Bürgerkrieg im Irak Obamas riskante Optionen

Washington lässt Kriegsschiffe an der Küste des Irak auffahren und schickt ein paar hundert Marines. Doch US-Präsident Barack Obama bleiben nur wenige echte Optionen, der irakischen Regierung gegen die Islamisten beizuspringen.

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US-Präsident Barack Obama zögert, im Irak gegen die Islamisten einzugreifen. Washington hätte mehrere Möglichkeiten, der Regierung in Bagdad zu helfen: Luftangriffe, Bodentruppen oder Diplomatie. Alle Optionen bergen ein nicht unerhebliches Risiko.

Luftangriffe: Eine gefährliche Option

Obama könnte Raketenangriffe und Bombardierungen gegen die Isis-Extremisten anordnen. Die militärischen Fähigkeiten dazu hat die US-Armee: Im Persischen Golf sind inzwischen sechs US-Kriegsschiffe eingetroffen, darunter drei Zerstörer, die mit ihren "Tomahawk"-Marschflugkörpern bereits bei der Irak-Invasion 2003 eingesetzt wurden, die USS "Arleigh Burke", die USS "O'Kane" und die USS "Truxtun".

Zudem vor Ort sind nun: der nuklear betriebene Flugzeugträger USS "George H. W. Bush", die USS "Philippine Sea", ein Lenkwaffenkreuzer, der mit "Tomahawk"-Raketen ausgestattet ist, und die USS "Mesa Verde". Sie gehört zum amphibischen Transportbataillon der Amerikaner. Rund 550 US-Marines sind an Bord sowie fünf V-22 Osprey-Kipprotor-Flugzeuge, die senkrecht starten und landen können.

Luftangriffe bergen jedoch ein hohes politisches und militärisches Risiko: Die Amerikaner haben kaum Möglichkeiten, Ziele am Boden auszukundschaften. Sie müssten ihre Angriffe mithilfe der in der Region stationierten "Reaper"-Drohnen koordinieren - und dabei kann nicht sichergestellt werden, dass tatsächlich nur Isis-Kämpfer getroffen werden. Die Gefahr von Opfern unter der Zivilbevölkerung ist groß - was den Radikalen noch mehr Anhänger zutreiben könnte. Die irakische Armee zum Beispiel bombardierte vergangene Woche bereits versehentlich mit ihr verbündete irakische Kurden.

Luftangriffe würden den Vormarsch der Radikalen wohl auch nur kurzfristig stoppen können; mit ihren Organisationsstrukturen im Untergrund ist Isis aus der Luft kaum zu besiegen.

Bodentruppen: Eine unmögliche Mission

Den Einsatz von Bodentruppen hat Obama bereits ausgeschlossen. Nicht einmal die Republikaner fordern "Boots on the ground", denn ein solcher Einsatz ist in der amerikanischen Öffentlichkeit extrem unpopulär. Derzeit sind nur rund hundert US-Soldaten und 50 US-Marines im Irak stationiert. 275 weitere sollen nun dazukommen. Sie sollen lediglich die Botschaft in Bagdad schützen, sind aber viel zu wenige, um den Aufstand aufzuhalten.

Noch mehr Soldaten kann Obama nur zu einem sehr hohen politischen Preis schicken: Schließlich rühmt er sich, der Präsident zu sein, der einmal die letzten US-Truppen aus dem Irak und Afghanistan abgezogen haben wird. Zum Vergleich: 2007 gelang es Obamas Vorgänger George W. Bush, einen Aufstand erst dann zu stoppen, als er zusätzliche 30.000 Soldaten schickte. Dieser "Surge" erhöhte die Gesamtstärke der Amerikaner im Irak auf 168.000.

Von einem wesentlichen Element der "Surge"-Strategie dürfte sich Obama jedoch inspirieren lassen: So warben die Amerikaner damals mit viel Geld rund 100.000 irakische Freiwillige. Die meisten von ihnen gehörten der frustrierten sunnitischen Minderheit an. Die Dollar aus Washington hielten sie eine ganze Weile davon ab, sich sunnitischen Radikalen anzuschließen.

