch feindlichen Beschuss abgestürzt, sagte ein britischer Militärsprecher. Außerdem ist nach Angaben des Pentagon ein US-Marineinfanterist gefallen. Der Irak meldete den Abschuss eines amerikanischen Kampfflugzeugs. Dafür gab es keine Bestätigung.

In der Hauptstadt Bagdad herrschte gespannte Ruhe, nachdem die Stadt in der Nacht zuvor erneut mit mehreren Marschflugkörpern angegriffen worden war. Dabei wurden nach irakischen Angaben 37 Zivilisten verletzt und mindestens zwei Regierungsgebäude im Umfeld des irakischen Präsidentenpalastes getroffen.

Die irakische Armee setzte ihre Raketenangriffe auf Kuweit fort. Nach kuweitischen Angaben konnte die Luftabwehr eine irakische Rakete abfangen, die gegen den Luftwaffenstützpunkt Ali al-Salim gerichtet gewesen sei.

Der amerikanische Senat stellte sich geschlossen hinter US-Präsident George W. Bush. Dieser zeigte sich zufrieden mit den ersten Ergebnissen der Offensive im Irak. Er unterschrieb ein Dekret zur Einfrierung irakischer Vermögenswerte in den USA.

Die US-Regierung geht weiterhin davon aus, dass sich der Krieg hinziehen könnte. "Es ist wichtig für das amerikanische Volk, sich zu vergegenwärtigen, dass dies nach wie vor ein langer, langwieriger und gefährlicher Einsatz sein kann", sagte Ari Fleischer, Sprecher des Weißen Hauses. Es handele sich derzeit um die Eröffnungsphase des Krieges. "Egal, wie die Leute es sehen, dies ist echt, dies ist ein Krieg, dies ist gefährlich, es liegen noch viele Gefahren vor uns."

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