US-Erkundungsmission im Nordirak Tausenden Jesiden gelingt die Flucht

Die USA haben Spezialeinheiten in das Sindschar-Gebirge im Nordirak entsandt. Die Mission kommt zu dem Schluss, dass sich dort deutlich weniger Zivilisten befinden als angenommen. Eine US-Rettungsaktion sei damit "unwahrscheinlicher" geworden.
Jesidische Flüchtlinge passieren die irakisch-syrische Grenze

Jesidische Flüchtlinge passieren die irakisch-syrische Grenze

Foto: AHMAD AL-RUBAYE/ AFP

Washington/Arbil - Ein US-Militäreinsatz zur Rettung von Flüchtlingen im Nordirak ist nach Angaben des Pentagons eher unwahrscheinlich. Spezialeinheiten seien nach Erkundungen im Sindschar-Gebirge zu dem Schluss gekommen, dass sich dort wesentlich weniger Menschen befänden als zunächst angenommen. Nach Luftschlägen der USA sei vielen gelungen, der Belagerung durch die Terrormilizen "Islamischer Staat" (IS) zu entkommen.

Auch seien die Verfolgten nach Abwürfen von Nahrung und Wasser durch US-Militärs besser versorgt als noch vor einigen Tagen, teilte Pentagonsprecher John Kirby am Mittwochabend (Ortszeit) mit. Die irakische Armee fliegt die Gegend seit Tagen mit wenigen Hubschraubern an, um Wasser, Essen und Medikamente abzuwerfen und Menschen aufzunehmen.

Die US-Armee hatte am Mittwoch erstmals eine Spezialeinheit in das Gebirge entsandt, um sich ein Bild von der Lage der dort festsitzenden Menschen zu machen. Die Uno spricht von 20.000 bis 30.000 im Sindschar-Gebirge geflohene Zivilisten, insbesondere Mitglieder der religiösen Minderheit der Jesiden.

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Irak: Der Marsch der Jesiden

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Nur wenige Stunden zuvor hatte die US-Regierung erklärt, sie erwäge eine Luftbrücke oder die Einrichtung von Korridoren, um die bedrohten Menschen in Sicherheit zu bringen. Kirby sagte, eine Evakuierungsaktion sei nach den neuen Erkenntnissen "viel weniger wahrscheinlich". Die Luftabwürfe von Nahrung und Wasser gingen aber weiter, sagte Kirby.

"Ohne Helikopter sind die Menschen verloren"

Wie viele Jesiden sich tatsächlich noch auf dem etwa 40 Kilometer langen und 20 Kilometer breiten Bergrücken befinden, ist schwer abzuschätzen. Karim Sinjari, der Innenminister der autonomen Region Kurdistan, sprach am Mittwoch gegenüber SPIEGEL ONLINE von noch rund zehntausend Menschen. Genau festlegen wollte er sich aber nicht. "Das Gelände ist sehr unübersichtlich, zudem kommen in den Nächten Gruppen von Flüchtlingen hinzu, andere wiederum verlassen die Berge", so der Politiker.

Der Innenminister sendete einen dramatischen Hilferuf an die westliche Welt. Laut seinen Angaben stünden nur drei funktionierende Helikopter für die Evakuierung der schwächsten Flüchtlinge bereit. "Ohne Helikopter aus dem Ausland sind die Menschen auf dem Berg verloren", sagte Sinjari.

Neuer Drohnenangriff auf IS-Stellung

Der TV-Sender CNN zitierte einen hohen IS-Kommandeur, die Milizen hätten etwa hundert Frauen und Kinder der Jesiden aus dem Sindschar-Gebirge entführt. Die Entführten befänden sich in der Stadt Mosul im Nordirak. CNN fügte allerdings hinzu, die Behauptung lasse sich nicht durch unabhängige Quellen bestätigen.

Unterdessen setzte das US-Militär seine Luftangriffe gegen die sunnitischen Milizen fort. Eine Kampfdrohne habe am Mittwochabend (Ortszeit) einen mit Waffen ausgerüsteten Lastwagen westlich von Sindschar angegriffen und zerstört, teilten die Militärs mit.

Die im Nordirak gegen die Extremisten kämpfenden Kurden sollen Militärhilfe aus Europa erhalten. Als erstes EU-Land kündigte Frankreich an, wie die USA Waffen an die Kurden zu liefern. Die Bundesregierung schließt inzwischen auch Waffenlieferungen nicht mehr aus. In der Koalition ist das aber hoch umstritten.

fab/mgb/AFP/dpa
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