Irak Terror-Blutbad in Bagdad

Dieser Krieg ist nicht mehr in Worte zu fassen: Ein islamischer Fanatiker sprengt sich mitten auf einem belebten Marktplatz in Bagdad zwischen Frauen und Kindern in die Luft, reißt mehr als 135 Menschen in den Tod, verletzt über 300. Auch im nordirakischen Kirkuk detonieren mehrere Autobomben.


Berlin - Es war eine der belebtesten Stunden auf dem Lebensmittelmarkt im Zentrum des von Schiiten bewohnten Sadriyah-Viertels in der irakischen Hauptstadt Bagdad. Hunderte Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, erledigten ihre Einkäufe für den Abend. Inmitten des Gedränges brachte der Selbstmordattentäter seinen mit Sprengstoff beladenen Lastwagen zur Explosion. Mindestens 135 Menschen starben, über 300 wurden verletzt.

Am Tatort klaffte ein riesiger Krater im Erdboden, es soll sich um eine Tonne Sprengstoff gehandelt haben. Zahlreiche umliegende Gebäude wurden zerstört, von einigen Geschäften riss die Wucht der Explosion die Fassaden ab. Etliche Opfer liegen noch unter den Trümmern der Marktstände begraben. Verletzte wurden mit Pickups in die völlig überfüllten Krankenhäuser gefahren.

Es war der blutigste Anschlag im Irak seit dem 23. November, als über 200 Zivilisten einer Serie von Autobomben im selben Viertel zum Opfer fielen.

Angesichts der anhaltenden Gewalt drohte US-Präsident George W. Bush der Führung in Bagdad mit Konsequenzen, falls sie nicht energisch durchgreifen sollte. Die Verpflichtung der USA zum Militäreinsatz sei nicht unbefristet, sagte Bush heute in Williamsburg im US-Bundesstaat Virginia.

Bush verlangte von der Regierung von Ministerpräsident Nuri al-Maliki mehr Führungsstärke. Sie müsse endlich die politischen Reformen in Angriff nehmen, damit alle Iraker das Gefühl hätten, dass die Regierung für sie da sei. Bush nannte als Beispiel ein neues Erdölgesetz, das die Aufteilung der Einnahmen aus dem Ölexport unter den einzelnen Provinzen und Bevölkerungsgruppen regeln soll.

Al-Maliki machte Anhänger des hingerichteten Ex-Präsidenten Saddam Hussein und andere sunnitische Rebellen für den Anschlag verantwortlich. "Alle Iraker sind durch diese Verbrechen erschüttert", erklärte er. Am Freitag hatte ein US-Geheimdienstbericht eingeräumt, dass die eskalierende Gewalt zwischen den muslimischen Religionsgruppen der sunnitischen Minderheit und der politisch dominierenden schiitischen Mehrheit die Züge eines Bürgerkriegs trage. Die US-Regierung lehnt es bislang ab, die Gewalt im Irak als Bürgerkrieg zu bezeichnen, wie es auch der zum Jahreswchsel abgetretene UN-Generalsekretär Kofi Annan getan hatte.

Sieben Autobomben in Kirkuk

Auch im nordirakischen Kirkuk gab es heute eine Anschlagsserie. Bei der Explosion von sieben Autobomben starben vier Menschen, 21 wurden verletzt. Unter den Toten waren ein Selbstmordattentäter und zwei Kinder. Einer der Sprengsätze detonierte vor einem Büro der Demokratischen Partei Kurdistans, ein anderer in der Nähe einer Schule. Die Polizei verhängte eine Ausgangsperre.

Auch in Mossul wurde nach Gefechten eine Ausgangsperre verhängt. Die Kämpfe hätten nach zwei Anschlägen begonnen, bei denen drei Polizisten verletzt worden seien, sagte ein Polizeisprecher. In der sunnitischen Stadt Samarra wurde eine unbefristete Ausgangssperre verhängt, nachdem sechs Mitglieder einer Spezialeinheit der Polizei bei einem Angriff auf ihren Kontrollpunkt getötet wurden. Zudem explodierte eine Bombe neben einem Minibus, tötete einen Menschen und verletzte vier weitere.

Bei einem Autobombenanschlag in Mahmudija, südlich von Bagdad, starb ein Mensch, fünf weitere wurden verletzt. Bei Kämpfen zwischen Einwohnern und Bewaffneten in Charnaba starb ein Mensch. Vier weitere wurden nach Polizeiangaben durch Mörser verletzt.

US-Razzien fordern vier Tote

Bei mehreren Razzien töteten US-Soldaten heute vier Menschen. 29 Verdächtige wurden festgenommen. Die Einsätze hätten sich gegen das Terrornetzwerk Al Qaida gerichtet, hieß es in einer Mitteilung des US-Militärkommandos in Bagdad. Bei einer Razzia in Falludscha seien die Soldaten beschossen worden, die Armee habe das Feuer erwidert und dabei drei Menschen getötet. Ein weiterer Mann starb, als er festgenommen werden sollte. Der Verdächtige habe sich mit einem Gegenstand in der Hand auf die Soldaten gestürzt, den diese für eine Granate hielten, erklärte die US-Armee. Im Nachhinein habe sich herausgestellt, dass der Mann nur einen Stein in der Hand gehalten habe.

In Kerbela nahm die Polizei nach Angaben des Polizeichefs der Provinz 25 Verdächtige fest. Vier der Festgenommenen hätten der Sekte angehört, die sich vor einer Woche heftige Kämpfe in Nadschaf mit irakischen Polizisten und US-Soldaten geliefert habe. Dabei waren etwa 200 Sektenmitglieder ums Leben gekommen. Der Polizeieinsatz am Samstag sei eine Folge der Kämpfe in Nadschaf gewesen, sagte der Polizeichef. Die Verdächtigen seien in der gesamten Provinz von hunderten Polizeipatrouillen festgenommen worden. Ihnen werden Attentate, Mord und Raub vorgeworfen.

Das geistliche Oberhaupt der irakischen Schiiten, Großajatollah Ali al-Sistani, forderte Sunniten und Schiiten unterdessen zu einem Ende der Gewalt auf. Die religiösen Differenzen, über die man jahrhundertelang gestritten habe, ließen sich nicht beilegen, schrieb er in einer heute veröffentlichten Erklärung. Die Muslime sollten in diesen schweren Zeiten daher besser ihre Gemeinsamkeiten betonen, "den Glauben an den einen einzigen Gott".

cvo/afp/ap/dpa/reuters



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