Irak-Krieg Massenproteste gegen Bush und Blair

Hunderttausende Menschen haben in den USA und Großbritannien gegen die Stationierung der alliierten Truppen im Irak demonstriert. Die britische Regierung plant laut einem Zeitungsbericht, ihre Truppen von dort abzuziehen.


Antikriegsdemonstration in Washington: "Bringt die Truppen nach Hause"
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Antikriegsdemonstration in Washington: "Bringt die Truppen nach Hause"

Washington - Die US-Regierung gerät im Augenblick gleich an mehreren Fronten stark unter Druck. Während viele immer noch über das miserable Krisenmanagement nach Hurrikan "Katrina" erbost sind, und auch Stimmen laut werden, die unzufrieden mit der Bewältigung von Hurrikan "Rita" sind, wächst der Widerstand gegen den Einsatz im Irak.

Bei der größten Demonstration gegen den Krieg seit den Protesten im Frühjahr 2003 forderten am Samstag in Washington Zehntausende einen Abzug der US-Truppen aus dem Irak. Nach Angaben der Organisatoren versammelten sich rund 100.000 Demonstranten aus allen Teilen der USA vor dem Weißen Haus. Sie trugen Plakate mit Aufschriften wie "Bringt die Truppen jetzt nach Hause".

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Proteste in den USA: Hunderttausende gegen Irak-Einsatz

Nach einer vergangene Woche veröffentlichten Umfrage von "New York Times" und CBS ist die Unterstützung in der US-Bevölkerung für den Krieg auf 44 Prozent gefallen, so wenig wie noch nie. 52 Prozent der Befragten sprachen sich zudem für einen sofortigen Abzug der rund 140.000 US-Soldaten aus; 42 Prozent meinten, sie sollten so lange bleiben, bis das Land stabilisiert sei. Seit Beginn des Irak-Krieges sind etwa 1900 US-Soldaten ums Leben gekommen.

"Blair muss weg"

In San Francisco an der US-Westküste folgten nach Zählung der Organisatoren etwa 250.000 Menschen den Protestaufrufen der Gruppen Act Now to Stop War und End Racism. Die Polizei kam bei ihrer Schätzung auf etwa die Hälfte. Weitere Proteste waren in Seattle und Los Angeles geplant.

Auch in London gingen nach Polizeiangaben rund zehntausend Menschen auf die Straße, um den Abzug der britischen Truppen aus dem Irak zu fordern. Die Organisatoren sprachen dagegen von etwa 100.000 Teilnehmern. "Blair muss weg" und "Holt die Truppen nach Hause" war auf Transparenten und Schildern zu lesen. Weitere geplante Protestzüge unter anderem in Rom, Kopenhagen, Oslo und Helsinki fielen dagegen kläglich aus. In Paris versammelten sich nur rund sechzig Menschen unweit der US-Botschaft nahe der zentralen Place de la Concorde. In Rom kamen etwa zweihundert zusammen.

Der britische "Observer" berichtet, Großbritannien wolle seine Truppen ab Mai 2006 schrittweise aus dem Irak abziehen. Unter Berufung auf hochrangige Militärs meldet das Blatt, dem irakischen Parlament solle im kommenden Monat ein von London und Washington ausgearbeiteter detaillierter Plan zum Truppenabzug vorgelegt werden. Der Entwurf beinhalte einen genauen "'Fahrplan'", der "Punkt für Punkt" die Abwicklung des Engagements der multinationalen Truppen im Irak beschreibe.

Erste Abzugsschritte schon im Dezember?

Die ersten Schritte würden möglicherweise bereits nach den für Mitte Dezember geplanten irakischen Parlamentswahlen eingeleitet, berichtete die Zeitung. Der Abzug der Briten könnte die USA gleichzeitig die - wenngleich in erster Linie symbolische - Unterstützung eines weiteren Verbündeten kosten: Großbritannien habe Japan bereits "vertraulich" über die Pläne zum Rückzug seiner Truppen aus dem Südirak informiert. Das würde einen Verbleib der dort ebenfalls stationierten rund 500 japanischen Soldaten unmöglich machen.

Aktivist bei Demonstration: Weltweite Proteste
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Aktivist bei Demonstration: Weltweite Proteste

Eine Stellungnahme von Premierminister Tony Blair zu dem Bericht gab es zunächst nicht. Der "Observer" zitierte Verteidigungsminister John Reid, der eine Rückzugsstrategie von den Bemühungen um den Aufbau einer dauerhaften demokratischen Regierung im Irak abhängig machte. Zwei Aspekte seien im Zusammenhang mit einem Zeitplan für einen Abzug zu bedenken: Dass es sich dabei zum einen um einen "Prozess" handele und zum anderen, dass dieser Prozess "in verschiedenen Landesteilen mit verschiedenen Geschwindigkeiten" ablaufen werde, sagte Reid. Der "Sunday Telegraph" berichtete dagegen, Reid wolle weiterhin bis mindestens Januar 2008 große Truppenkontingente in den Irak schicken.

Premierminister Tony Blair sagte in einem Interview mit der BBC, er sei "überrascht" von der Heftigkeit des Widerstandes im Irak. Die britischen Truppen würden aber so lange im Land bleiben, wie die irakische Regierung sie benötige. "Es gibt noch kein festgelegtes Datum" für den Rückzug, sagte er.

Der Bericht im "Observer" erscheint zu einem heiklen Moment des britischen Engagaments im Irak. Nach der gewaltsamen Befreiung von zwei britischen Soldaten Anfang der Woche aus einem Gefängnis in südirakischen Basra ist das Verhältnis der Briten zu den irakischen Behörden angespannt. Aus Protest gegen die umstrittene Aktion hatten die örtlichen Behörden jede Zusammenarbeit mit den Briten abgebrochen. In Basra hat ein Richter der südirakischen Stadt unterdessen Haftbefehl gegen die beiden Männer erlassen. Den zwei "britischen Terroristen" werde vorgeworfen, durch Schüsse einen Polizisten getötet und einen weiteren verletzt zu haben

US-Truppen töten Gemeinderatschef im Irak

Im Irak selbst geht die Gewalt inzwischen unvermindert weiter. Bei der Explosion eines auf einem Fahrrad montierten Sprengsatzes ist am Sonntag in der irakischen Stadt Hilla ein irakischer Zivilist getötet worden. 15 weitere Menschen wurden nach Polizeiangaben verletzt.

Die US-Truppen gestanden unterdessen einen Zwischenfall ein, der sie weitere Sympathie auch unter den letzten Unterstützern im Land kosten könnte: Die Armee bestätigte, dass ihre Soldaten am vergangenen Freitag in Duluidscha den Gemeinderatschef Dschubar Attija Saud und einen Polizeioffizier erschossen hatten. Die Amerikaner bezeichneten die zwei als "Terroristen".

In einer früheren Stellungnahme des Militärs hatte es lediglich geheißen, die Soldaten seien von Terroristen angegriffen worden und hätten zwei Angreifer getötet sowie einen dritten festgenommen. Augenzeugen in der nördlich von Bagdad gelegenen Ortschaft hatten am Freitag berichtet, US-Truppen hätten den Gemeinderatsvorsitzenden Saud und zwei Polizeioffiziere auf offener Straße hingerichtet.



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