Irak-Spott vor Wahlen Bush hält Kurs - oder auch nicht

Lange hatte US-Präsident Bush auf die Nöte im Irak nur eine Antwort: "Kurs halten!" In einer Woche sind Kongresswahlen, es sieht mies aus. Plötzlich behauptet Bush, den Spruch nie benutzt zu haben. Im Internet wird ihm jedoch das Gegenteil bewiesen - weshalb er nun ein neues Problemchen hat.

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Hamburg - 98 US-Soldaten sind bis zum Wochenende im Irak allein in diesem Oktober gefallen. Das waren so viele wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr in einem Monat. Der Druck auf Präsident Bush wächst: In neun Tagen sind Kongresswahlen, und die Republikaner stehen in Umfragen miserabel da - selbst große US-Konzerne, traditionell eher den Republikanern zugeneigt, schichten inzwischen ihre Spendenetats zugunsten der Demokraten um. "Jede Woche läuft es besser", sagte der demokratische Senator Charles Schumer: "Es wird mehr und mehr zu einer Abstimmung über George W. Bush." Der Republikaner-Berater Whit Ayres konterte zwar, die Republikaner seien im Finish immer stark - gibt aber zu: "Das ist das schwierigste Umfeld seit der Watergate-Affäre 1974."

Bush bei Wahlkampfauftritt: "Kurs halten heißt, dass wir gewinnen werden"
AP

Bush bei Wahlkampfauftritt: "Kurs halten heißt, dass wir gewinnen werden"

Das Umfeld wird vor allem wegen der Irak-Frage zusehends schwierig. Immer häufiger muss Bush sich die Frage gefallen lassen, wie er die Lage dort in den Griff bekommen will. In Umfragen zeigt sich, dass die Zustimmung zu Bushs Irak-Kurs ein Tief erreicht hat. Die Mehrheit traut eher den Demokraten eine Lösung der Probleme dort zu - was auch daran liegt, dass Bushs Mantra in der Frage immer war: "Stay the course!" - "Kurs halten!" Man müsse nur lange genug im Irak weiterkämpfen, irgendwann werde man schon einen grandiosen Sieg davontragen. Jetzt sieht Bush, dass er womöglich vorher eine Niederlage kassiert - in der Heimat, bei Wahlen. Also doch: Kurs ändern?

In einem Interview mit "ABC News" sagte Bush kürzlich, dass er im Zusammenhang mit seiner Irak-Politik niemals von "Kurs halten" gesprochen habe. Eine Aussage, die jetzt, im Schlussspurt des Wahlkampfs, Widerstand provoziert. Und das nicht zu gering.

Dan Froomkin, Kolumnist der "Washington Post", sieht in der Aussage die womöglich lächerlichste Äußerung Bushs während seiner gesamten Präsidentschaft. Im Internet ergießt sich Spott über den US-Präsidenten - denn entweder sagt er wissentlich die Unwahrheit, oder er leidet unter Vergesslichkeit: Allein beim Videoportal YouTube finden sich derzeit mehr als 110 Clips zum Thema, in denen Bush zu sehen ist, wie er "Kurs halten" in der Irak-Politik fordert. Die Internet-Gemeinde sammelt die Clips des Präsidenten regelrecht, aber auch die Demokraten und andere Gruppen haben sich die Mühe gemacht, einige Videos zusammenzustellen. Nicht nur von Bush, sondern auch von anderen prominenten Republikanern wie seinem Stellvertreter Dick Cheney.

Den Strategen im Weißen Haus gibt die Bloßstellung im Internet zu denken. Dort überlegt man, wie der Präsident politisch möglichst unbeschadet aus diesem Schlamassel kommt - und versucht, die Episode um das "Kurs halten" zu verschleiern. So räumte Sprecher Tony Snow immerhin ein, dass sein Büro nachgeprüft habe, wie oft der Präsident den Begriff "Kurs halten" im Zusammenhang mit dem Irak benutzte. Seine Mitarbeiter würden nur acht Fälle zählen.

Aber wieder offenbart das Internet mehr, als das Weiße Haus zuzugeben bereit ist - und zwar auf einer offiziellen Seite der US-Regierung selbst. In einer Aufstellung von Dokumenten im Netz finden sich seit Kriegsbeginn im Irak im März 2003 allein 52 öffentliche Statements von Bush, in denen er von "Kurs halten" spricht.

Tatsächlich habe Bush bisher an seiner Irak-Strategie festgehalten, sagen Kritiker - und damit einen tödlichen Kurs zu verantworten. Die Frage, die sich die US-Bevölkerung stelle: Sollen US-Soldaten weiter einen hoffnungslosen Kampf im Irak führen - oder nach Hause kommen? In dieser Frage, sagt Kolumnist Froomkin, habe Bush bisher nicht gewackelt: weiterkämpfen, koste es, was es wolle.

Angesichts der Debatte lieferte Bush in einem Interview schließlich eine eigene Definition: "Die ganze Sache mit dem Kurshalten - den Kurs zu halten heißt, dass wir gewinnen werden."

Wie sehr das Weiße Haus bemüht ist, einen neuen Kurs in der Irak-Politik einzuleiten, zeigt dagegen ein Interview mit dem Sicherheitsberater des Präsidenten Stephen Hadley. Der verhedderte sich hoffnungslos, als eine Interviewerin ihn fragte, ob Bush jetzt offener für neue Strategien im Irak sei als noch vor einem halben Jahr. Er sagte: "Wir haben im Irak viele Veränderungen durchgemacht. Der Sicherheitsplan für Bagdad war Phase eins. Damit haben wir nicht alles erreicht, was wir uns erhofft haben. Dann kam Phase zwei, weitere Anpassungen sind ganz klar nötig. Es ist eine schwierige Situation. Der Präsident ist sich darüber im Klaren. Wir haben Veränderungen in der Vergangenheit vorgenommen. Und es ist ziemlich sicher, dass es auch in Zukunft einige Änderungen geben wird. Ich glaube, der Präsident erkennt das."

Alles verstanden? Hadley erkannte selbst, dass das etwas komplex war. Er fügte hinzu: "Mit anderen Worten, nein."



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