Irak-Krieg "Wir ziehen die Schlinge zu"

Bagdad und seine Verteidiger werden sturmreif geschossen: Schwere Luftangriffe erschütterten die irakische Hauptstadt in der Nacht zum Montag. Die US-Truppen, rund um Bagdad eingegraben, warten nach Angaben des Pentagons nur noch auf den richtigen Moment zum Angriff.


US-Panzer: Bodenstreitkräfte gehen vor Bagdad in Stellung
AP

US-Panzer: Bodenstreitkräfte gehen vor Bagdad in Stellung

Washington/Bagdad - Vor der Großoffensive auf die sechs Divisionen der Republikanischen Garde in und um Bagdad werden die US-Streitkräfte nach eigenen Angaben den Druck weiter erhöhen. "Wir haben die Macht, geduldig zu sein, und wir werden nichts tun, bevor wir dazu bereit sind", sagte Generalstabschef Richard Myers. "Wir ziehen die Schlinge einfach immer weiter zu."

Die Luftangriffe hätten die Republikanische Garde bereits stark geschwächt, sagte Myers. Die Kampfkraft der Elitetruppe sei nur noch halb so hoch wie vor dem Beginn des Krieges und "sinkt von Minute zu Minute".

Im Golfkrieg von 1991 griffen amerikanische Bodentruppen immer erst dann an, wenn die Einheiten der Republikanischen Garde durch Luftangriffe 50 bis 60 Prozent ihrer Kampfkraft verloren hatten. Die US-Befehlshaber hätten auch jetzt wieder eine solche Prozentzahl im Auge, sagte ein hochrangiger Mitarbeiter des Pentagon.

Rumsfeld und Myers: "Wir ziehen die Schlinge immer enger"
DPA

Rumsfeld und Myers: "Wir ziehen die Schlinge immer enger"

Myers wollte sich ebenso wenig wie US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld dazu äußern, wann der Bodenkampf um Bagdad beginnen könnte. Rumsfeld sagte: "Es wird immer schwieriger, je näher wir an Bagdad herankommen." Die US-Truppen marschierten von Süden, Westen und Norden auf die Stadt zu. Die südlichen Einheiten seien noch rund 80 Kilometer entfernt.

Die US-Regierung wollte im Zusammenhang mit der verlangsamten Bodenoffensive nicht von einer Kampfpause sprechen. Allerdings wurden die Äußerungen Myers und Rumsfelds von Beobachtern als Hinweis darauf gewertet, dass die US-Truppen vor Bagdad wahrscheinlich mehrere Wochen auf Verstärkung warten und währenddessen die verwundbaren Nachschublinien aus dem Süden des Irak sichern werden.

Angesichts des anhaltenden irakischen Widerstands haben US-Soldaten nach eigenen Angaben den Befehl erhalten, ihre Stellungen südlich von Bagdad zu befestigen und dort zunächst zu verharren. An einem Frontabschnitt wurde die Truppe darüber in Kenntnis gesetzt, dass die Pause zwischen 35 und 40 Tagen dauern werde.

Keine Ruhe mehr: Bagdad wird Tag und Nacht bombardiert
AFP

Keine Ruhe mehr: Bagdad wird Tag und Nacht bombardiert

Soldaten anderer Einheiten berichteten, sie sollten sich für mindestens zwei Wochen eingraben. Sie erklärten, sie würden Gräben ausheben, außerhalb ihrer Lager zur Absicherung Minen legen und Fahrzeuge mit Tarnnetzen überspannen. Nach Kriegsbeginn am 20. März waren einige der US-geführten Einheiten rasch in Richtung Bagdad vorgestoßen, Berichten zufolge konnte der Nachschub jedoch nicht stets mit dem Tempo Schritt halten. Zudem wurden immer wieder irakische Angriffe auf die Transporte gemeldet.

Erneut schwere Luftangriffe auf Bagdad

Die alliierten Luftstreitkräfte flogen in der Nacht zum Montag erneut schwere Luftangriffe auf Bagdad. Nach Angaben des arabischen Fernsehsenders al-Dschasira wurde ein Wohnviertel in der Innenstadt getroffen. Der Korrespondent berichtete, dass eine Rakete im Stadtteil Innere Karrada eingeschlagen sei. Dabei habe es Tote und Verletzte gegeben. Weitere Angaben machte der Sender nicht.

