Neue Proteste im Irak "Die Leute wollen einfach nur leben"

Korruption, Misswirtschaft und Ärger über die politische Elite: Im Irak halten die Massenproteste gegen die Regierung an. Erneut wurden Menschen getötet und verletzt.

Bagdad: Demonstranten sammeln sich zu neuen Protesten
Hadi Mizban / DPA

Bagdad: Demonstranten sammeln sich zu neuen Protesten


Mehr als 40 Tote, 2300 Verletzte: Nach den blutigen Unruhen am Freitag haben sich im Irak erneut Hunderte Menschen zu Protesten gegen ihre Regierung versammelt. In der Hauptstadt Bagdad versuchten Demonstranten, Straßenblockaden im Zentrum zu überwinden, wie Augenzeugen berichteten. Die Menschen wollten demnach in die geschützte Grüne Zone gelangen, in der zahlreiche Regierungsgebäude und Botschaften liegen.

Die Polizei setzte Tränengas ein, um die Demonstranten vom zentralen Tahrir-Platz zu vertreiben. Hunderte hatten dort Zelte errichtet. "Es reicht! Die Plünderungen, die Diebstähle, die Gangs, die Mafia, der Staat im Staat", sagte einer der Demonstranten. "Wir wollen einen funktionierenden Staat, die Leute wollen einfach nur leben".

Auch im Süden des Landes versammelten sich zahlreiche Menschen trotz Ausgangssperren zu Protesten. Nach Angaben der Polizei kamen in der südirakischen Stadt Nasiriya zwei Demonstranten ums Leben, 17 wurden verletzt.

Am Freitag war die Gewalt eskaliert. In Bagdad sollen Sicherheitskräfte neben Tränengas auch scharfe Munition eingesetzt haben. Demonstranten steckten bei den Protesten erstmals auch Regierungsgebäude und die Zentralen politischer Parteien sowie bewaffneter Gruppen in Brand. Viele wurden erschossen, als sie Gebäude der schiitischen Hasched-al-Schaabi-Milizen (Volksmobilisierungseinheiten) zu stürmen versuchten.

Bagdad: Irakische Sicherheitskräfte haben die Brücke vor der Grünen Zone geschlossen
Hadi Mizban / DPA

Bagdad: Irakische Sicherheitskräfte haben die Brücke vor der Grünen Zone geschlossen

16 Jahre lang nichts unternommen

Seit Beginn der Proteste im Irak Anfang Oktober sind fast 200 Menschen ums Leben gekommen, in der großen Mehrzahl Demonstranten. Auslöser der Demonstrationen waren ursprünglich neben Korruption und hoher Arbeitslosigkeit die schlechte Strom- und Wasserversorgung im Land. Inzwischen richten sich die Proteste aber zunehmend gegen die politische und religiöse Elite des Landes.

Die vorwiegend jungen Demonstranten werfen den Eliten vor, in den 16 Jahren seit dem Sturz von Diktator Saddam Hussein nichts unternommen zu haben, um die Lage der Menschen im Land zu verbessern. Im Irak, dem zweitgrößten Ölproduzenten der Opec, lebt jeder fünfte Bürger in Armut. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt nach Angaben der Weltbank bei rund 25 Prozent.

Das Land wird von Transparency International als zwölftkorruptester Staat der Welt eingestuft. Nach offiziellen Angaben kostete die Korruption das Land seit 2003 insgesamt 410 Milliarden Euro - doppelt so viel wie sein Bruttoinlandsprodukt. Das Land leidet zudem unter den Folgen des Kampfes gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Viele Gebiete sind noch immer zerstört.

Angesichts der Proteste hat Ministerpräsident Mahdi eine Reihe politischer und sozialpolitischer Reformen versprochen. Dazu zählen ein neues System bei der Besetzung öffentlicher Ämter, ein geringeres Mindestalter für Kandidaten bei Wahlen, höhere Renten sowie ein Umbau des Kabinetts. Allerdings sind die Parteien im Parlament so zerstritten, dass viele Entscheidungen blockiert sind.

Das irakische Parlament sollte nach der ursprünglichen Planung bei einer Sondersitzung am Samstagnachmittag über die Forderungen der Demonstranten und Reformpläne von Mahdi beraten. Die Sitzung wurde jedoch abgesagt, weil nicht genügend Teilnehmer erschienen.

fok/AFP/dpa/Reuters



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