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Protest im Irak: Brandsturm und Bürgersinn

Foto: Ahmed Dhahi/ REUTERS

Protest im Irak Brandsturm und Bürgersinn

In der südirakischen Großstadt Nassriya haben Demonstranten Milizenzentralen und Parteibüros niedergebrannt. Der Staat hat kapituliert. Nun bemühen sich Bürger, Geistliche und Geschäftsleute um einen friedlichen Wandel.

Die Läden haben geöffnet. Menschen sind auf den Straßen, der Verkehr läuft wie immer, an den wichtigsten Kreuzungen stehen Polizisten in ihren antiquierten Uniformen. Das Leben in Nassriya, der zweitgrößten Stadt des Südirak, geht seinen gewohnten, ruhigen Gang.

Dies wäre nicht weiter erwähnenswert, würde nicht ein örtlicher Tankstellenbesitzer beiläufig erwähnen, dass eine wütende Menge vor drei Wochen den Sitz der Provinzregierung niederbrannte. Und sämtliche Parteibüros in der Stadt. Alle Einsatzzentralen der Milizen. Die Häuser mehrerer Parlamentsabgeordneter sowie das Anwesen des Kabinettsleiters von Premier Adel Abdel Mahdi in einem Vorort Nassriyas.

Mit den Paramilitärs der "Anti-Aufstands-Polizei" habe man sich nach mehrstündigen Gefechten auf deren friedlichen Abzug aus der Stadt verständigt.

Der irakische Staat ist bis auf Weiteres verschwunden aus Nassriya. Die Ortspolizisten sind die letzte uniformierte Ordnungsmacht der Regierung. Eine Großstadt im Vakuum.

Doch wie geht es weiter? Woher überhaupt kam dieser jähe Ausbruch der Gewalt? Und viel ungewöhnlicher noch für den Irak und seine Geschichte der Brutalität: Was hat ihn einfach wieder zum Erliegen gebracht?

Anwar, wie der Tankstellenbesitzer sich vorsichtshalber ohne seinen Nachnamen vorstellt, war bis Oktober unpolitisch - nicht aus Desinteresse, sondern aus Frustration: "Was wir in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten erlebt haben, war eine Regierung, die immer mehr Geld von uns haben wollte und immer weniger gegeben hat: Die Strompreise steigen, aber es gibt nur noch alle paar Stunden Strom. Wir sollen eine Straßensteuer bezahlen, aber niemand füllt die Schlaglöcher. Selbst das Einschreibeformular an der Universität kostet viel mehr als früher. Aber die Absolventen finden keine Jobs."

Keine Einnahmequellen in Nassriya - weder Öl noch einen Hafen oder Tourismus

Schlechter ist die Lage auch andernorts geworden. Aber nirgends so schlecht wie in Nassriya, Hauptstadt der ärmsten Provinz des Irak. Andere Provinzen haben Ölquellen, einen Hafen, eine zollträchtige Landgrenze, schiitische Schreine, zu denen Millionen Gläubige aus aller Welt pilgern und dort Geld ausgeben.

Nassriya hat nichts von alledem. Lange war es trotzdem ruhig geblieben hier. Ruhiger jedenfalls als in Bagdad, in der Mitte und im Norden des Landes, wo der "Islamische Staat" 2014 seinen blitzartigen Siegeszug unternahm und dann jahrelang zurückgekämpft wurde; wo auch zuvor schon der Bürgerkrieg zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen die Menschen jahrelang in Angst und Schrecken gehalten hatte.

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Protest im Irak: Brandsturm und Bürgersinn

Foto: Ahmed Dhahi/ REUTERS

Nicht so im Süden: Hier leben fast nur Schiiten, die im ganzen Irak die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen und lange loyal zu den wechselnden, stets schiitischen Regierungen in Bagdad blieben. Im vergifteten politischen Klima des Landes standen sie zwar nie unter Verdacht, Terrorsympathisanten des sunnitischen IS zu sein. Doch die Mächtigen der herrschenden Parteien haben es ihnen schlecht gedankt: Vom gigantischen Ölreichtum des Irak kam immer weniger bei den Untertanen an.

Anfang Oktober wurde der integre, heldengleich verehrte Armeekommandeur Abdelwahab al-Saadi in Bagdad seines Postens enthoben, dessen "Goldene Division" maßgeblichen Anteil an der Befreiung Mossuls vom IS hatte. Das war der Funke, die jahrelang aufgestaute Wut zur Explosion zu bringen. Saadi hatte nichts mit Nassriya zu tun, aber das war egal. Nach ersten friedlichen Protestzügen, deren Forderungen von der Regierung abgetan wurden, legten Demonstranten ab dem 25. Oktober in Bagdad und weiteren Städten Kreuzungspunkte, Brücken über den Euphrat und Tigris lahm, riefen zum Generalstreik auf.

Der Zorn der Iraker erreicht heute die Handlanger Teherans

Juristin Nedda Saleh (Mitte) "Ich ermutige meine Tochter!"

Juristin Nedda Saleh (Mitte) "Ich ermutige meine Tochter!"

Foto: Christoph Reuter/ DER SPIEGEL

In Bagdad blieb es dabei. Nicht so in Nassriya. Eine Menge, von der manche sagen, es seien ungefähr 2000 vor allem junge Männer gewesen, zog los, die Zentralen jener Institutionen zu stürmen, die verantwortlich gemacht werden für den Niedergang des Landes.

