Irak-Krise Zum Krieg entschlossen

Mit Beweisen will Colin Powell den Uno-Sicherheitsrat auf Kriegs-Kurs bringen. Das Dossier, das der US-Außenminister kommenden Mittwoch präsentieren will, nimmt Formen an: Tonbandprotokolle von abgelauschten Gesprächen der irakischen Führung, Satellitenbilder und Geheimdienstermittlungen sollen die Welt überzeugen.


Bagdad/ Washington - Spätabends, kurz vor der Geisterstunde, wenn auf vielen Fernsehkanälen in aller Welt Erotik lockt oder Horror, ist im Bagdader Staatsfernsehen moralische Aufrüstung angesagt. Der Raïs selbst, Iraks großer Führer und Vater aller jüngsten Kriege, stimmt seine Landsleute ein auf den nächsten Waffengang: "Seid bedächtig und zuversichtlich", mahnt Saddam Hussein bei Begegnungen mit Militärs, Volksvertretern und Stammeschefs seine Getreuen, "besinnt euch auf das Wesentliche, seid mutig und stark."

Lächelnd demonstriert der Despot unerschütterliches Selbstvertrauen. "Wenn die Amerikaner angreifen, werden sie ihre technische Überlegenheit vorführen und viel zerbomben", sagt er mit leiser Stimme vor Regionalkommandeuren, "wir können ihre Bomber nicht vom Himmel holen."

Die Offiziere mit den schwarzen oder blauen Baretts blicken bedrückt drein, und die Kunstpause, die Saddam einlegt, um drei lange Züge aus seiner robusten Havanna zu nehmen, verstärken die Stimmung der Beklommenheit.

Doch dann schießt urplötzlich ein Blitz von Leidenschaft über das fahle Gesicht des Raïs, die Augen unter dem pechschwarzen Haarschopf funkeln. "Lasst euch nicht beeindrucken", herrscht Saddam seine Mannen an, "die Amerikaner ziehen ohne Überzeugung und Moral ins Feld, ihr aber verteidigt das Vaterland."

"Nieder mit Amerika", brüllt ein Vorjubler, und die Militärs jauchzen dem Despoten frenetisch zu: "Allah ist mit dir, Allah ist mit uns."

Göttlichen Beistand wird das Bagdader Regime zum Überleben in der Tat brauchen. Nach dem Bericht der Uno-Waffeninspektoren, nach Bushs kriegsentschlossener Rede an die Nation, steht der Militärschlag der Supermacht offenbar unmittelbar bevor ­ er sei eine Frage von Wochen, nicht etwa Monaten, heißt es in Washington.

Die Hauptrolle im diplomatischen Teil des Endspiels wird US-Außenminister Colin Powell übernehmen. Er soll an diesem Mittwoch dem Weltsicherheitsrat Beweise für Saddams permanente Wortbrüche, Ausflüchte und sein sinistres Waffenprogramm unterbreiten. Die Grundlage für diese Gesamtanklage bilden der Blix-Bericht vom 27. Januar und angeblich schlagkräftige Erkenntnisse der US-Geheimdienste.

Enthüllungsmaterial soll aus Satellitenaufnahmen stammen, auf denen zu sehen sei, wie Iraker verdächtige Lagerstätten besenrein aufräumen, ehe die Inspektoren auftauchen. Angeblich gibt es auch Belege dafür, dass irakische Geheimdienstleute als Wissenschaftler auftraten. Die Indizien fußen dabei oft auf Telefonaten zwischen irakischen Beamten, die abgehört wurden, und auf Aussagen von Überläufern. Das allerdings ist immer auch Material, welches mit Vorsicht zu genießen ist, oftmals haben sich Berichte geflohener Iraker später als Gräuelmärchen entpuppt.

Monatelang haben Spezialisten des US-Abhörbehörde NSA Gespräche der irakischen Administration abgelauscht. Dabei seien die Beamten Ohrenzeuge von zahlreichen verräterischen Dialogen geworden, meldet das amerikanische Magazin "Newsweek“. Das Blatt zitiert Geheimdienstler, die schon mal verraten, was kommende Woche zu hören sein soll: "Sie sagen Dinge wie ‚Verlegt das’, ‚Berichtet nicht darüber’ und ‚Ha! Könnt ihr glauben, dass sie das nicht gefunden haben?’". Die Unterhaltungen sollen belegen, dass die Iraker ständig damit beschäftigt waren, Dinge vor den Inspektoren zu verstecken: "Macht Euch auf etwas gefasst. Wir haben es (einen Beweis)", so ein Geheimdienst-Mitarbeiter.

