Irak Qaida-Chef schwört Rache

Nicht einmal der Gastgeber ahnte von dem Besuch: US-Präsident Bush traf überraschend in Bagdad ein, wo er Regierungschef Maliki seine Unterstützung versicherte. Die Qaida im Irak schwört indes Rache für den Tod Sarkawis.


Bagdad - Eigentlich hatte die US-Regierung eine Videokonferenz angekündigt, bei der irakische Regierungsvertreter dem in Camp David tagenden amerikanischen Kabinettsmitgliedern zugeschaltet werden sollten. Doch dann machte sich George W. Bush nach dem Abendessen von dannen und reiste unter strengster Geheimhaltung in das Kriegsgebiet am Euphrat. Neben seinem Stellvertreter Dick Cheney, Außenministerin Condoleezza Rice und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wusste lediglich Bushs Frau Laura Bescheid.

Bush, Maliki: "Amerika hält sein Wort"
AP

Bush, Maliki: "Amerika hält sein Wort"

Iraks Regierungschef Nuri al-Maliki selbst erfuhr von seinem Überraschungsgast erst fünf Minuten, bevor Bush in der US-Botschaft eintraf. Maliki begrüßte den wichtigsten Verbündeten seiner Regierung mit den Worten: "Gut, Sie zu sehen!" Bush erwiderte: "Danke, dass Sie mich empfangen."

An dem Treffen nahmen zahlreiche irakische Kabinettsmitglieder teil, unter ihnen Verteidigungsminister Abdel Kader Mohammed Dschassem, Innenminister Dschawad Pulani und Erdölminister Hussein al-Schahristani. Bush sagte in einer nach Camp David übertragenen Ansprache, die Zukunft des Landes liege "in den Händen" der irakischen Führung. Die USA wollten jedoch im Land bleiben und helfen.

"Mit der richtigen Hilfe" werde Malikis Regierung erfolgreich sein, sagte Bush. "Ich bin nicht nur gekommen, um Ihnen in die Augen zu sehen, sondern auch, um Ihnen zu sagen, dass, wenn Amerika sein Wort gibt, es sein Wort auch hält." Das Treffen in Bagdad wurde an Bushs Landsitz Camp David im US-Bundesstaat Maryland übertragen, wo US-Vizepräsident Dick Cheney, Außenministerin Condoleezza Rice, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und andere Mitglieder der US-Führung zuhörten.

Landung in brütender Hitze

Am Bagdader Flughafen stieg Bush in brütender Hitze in einen Militärhubschrauber um und ließ sich in einem achtminütigen Flug in die schwer gesicherte Grüne Zone bringen, wo Regierungsviertel und zentrale Stellen der US-Vertretung im Land untergebracht sind. Insgesamt dauerte der Irak-Besuch des US-Präsidenten rund fünf Stunden. Nach der Begegnung mit Soldaten in Bagdad kehrte Bush am Abend mit einem Hubschrauber zum Flughafen zurück, wo die Präsidentenmaschine "Air Force One" auf ihn wartete und wieder nach Hause brachte.

Die anhaltende Gewalt im Irak hat die Unzufriedenheit der US-Bürger mit der Irak-Politik des Präsidenten geschürt und ihm sowie seiner Republikanischen Partei wenige Monate vor der Kongresswahl schlechte Umfragewerte beschert. Seit dem US-geführten Einmarsch in den Golfstaat im März 2003 wurden mehr als 2400 US-Soldaten getötet. Bei seinem bis dahin ersten Besuch im Irak hatte er im November 2003 US-Soldaten zum Thanksgiving einen Truthahn serviert. Die USA haben noch immer rund 130.000 Soldaten im Irak stationiert.

Bush verspricht sich von der Tötung des Qaida-Anführers Abu Mussab al-Sarkawi und dessen engsten Führungszirkels die Chance, den seit Jahren anhaltenden Aufstand im Land niederzuringen und die Autorität der Zentralregierung auch in den sunnitischen Gebieten durchzusetzen. Dies gilt als Voraussetzung für einen Abzug der US-Truppen. Nach dem ersten Tag seiner Beratungen mit dem Kriegskabinett hatte Bush die irakische Regierung am Vorabend aufgefordert, alle Kräfte für die Einheit des Landes einzusetzen.

Kurz vor der Ankunft Bushs hatte die Regierung Malikis eine Großoffensive im Kampf gegen die Rebellen in Bagdad angekündigt. Mehr als 40.000 irakische und US-Soldaten sollen dort von Mittwoch an Extremisten aufspüren und die Strukturen ihrer Gruppen zerschlagen. Die Aktion solle dazu beitragen, die Sicherheit zu erhöhen, sagte Generalmajor Abdel Asis Mohammed vom irakischen Verteidigungsministerium.

Al-Qaida schwört Rache

Nach dem Tod Sarkawis schwören dessen Nachfolger Rache. Parallel zu Bushs Besuch veröffentlichte der neue Kopf der Qaida im Irak, Abu Hamza al-Muhadschir seine erste schriftliche Botschaft. Auf zwei knappen Seiten bekräftigte der weitgehend unbekannte Mann, dass die irakische Qaida-Filiale "unter dem Befehl" Osama Bin Ladens stehe. Das Dokument liegt SPIEGEL ONLINE vor.

Desweiteren ließ Abu Hamza wissen, dass seine Organisation den Kampf gegen die "Kreuzfahrer" und die Schiiten im Irak fortsetzen werde. Abu Mussab al-Sarkawi sei zwar tot, aber er habe ausgebildete Kämpfer zurückgelassen. Noch nie zuvor sei das dschihadistische Lager so stark gewesen, behauptet er. Noch immer ist unklar, ob Abu Hamza ein Iraker oder ein arabischer Ausländer ist. Auch aus seiner heutigen Erklärung ging das nicht hervor.

Der israelische Qaida-Experte Reuven Paz und sein in Singapur lebender Kollege Rohan Gunaratna erklärten heute gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass auch sie noch keine handfesten Details über den neuen Qaida-Führer haben. Internationale Sicherheitsbehörden tappen dem Vernehmen nach ebenfalls noch weitgehend im Dunkeln.

asc/yas/AFP/dpa/AP/Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.