Zuallererst die Hauptquartiere der Milizen, die sich in den vergangenen Jahren wie ein Staat im Staate aufgeführt haben, und die letztlich unter dem Kommando der iranischen Revolutionswächter stehen. Unter dem Banner des gemeinsamen schiitischen Glaubens sind sie Werkzeuge iranischer Macht. Und so, wie der Zorn der Iraker ab 2004 die amerikanischen Besatzer traf, erreicht er heute die Handlanger Teherans.

Innerhalb weniger Nächte gehen deren zuvor unantastbare Kommandostellen in Flammen auf, räumen die Kämpfer der "Khorazan-Brigade" fluchtartig ihr Gebäude. Dann trifft es die Zentralen der Parteien, die sich wie ein Kartell Aufträge und Posten zuschieben, egal wer gerade regiert, schließlich den Sitz des Provinzrates und einzelne Villen von Kommandeuren, Parlamentsabgeordneten, dem Amtschef von Premier Mahdi.

Krankenhäuser, Schulen, Müllabfuhr, die eigentliche Verwaltung bleiben unangetastet, werden teilweise beschützt vor etwaigen Plünderern.

Ausweislich einer Liste der Protestler werden insgesamt über 40 Gebäude abgefackelt. Zehn davon nahm das SPIEGEL-Team in Augenschein, allesamt ausgebrannt, teils zerstört.

Nach irakischen Erfahrungswerten wäre dies der Auftakt zum Bürgerkrieg. Als sich die Schiiten im März 1991 gegen Saddam Husseins Diktatur erhoben, ließ er die Widerständler aus Hubschraubern und von Eliteeinheiten zusammenschießen, Zehntausende, vermutlich mehr als 100.000 Menschen umbringen.

Doch diesmal geschehen seltsame Dinge. Der Kommandeur der gleichnamigen Miliz und Partei Badr, Said Dschabbar, hat Befehl aus Bagdad bekommen, seine Bastion um jeden Preis zu halten. Sein Sohn schießt in die Menge, tötet vier Demonstranten, verletzt Dutzende. Die anderen Kämpfer schießen in die Luft oder gar nicht.

Als das Töten keine Angst schürt, flüchten die meisten Milizionäre

Graffiti von Studierenden in der Stadt: "Jeder Tote hat seinen Preis"

Graffiti von Studierenden in der Stadt: "Jeder Tote hat seinen Preis"

Foto: Christoph Reuter/ DER SPIEGEL

Und als die Menge auch nach vier Toten nicht zurückweicht, sondern immer weiter anschwillt, fliehen Dschabbars Sohn und die anderen. Sie hätten genug Waffen und Munition, Hunderte zu massakrieren. Sie tun es nicht. Zwar sterben in den letzten Oktobertagen mehr als 30 Menschen in und um Nassriya. Aber nachdem das Töten keine Angst schürt, sondern nur Gegenwehr, flüchten die meisten Milizionäre aus der Stadt.

"Die Zeiten haben sich geändert", sagt Ahmed Tamimi, Grundschuldirektor, eine der Stimmen der Protestbewegung von Nassriya: "Heute hat jeder Tote seinen Preis."

Was nicht an einer Modernisierung des Justizwesens liegt, sondern daran, dass der allerälteste Machtfaktor der Gesellschaft in den vergangenen Jahren eine stille Renaissance erlebt hat: Die Stämme sind wieder wichtiger geworden. Sie klären Rechtsstreits, bieten Schutz vor Übergriffen.

In den Tagen nach dem Sturm teilen mehrere Scheichs Said Dschabbar mit: Sein Sohn werde sterben müssen dafür, dass er Unbewaffnete ihres Stammes erschossen habe. Auf den Mauern des ausgebrannten Hauses, von dem aus er in die Menge schoss, stehen in leuchtendem Rot gesprühte Graffiti: "Gesucht für Blut!" und "Tot oder lebendig".

Ein informelles Räderwerk, das verhandelt, droht und beschwichtigt

Die Stammesführer, die Geistlichkeit und Männer wie der Lehrer Tamimi, der Tankstellenbesitzer Anwar, füllen vorläufig das Machtvakuum der 600.000-Einwohner-Stadt. Der Polizeichef, den hier alle nur Abu Walid nennen, setzt auf Verhandlungen, kommt unbewaffnet zu Treffen mit Demonstranten. Sein Medienverantwortlicher, ein Schnellsprecher mit Augenklappe und Einstecktuch, ist eng befreundet mit dem wichtigsten kritischen Journalisten der Stadt.

Zum ersten Mal in dieser einst konservativen Gegend treten Frauen aus dem Hintergrund, ermutigen ihre Töchter, sich zu Wort zu melden, organisieren Lebensmittel, nutzen Brückenpfeiler und Mauern als Leinwände für meterlange Bilder.

Ein informelles Räderwerk ist entstanden, das verhandelt, droht und beschwichtigt, um die Protestwelle nicht in Chaos umschlagen zu lassen. Neuwahlen werden verlangt, die Absetzung korrupter Amtsträger in Bagdad, nichts, was auf Provinzebene zu erreichen wäre. Es ist eine fragile Balance, und nach drei Wochen der Ruhe genügt die Festnahme eines Familienvaters, die Ankunft einer Sondereinheit des Innenministeriums, um erneut eine Straßenschlacht mit mehreren Toten ausbrechen zu lassen.

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