Dass Erkenntnisse der NSA veröffentlicht werden, ist höchst ungewöhnlich. Die Tätigkeit der Lauschtruppen gehört zu den geheimsten Aktivitäten im amerikanischen Sicherheits-Apparat. Normalerweise wollen die Verantwortlichen nicht einmal einräumen, dass überhaupt Gespräche in einem bestimmten Land abgehört wurden. Doch in diesem Fall sollen die Erkenntnisse offenbar so brisant sein, dass die Regierung ihre Geheimhaltungs-Grundsätze brechen will.

Zuletzt hatte US-Präsident Ronald Reagan Tapes der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Sie sollten belegen, dass der libysche Diktator Gaddafi hinter dem 1986 ausgeführten Anschlag auf die Berliner Diskothek "La Belle" steckte. Im Fall der Irak-Tapes ist der Inhalt offenbar von solcher Bedeutung, dass die US-Regierung ihre Grundsätze erneut bricht. Wie "Newsweek"-Reporter Michael Isikoff schreibt, sichteten Mitarbeiter des US-Geheimdienstes CIA, des Außenministeriums, des Nationalen Sicherheitsrates und von Vize-Präsident Dick Cheney derzeit das Material. US-Regierungskreise hätten noch nicht entschieden, welche Ausschnitte genau der UN vorgelegt werden sollten. Allerdings gibt es auch skeptische Stimmen.

So zitiert "Newsweek“ einen Geheimen mit der Aussage, dass sich die Gespräche auch auf das Verbergen von Akten oder Computern bezogen haben könnten. Ein anderes Mitglied des Geheimdienstes habe eingeschränkt, es werde zwar deutlich, dass es systematische Täuschungen gegeben habe. "Aber folgt daraus zwingend, das man in den Krieg ziehen muss?" Möglicherweise werde nicht über die Waffen selbst gesprochen.

Genauso wie im Jahr 1998, als der erste Inspektoren-Rundgang endete, ist der Irak jetzt eine Erklärung schuldig geblieben, ob eine Vielzahl chemischer und bakteriologischer Kampfstoffe, wie vom Irak behauptet, tatsächlich vernichtet wurde. Überdies gab das Regime bisher keine plausiblen Antworten auf die Frage, was mit Nährböden, die auch zur Produktion biologischer Waffen geeignet sind, geschehen ist.

Alles sei vernichtet worden, hörten die Waffeninspektoren jetzt wieder von Bagdader Beamten. Es sei "Allahs Wille" gewesen, dass die Zerstörungen nicht auf Video festgehalten seien. Die Blix-Mannschaft insistiert jedoch auf Protokollen der Vernichtung und will Zeugen befragen ­ ohne den üblichen Aufpasser, der an seine Dienststelle meldet, wie aussagewillig etwa ein Wissenschaftler gewesen sei.

Inspektoren hegen den starken Verdacht, dass die chemischen und biologischen Kampfstoffe nicht vernichtet wurden, sondern noch existieren. Der Argwohn gründet sich auf ein Papier, das die deutsche Inspektorin Gabriele Kraatz-Wadsack schon 1998 in einem Tresor im Hauptquartier der irakischen Luftwaffe fand. Daraus ging hervor, dass Saddam im Krieg gegen Iran zwischen 1983 und 1988 etwa 13 000 Bomben, gefüllt mit chemischen Kampfstoffen, einsetzen ließ. Doch bei anderen Gelegenheiten hatte die Bagdader Führung behauptet, es seien 19 500 Bomben abgefüllt worden. Bleibt eine erklärungsbedürftige Differenz von 6500 Stück.

Im Blix-Bericht vom 27. Januar, der zur Genugtuung des Weißen Hauses außerordentlich kritisch ausfiel ­ wozu massiver Druck aus Washington beitrug ­, finden sich auch Hinweise, dass der Irak an Raketen arbeiten lässt, die eine größere Reichweite als die erlaubten 150 Kilometer haben. Der Chef der Uno-Waffeninspektoren forderte Saddams Gefolgsleute prompt dazu auf, alle Vorbereitungen für Testflüge einzustellen. Gesichert ist auch die Erkenntnis, dass das Regime illegal 380 Raketenmotoren importierte.