Obama könnte weitere "Hellfire"-Raketen und "Apache"-Kampfhubschrauber an Bagdad liefern. Zuletzt war der Waffendeal mit der Regierung von Nuri al-Maliki im US-Kongress jedoch umstritten. Es wird befürchtet, dass Maliki das Kriegsgerät nicht nur gegen die Dschihadisten einsetzt, sondern auch gegen seine politischen Rivalen.

Kooperation mit Iran: Die Verlegenheitlösung

Ausgerechnet der schiitische Iran, Washingtons alter Feind, hat großen Einfluss in Bagdad. Obama könnte sich bemühen, Teheran als Partner zu gewinnen, um Maliki gemeinsam zu versöhnlichen Schritten gegenüber den Sunniten zu bewegen.

Die Frage ist, ob das Nachbarland für einen solchen Kurs zu gewinnen ist. Eigentlich sind Washington und Teheran Rivalen im Irak. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Iran eine Spaltung des Irak entlang der Konfessionsgrenzen zwischen Schiiten und sunnitischer Minderheit betreibt.

insgesamt 72 Beiträge
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neinsagen 17.06.2014
1. Teilhaber? Finanzierer?
mich würde es sehr interessieren wer für die Kosten des Militäreinsatzes der USA aufkommt. Welche Stundensätze kommen da zur Anrechnung. Ein Sanitärfachmann kostet ca. 44,-Euro + Mwst 19 % pro Stunde. Was kosten Soldaten im Durchschnitt und was ein Kriegschiff pro Tag. Düsenflieger pro Einsatz oder pro Woche?
gi.ta 17.06.2014
2. Warum immer die USA allein
Phantastisch! Und wie wäre wenn endlich die USA, Russland und China sich zusammensetzen würden und versuchen würden eine Lösung zu finden. Warum immer die USA allein?
mcvitus 17.06.2014
3. Ist es wirklich so schwer
ca. 800 Terroristen (Angabe Spon vor wenigen Tagen) zu stoppen? Mir stellt sich die Frage, wieviele sind es tatsächlich?
readwrite 17.06.2014
4. königswege...
Zitat von sysopREUTERSWashington lässt Kriegsschiffe an Iraks Küste auffahren und schickt knapp ein paar hundert Marines. Doch US-Präsident Barack Obama bleiben nur wenige echte Optionen, der irakischen Regierung gegen die Islamisten beizuspringen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-obama-hat-kaum-moeglichkeiten-zum-einsatz-gegen-isis-a-975631.html
geht es wirklich noch um "optionen"? wie wär's mit einem ganz anderen denkansatz: wem nützt eigentlich das aufbrodelnde sunna vs. schia in nah- und mittel-ost, das zunehmend an den beginnenden 30-jährigen (galubens-)krieg in good old europe erinnert??? wer hat den den größten nutzen, wenn die die besten krieger der noch radikaleren die "normal" radikalen erledigen und umgekehrt? wem spart das die kosten- und blutaufwändige bodenarbeit? mehr und mehr bin ich davon überzeugt, dass im weißen haus ein großes schmunzeln vorherrscht, wenn aller orten von strategielosigkeit der aktuellen präsidentschaft die rede ist... so blöd sind die dort auch nich! möglicherweise ist folgende alte straßenweisheit der gewählte königsweg: willst du eine wirtshausschlägerei gewinnen, geh rechtzeitig raus, verriegel die tür und geh erst wieder rein, wenn alle anderen am boden liegen!
justine37 17.06.2014
5. Terrorismus nirgends auf der Welt dulden
Obama hätte jetzt die Gelegenheit zu zeigen,dass Terrorismus nirgends auf der Welt geduldet werden kann. Tut er dass nicht,ist er und die unten durch. Mit Bomben kann man höchstens die Infrastruktur eines Landes zerstören.Ganz im Sinne der ISIS.
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