Irak Neuer Wirrwarr um gestohlenen Sprengstoff

Der Skandal um die verschwundenen 350 Tonnen hochexplosiven Sprengstoffs im Irak sorgt für wilde Spekulationen: Während ein hochrangiger Pentagon-Mitarbeiter Russland des Diebstahls bezichtigt, behauptet eine irakische Extremistengruppe, im Besitz des gefährlichen Materials zu sein.

Washington/Bagdad - Die Aussage des Vize-Unterstaatssekretärs im US-Verteidigungsministerium, John Shaw, birgt selbst Sprengstoff: Ein Netzwerk von früheren internationalen Unterstützern Saddam Husseins - einschließlich Russlands und Frankreichs - habe "erhebliche Anstrengungen unternommen, zu Beginn des Krieges Waffen im Irak einzusammeln und sie über Syrien ins Ausland zu schaffen". An dieser Aktion, behauptet Shaw, seien verschiedene russische Einheiten beteiligt gewesen.

Shaws Plauderei, berichtet die "Financial Times", sei weder vom Weißen Haus noch von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld abgesegnet. Zunächst dementierte die Bush-Administration die Vorwürfe Shaws nicht. Später rückte das US-Verteidigungsministerium jedoch von Shaw ab. Dieser sei "nicht unbedingt in einer Position gewesen, in der er über die angebliche Schmuggeltätigkeit Bescheid gewusst haben könnte", sagte eine Pentagon-Sprecherin am Donnerstag in Washington.

Bereits in der Vergangenheit war aus Washington zu hören, russische Kräfte seien vor der Invasion der amerikanischen und britischen Streitkräfte im Irak aktiv gewesen. Die russische Botschaft in Washington wies die Vorwürfe zurück und bezeichnete sie als "Unsinn". Es habe zu jener Zeit kein russisches Militär im Irak gegeben, stellten russische Diplomaten klar. Die Internationale Atomenergie-Organisation IAEO hatte die USA zuvor beschuldigt, nicht ausreichend für die Sicherheit der Munitionsbestände im Irak gesorgt zu haben.

Eine irakische Extremistengruppe spielte der Fernsehnachrichtenagentur APTN heute ein Video zu, in dem sie behauptet, im Besitz des verschwundenen Sprengstoffs zu sein. Der Sprecher der Gruppe, die sich "Al-Islam-Armeebrigaden" nennt, drohte damit, die Waffen für Anschläge gegen die Besatzungstruppen einzusetzen. Der Wahrheitsgehalt des Videos konnte bislang nicht bestätigt werden.

Derweil wiederholte US-Präsident George W. Bush seine Behauptung, der Sprengstoff sei vom Stützpunkt al-Qaqaa südlich von Bagdad entfernt worden, bevor US-Streitkräfte den Ort erreichten. Der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, sprach von einer "sehr realistischen Option", dass das frühere irakische Regime die Waffen habe frühzeitig verschwinden lassen. Über die Kritik von Bush-Herausforderer Senator John Kerry, der Diebstahl von Sprengstoff sei ein Zeichen für Bushs Scheitern im Irak, sagte Bush: "Der Senator macht wilde Vorwürfe über fehlenden Sprengstoff."

Die neue irakische Regierung stellte erneut klar, dass die Plünderung in al-Qaqaa begonnen habe, nachdem amerikanische Truppen den Ort erreicht hätten.

Ein Oberst der US-Infanterie wies unterdessen den Sprengstoffdiebstahl im Irak als unwahrscheinlich zurück. David Perkins, dessen Einheit das Waffenlager Anfang April 2003 eroberte, erklärte gestern in Washington, er könne sich nicht vorstellen, dass eine so große Menge Sprengstoff unbeobachtet verschwunden sei. Nach der Eroberung habe die Gegend unter strenger Bewachung gestanden. Zwar räumte Perkins Plünderungen ein, bezweifelte aber das Ausmaß. Damit gab er Vermutungen in Washington Auftrieb, das Material sei bereits vor dem Sturz Saddam Husseins verschwunden. Zuvor hatten Soldaten und Journalisten berichtet, die Plünderungen hätten vor den Augen der US-Truppen stattgefunden.

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