Der Stadtteil zählt zu den besseren Wohngegenden in der Fünf-Millionen-Metropole. Der Korrespondent von al-Dschasira sprach von einer Serie schwerer Luftangriffe, die etwa jede halbe Stunde erfolgten. Bei seiner Übertragung aus Bagdad waren im Hintergrund schwere Explosionen zu hören. Offenbar wurde auch das irakische Informationsministerium erneut bombardiert. Ein Wohnkomplex in der Nähe stand nach einer Explosion in Flammen.

Verwüstung: Bombentrichter in der irakischen Hauptstadt
AP

Verwüstung: Bombentrichter in der irakischen Hauptstadt

Ziel der Angriffe am Morgen sei ein Komplex innerhalb des Präsidentenpalastes gewesen, der von Saddam Husseins Sohn Kussei genutzt werde, berichteten Reuters-Korrespondenten. Der Sohn des Diktators ist Befehlshaber der Republikanischen Garde, ihm unterstehen die Elitetruppen in Bagdad und der Stadt Tikrit. Ein weiteres Ziel soll ein Trainingszentrum für Elitekämpfer gewesen sein.

Briten versuchen zunächst keine Eroberung Basras

Der US-Nachrichtensender CNN berichtete, britische Soldaten hätten südliche Vororte Basras angegriffen und dabei mehrere irakische Panzer zerstört. Die Soldaten durchkämmten bei ihrem Vorgehen Haus für Haus. Die Briten können dabei auf die Erfahrung zurückgreifen, die sie bei der Bekämpfung der IRA in Nordirland gemacht hätten, berichtete ein BBC-Korrespondent.

Basra, die zweitgrößte Stadt des Irak, wird seit einer Woche von britischen Truppen belagert. Ursprünglich hatten die Alliierten damit gerechnet, die Stadt nahezu kampflos übernehmen zu können, weil sie nicht als regimetreu galt.

Der Kommandant der britischen Truppen bei Basra, Brigadegeneral Braham Binns, sagte in einem Interview mit dem Londoner "Sunday Telegraph", die direkte Einnahme der Stadt sei nicht geplant. Die Straßen- und Häuserkämpfe würden zu hohe Verluste unter der Zivilbevölkerung nach sich ziehen. Er führte als abschreckende Beispiele Stalingrad und die tschetschenische Hauptstadt Grosny an.

Weitere Ereignisse:

  • US-Angaben zufolge wurden am Sonntag im Osten Bagdads ein Ausbildungslager der paramilitärischen Fedajin-Milizen sowie ein Präsidenten-Palast und ein Raketenstützpunkt angegriffen. Nach irakischen Angaben kamen bei Luftangriffen im südlich von Bagdad gelegenen Industriegebiet von Safranja am Sonntag sechs Zivilisten ums Leben.
  • In Großbritannien fiel nach einer Umfrage erstmals seit Beginn der Offensive am 20. März die Unterstützung der Bevölkerung für den Krieg. 54 Prozent der Befragten erklärten, die Militäraktion sei richtig. Vier Tage zuvor waren dies noch 59 Prozent. Hatten am 23. März noch 20 Prozent erklärt, der Krieg verlaufe "sehr gut", waren dies in der jüngsten Umfrage nur noch acht Prozent.
  • Im Süden des Irak kamen drei amerikanische und ein britischer Soldat ums Leben. Die US-Marineinfanteristen starben bei einem Hubschrauberabsturz. Ein weiterer Soldat wurde nach Pentagon-Angaben verletzt. Alles deute auf einen Unfall hin. Es gebe keine Hinweise auf eine feindliche Attacke, hieß es. Ein britischer Soldat wurde auf der Halbinsel Fao aus einem Hinterhalt erschossen.
  • Die irakische Regierung korrigierte nach CNN-Angaben ihre Angaben über die Zahl der Toten und Verletzten des Krieges erheblich nach unten. Bislang seien 357 Zivilisten getötet und 3.650 verletzt worden, hieß es. Noch am Freitag hatten die Behörden die Zahl der Toten mit 580 und die der Verletzten mit 4.500 angegeben.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.