Irak-Krise Die weltweite Anti-Bush-Allianz

Die russische Regierung warnt, SPD-Politiker verschärfen ihre Kritik, nun rügt auch Nelson Mandela die USA mit deutlichen Worten: Weltweit wächst der Protest gegen die öffentlichen Kriegsdrohungen der amerikanischen Regierung. Unter den US-Bürgern befürwortet indes weiter eine klare Mehrheit den Angriff auf Saddam Hussein.


US-Präsident Bush vor dem Mount Rushmore Memorial: Selbst amerikanische Christen warnen vor Kriegstreiberei
AP

US-Präsident Bush vor dem Mount Rushmore Memorial: Selbst amerikanische Christen warnen vor Kriegstreiberei

Washington/Bagdad - Bei ihren diplomatischen Bemühungen zur Abwehr eines US-Angriffs hat die irakische Regierung am Montag Punkte gesammelt. So warnte der russische Außenminister Igor Iwanow nach einem Besuch seines irakischen Amtskollegen Nadschi Sabri in Moskau vor einem US-Angriff auf das arabische Land. Jede militärische Lösung würde zu weiteren Komplikationen führen. Allerdings müsse der Irak die Rückkehr von UN-Waffeninspektoren erlauben, so Iwanow weiter.

Der irakische Vize-Ministerpräsident Tarek Asis erklärte am Montag in Johannesburg, seine Regierung schließe eine Rückkehr der Inspektoren nicht mehr aus. Sie sei aber nur im Rahmen einer umfassenden Lösung des Konflikts mit den USA denkbar. Asis kündigte für Dienstag ein Treffen mit UNO-Generalsekretär Kofi Annan an.

Ebenfalls in Johannesburg hat der Friedensnobelpreisträger und frühere südafrikanische Präsident Nelson Mandela den USA vorgeworfen, mit ihren Kriegsdrohungen die internationale Politik ins Chaos zu stürzen. "Es darf keinem Land erlaubt werden, das Recht in die eigene Hand zu nehmen", sagte Mandela vor einem Treffen mit dem französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac: "Das gilt besonders für die Vereinigten Staaten von Amerika, weil sie heute die einzige Supermacht auf der Welt sind und vorbildlich in allem sein müssen, was sie tun." Mandela sagte, er habe versucht, mit US-Präsident George W. Bush zu sprechen - dieser sei aber nicht erreichbar gewesen. Er habe stattdessen mit Außenminister Colin Powell und Bushs Vater gesprochen.

"Unbeherrschbarer Flächenbrand"

In Berlin erklärte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) unterdessen, ein Angriffskrieg mit deutscher Beteiligung wäre seiner Ansicht nach verfassungswidrig. Thierse forderte, im Mittelpunkt der internationalen Politik müsse die Rückkehr der UN-Inspektoren in den Irak stehen. Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) hält die Kriegsdrohung der USA gegen Irak für kontraproduktiv.

Auch die Grünen lehnen einen US-Militärangriff auf Irak unverändert ab. In ihrer Partei gebe es "überhaupt keine Akzeptanz für einen Präventivschlag", sagte Parteichefin Claudia Roth. Eine militärische Intervention wäre "absoluter Wahnsinn" und führe voraussichtlich zu einem "unbeherrschbaren Flächenbrand". Außerdem sei sie völkerrechtlich nicht legitimiert.

Christen appellieren ans Weiße Haus

In Großbritannien, aber auch in den USA riefen Kirchenführer ihre Regierungen derweil zur Zurückhaltung auf. Die Kosten eines Krieges, vor allem unter Zivilisten, wären zu hoch, hieß es in einem Schreiben von 37 Vertretern christlicher Kirchen an das Weiße Haus und die Downing Street.

Auch die iranische Regierung bekräftigte ihren Widerstand gegen einen Angriff auf den Nachbarn und erklärte, sie werde in diesem Fall nicht tatenlos zusehen. Über Iraks Schicksal könne nur die irakische Bevölkerung entscheiden, sagte Außenministeriumssprecher Resa Asefi. Iran werde nicht zusehen, wie ein Land die Regierung eines anderen Landes stürze und damit eine Norm setze. Zu möglichen Schritten Teherans äußerte Asefi sich nicht.

US-Umfrage: Nur knappe Mehrheit für Bodenkrieg

Grundsätzlich wird das Ziel Bushs, Saddam Hussein zu stürzen, von einer Mehrheit der US-Bevölkerung unterstützt. Laut "Los Angeles Times" sind es 64 Prozent. 29 Prozent waren in der Umfrage gegen einen Angriff, zwölf Prozent hatten keine Meinung. Aber auch bei den Befürwortern sprachen sich 61 Prozent dafür aus, dass die USA nur mit internationaler Unterstützung handeln sollten.

Für die landesweite Untersuchung waren zwischen dem 22. und 25. August 1372 Erwachsene befragt worden. Bereits am Freitag waren Umfragen von "Newsweek" sowie "Time" und CNN veröffentlicht worden, die ähnliche Ergebnisse bei der Frage nach einem Militärschlag gegen den Irak aufwiesen. Deutlich geringer war in diesen Umfragen aber die Zustimmung für einen Bodenkrieg: Sie lag bei 51 Prozent.

Berlin gibt Bagdad neuen Korb

In Interviews bekräftigten führende Politiker der Republikanischen Partei von Präsident George W. Bush, dass Saddam Hussein eine Gefahr für die Region und letztlich auch für die USA sei. Allerdings müssten die politischen Folgen eines Angriffs wohl bedacht sein.

Nach den Worten des irakischen Vizepräsidenten Taha Jassin Ramadan sollen Bagdads Gesandte nach Moskau weitere europäische Hauptstädte besuchen, darunter auch Berlin und Paris. Auch die dortigen Regierungen sollen auf Widerstand gegen einen US-Angriff eingeschworen werden. So weit, die irakischen Delegierten zu empfangen, geht Berlin nach wie vor nicht: Eine entsprechende Anfrage aus Bagdad sei schon vor einigen Tagen negativ beschieden worden, verlautete am Montag aus Regierungskreisen; über eine neue Anfrage sei nichts bekannt



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