Eigentlich zweifelt kein westlicher Geheimdienst daran, dass Saddam Massenvernichtungswaffen zurückgehalten hat und noch versteckt. Es glaubt allerdings auch niemand daran, dass Außenminister Powell Beweise vorlegen kann, die ähnliche Schlagkraft haben wie jene Luftaufnahmen vom Oktober 1962, als die Sowjetunion nicht länger leugnen konnte, atomare Raketen auf Kuba zu stationieren. Er werde einen "geradlinigen Auftritt haben und eine nüchterne Einschätzung geben ­ nichts Theatralisches", schraubt Powell vorsorglich überspannte Erwartungen herunter.

Zu Powells Indizien werden vermutlich auch Satellitenaufnahmen gehören, auf denen mobile Biolaboratorien zu sehen sind. In denen soll das Regime mit möglichen Grundstoffen für Massenvernichtungswaffen experimentieren. Gleich drei Überläufer hätten davon erzählt, beharrt Präsident Bush in seiner Rede an die Nation. Die Iraker hingegen führen eine harmlose Erklärung für die rollenden Werkstätten an: Es handele sich um Renault-Lastwagen, die für einen friedlichen Zweck unterwegs seien ­ um Lebensmittel und Getreide vor Pilz- und Schimmelbefall zu schützen. Aussage steht da gegen Aussage.

Ob der Auftritt des US-Außenministers im Sicherheitsrat von Erfolg gekrönt sein wird oder nicht, hängt auch davon ab, ob er den Nachweis glaubhaft führen kann, dass Saddam mit dem Terrornetzwerk der Qaida zusammenarbeitet ­ dass nämlich der Diktator, wie Bush in seiner Rede sagte, "den Terroristen hilft und sie beschützt". Die Begründung für den Feldzug gegen den Irak litt bisher immer darunter, dass sich der Bogen zwischen dem 11. September 2001 und Bagdad nicht schlagen ließ.

Und jetzt? Das Verbindungsglied zwischen der Regierung in Bagdad und dem islamischen Terrorismus soll Abu Mussab al-Sarkawi (SPIEGEL 48/2002) bilden. Er gilt als einer der wichtigsten und brutalsten Anführer der Qaida und plante wohl auch Anschläge in Deutschland. Er hält sich, darin stimmen deutsche und amerikanische Fahnder überein, seit Monaten im Norden des Irak auf. Angeblich brütet er mit der Fundamentalisten-Bewegung Ansar-e Islam derzeit Angriffe mit biologischen und chemischen Waffen aus.

Allerdings hat die Beweisführung einen Schönheitsfehler: In diesem Teil des Nordirak regiert nicht Saddam, hier haben die Kurden das Sagen ­ dank der amerikani-schen und britischen Lufthoheit in der Flugverbotszone.

Sarkawi, ein gebürtiger Jordanier, soll zumindest ärztliche Behandlung in Bagdad genossen haben, ehe er in den Norden ging. Doch selbst US-Geheimdienste halten es für möglich, dass die irakischen Stellen gar nicht wussten, wer da im Krankenhaus lag. Sie wurden vermutlich erst von jordanischen Diensten, die um Sarkawis Auslieferung nachsuchten, auf seine Identität aufmerksam gemacht. Doch der Chemiewaffenspezialist der Qaida floh rechtzeitig in den sicheren Norden des Landes.

Auch die legendenumwobene Gestalt des Abu Mussab al-Sarkawi bietet offenbar nicht den entscheidenden Beweis für eine innige Kooperation Saddams mit islamistischen Terroristen im weiteren Umkreis Osama Bin Ladens. Und dass etwa die noch weiter gehende Schlussfolgerung gezogen werden könne, Saddam trage zumindest auf indirekte Weise Schuld an den mörderischen Anschlägen vom 11. September, hat sogar die Regierung von Tony Blair, Bushs bestem Verbündeten, vor dessen Abreise nach Washington in Abrede gestellt. Dort drängte der Brite auf eine zweite Resolution vor einem Militärschlag.

Erheblich weiter ging am Ende vergangener Woche Chefinspektor Blix, der Uno-Diplomat bezichtigte sowohl Bush als auch Powell überzogener Vorwürfe gegen Bagdad. Weil es zurzeit keine überzeugenden Anzeichen gebe, dass der Irak Verbindungen zu al-Qaida hat, sprach sich Blix für eine friedliche Abrüstung des Irak aus ­ und gegen den Krieg.

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