Bericht zum Irakkrieg Angehörige toter Soldaten hoffen auf Abrechnung mit Blair

War der Einmarsch der britischen Truppen in den Irak gerechtfertigt? Die Frage soll ein Bericht klären. Die Familien der gefallenen Soldaten hoffen, dass Ex-Premier Tony Blair zur Verantwortung gezogen wird.
Tony Blair (Archivbild von 2015)

Tony Blair (Archivbild von 2015)

Foto: © Brendan McDermid / Reuters/ REUTERS

Sieben Jahre hat es gedauert, nun liegt der 2,6 Millionen Wörter umfassende Report vor: Am Mittwoch wird die sogenannte Chilcot-Kommission ihre Aufarbeitung zur britischen Rolle im Irakkrieg veröffentlichen. Sie soll insbesondere den Weg der Entscheidung für die Invasion nachzeichnen, die zum Sturz des irakischen Machthabers Saddam Hussein führte.

Die wichtigsten Fragen, die beantwortet werden sollten, sind: War der Krieg legal, obwohl kein Uno-Mandat dafür vorlag? Wurden die Geheimdienste manipuliert? Hatte der damalige britische Premier Tony Blair schon früher als bekannt beschlossen, britische Truppen in den Irak zu schicken? Und hatten die Soldaten die richtige Ausrüstung für den Einsatz dabei?

Mehr als 120 Zeugen hörte das nach dem Karriere-Diplomaten John Chilcot benannte Gremium seit 2009 an, darunter Blair selbst und seinen Nachfolger Gordon Brown, außerdem Minister, Geheimdienst- und Armeechefs. Zudem wurden Regierungspapiere und der vertrauliche Austausch zwischen Blair und dem damaligen US-Präsidenten, George W. Bush, eingesehen.

Die Kritik an der damaligen Regierung dürfte hart ausfallen, wie vorab aus dem Umfeld der Kommission durchsickerte. Chilcot sagte der britischen BBC , dass darin sowohl Institutionen als auch einzelne Personen kritisiert werden. Er habe die Hoffnung, dass die Ergebnisse den Familien britischer Soldaten helfe, die in Gefechten im Irak gefallen waren.

"Ich wurde belogen"

Reg Keys ist Vater eines Soldaten, der im Irakkrieg starb. Er hofft, dass der Bericht den ehemaligen Premier Blair anprangert, der seiner Meinung nach eine Schlüsselfigur war und sich für den ungerechtfertigten Einsatz verantworten müsse. Keys ist überzeugt, dass Blair die Öffentlichkeit und das Parlament bewusst getäuscht hat. "Ich wurde belogen. Die Medien, die Presse, die Familien, das Parlament, wir alle wurden belogen."

Die Familien der britischen Opfer hatten schon im Vorfeld Zugang zu dem Bericht bekommen. Einige von ihnen haben allerdings angekündigt, das Papier zu boykottieren, weil sie befürchten, dass die damalige Regierung darin reingewaschen werden solle. Nach der Pressevorstellung wird der Bericht auf dieser Webseite  veröffentlicht.

Massive internationale Kritik

Großbritannien schickte bis zu 46.000 Soldaten in den Krieg. In dessen Verlauf während der anschließenden Konfessionskonflikte wurden Zehntausende Iraker getötet; auch 179 britische Soldaten starben. Die USA verzeichneten 4487 Opfer aus ihren Reihen.

Der Einmarsch der amerikanischen und britischen Truppen im Jahr 2003 beendete zwar das Regime von Hussein, das Land konnte in den Jahren danach aber nicht stabilisiert werden. Erst in der vergangenen Woche verübte die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Bagdad einen blutigen Anschlag mit mehr als 250 Toten.

Für massive internationale Kritik an dem Einsatz hatte vor allem die Behauptung geführt, der Irak sei im Besitz von Massenvernichtungswaffen, was sich hinterher als falsch herausgestellt hatte. Der Chilcot-Bericht solle nun dazu beitragen, dass es in der Zukunft nicht mehr möglich sein werde, in diesem Maße militärisch oder diplomatisch einzugreifen, ohne eine dezidierte Analyse und unterschiedliche politische Einschätzungen, sagte Chilcot der BBC.

Blair hatte bei verschiedenen Gelegenheiten seine Entscheidung für einen Einmarsch in den Irak verteidigt. Die Gefahr, die von Hussein ausging, habe den Einsatz gerechtfertigt.

vks/AFP
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