Irak Sadr will nun doch einlenken

Wieder eine neue Wendung in Nadschaf: Kurz vor Beginn einer US-Offensive gegen seine Milizen scheint Muktada al-Sadr in letzter Minute einzulenken. Ein Sprecher des schiitischen Predigers sagte, Sadr erkläre sich mit allen Bedingungen des Vermittlungsvorschlags der irakischen Nationalkonferenz einverstanden.


US-Soldaten in Nadschaf: Druck auf Sadr
AP

US-Soldaten in Nadschaf: Druck auf Sadr

Nadschaf/Bagdad - Scheich Ahmed al-Schibani, ein Sprecher der Sadr-Bewegung, sagte am Mittwochabend in einem Interview mit dem arabischen TV-Sender al-Dschasira, der Prediger und seine Berater hätten sich entschieden, die Bedingungen des Vermittlungsangebots zu akzeptieren. Einen konkreten Zeitpunkt für einen Abzug der Milizionäre aus dem heiligen Bezirk in Nadschaf nannte er jedoch noch nicht.

Das irakische Verteidigungsministerium forderte Sadr und seine Anhänger am Mittwochabend erneut zum sofortigen Niederlegen der Waffen und zum Abzug aus der Imam-Ali-Moschee auf. Nur für den Fall einer sofortigen Beendigung des Aufstandes und des Rückzugs werde Straffreiheit gewährt, hieß es in einer Mitteilung.

Schon zuvor hatte es mehrfach so ausgesehen, als ob das Ultimatum der irakischen Regierung gegen Sadr Erfolg zeitigen würde, allerdings hatten Vertraute Sadrs immer wieder Bedingungen gestellt. Nach Angaben eines Delegierten hatte der radikale Schiiten-Prediger einen von der Nationalkonferenz entworfenen Friedensplan zur Beilegung der Krise um die Stadt Nadschaf aber angenommen.

Das Abkommen sieht vor, dass die Kämpfer der Mehdi-Miliz Sadrs die Waffen niederlegen und sich aus dem den Schiiten heiligen Schrein in Nadschaf zurückziehen.

Zur Beilegung der Krise war gestern eigens eine Delegation aus Bagdad nach Nadschaf gereist, um den Aufständischen das Friedensabkommen zu unterbreiten. Ein Treffen mit Sadr kam allerdings nicht zu Stande - was in der Nationalkonferenz Verärgerung hervorrief. Nachdem die acht Abgesandten der Nationalkonferenz Sadrs Stellvertreter Scheich Ali Smeissim ihren Vorschlag unterbreitet hatten, zogen sie wieder ab.

US-Panzer in Nadschaf: Aufmarsch zur entscheidenden Schlacht
AFP

US-Panzer in Nadschaf: Aufmarsch zur entscheidenden Schlacht

US-Truppen waren bereits dicht an die Imam-Ali-Moschee vorgerückt. Die Vorbereitungen für eine Offensive der USA und der irakischen Sicherheitskräfte gegen die Kämpfer Sadrs stünden vor dem Abschluss, sagte Iraks Verteidigungsminister Hasim al-Schaalan. "Sie haben eine Chance. Sie müssen in den nächsten Stunden aufgeben und ihre Waffen niederlegen", sagte er nach einem Treffen mit Vertretern der Stadt in Nadschaf. Der arabische TV-Sender al-Arabija zitierte ihn mit den Worten, die "entscheidende Schlacht" um die seit zwei Wochen hart umkämpfte Stadt stünde bevor.

In Nadschaf liefern sich Anhänger Sadrs bereits seit Tagen heftige Gefechte mit US-Besatzungstruppen und irakischen Sicherheitskräften. Der Prediger und seine Getreuen sollen eingekesselt sein. Panzer seien nur noch knapp einen Kilometer von der den Schiiten heiligen Imam-Ali-Moschee entfernt, wo sich die Kämpfer aufhalten, hieß es aus Polizeiquellen. Über Opferzahlen gab es zunächst keine verlässlichen Angaben. Zuvor war eine Delegation der irakischen Nationalkonferenz mit dem Versuch gescheitert, Sadr zur Aufgabe zu bewegen.

Die Polizei forderte Journalisten erneut zum Verlassen der Stadt auf, da ihre Sicherheit nicht garantiert werden könne. Ärzte des größten Krankenhauses hatten schon am Morgen berichtet, dass bei Kämpfen mindestens 29 Menschen getötet oder verletzt worden seien.

Die Innenstadt von Bagdad wurde am Morgen von mehreren heftigen Explosionen erschüttert. Dabei wurde das Dach des Außenministeriums von einer Mörsergranate getroffen. Nur wenige hundert Meter entfernt tagt die Nationalkonferenz, die das irakische Parlament ernennen soll.

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