Irak Terroristen sprengen Lkw mit Chlorgas in die Luft - 45 Tote

Extremisten im Irak haben ein Attentat auf einen mit Chlorgas beladenen Laster verübt. Mindestens 45 Menschen wurden getötet, 60 weitere verletzt. Die Sicherheitsoffensive amerikanischer und irakischer Truppen zeigt kaum Wirkung.


Bagdad - Die Explosion des Chlorgas-Lasters ereignete sich nördlich von Bagdad auf einem belebten Markt in einer größtenteils von Schiiten bewohnten Ortschaft in der Unruhe-Provinz Dijala.

Anschlag auf einen US-Militär-Konvoi nahe Bagdad: Die Sicherheitsoffensive schlägt nicht an
REUTERS

Anschlag auf einen US-Militär-Konvoi nahe Bagdad: Die Sicherheitsoffensive schlägt nicht an

Dieser Anschlag ist der jüngste Beleg dafür, dass die vor rund drei Monaten gestartete Sicherheitsoffensive amerikanischer und irakischer Truppen kaum eine Auswirkung auf die Zahl der Anschläge im Irak gehabt hat. Dies geht auch aus einer in den USA veröffentlichten Untersuchung hervor. Die Zahl der durchschnittlichen Anschläge pro Tag stieg von 71 im Januar 2006 auf 176 im Oktober, wie US-Behörden erklärten. Im Februar, als die Offensive begann, gab es einen leichten Rückgang auf 164 Anschläge pro Tag, im März waren es 157, im April durchschnittlich 149.

Der Bericht bezieht sich auf Angaben der US-Truppen, die Zahl der Todesopfer oder Verwundeten wurde nicht berücksichtigt. Aus Kreisen der Streitkräfte hieß es, die Aufständischen hätten auf die Offensive mit noch brutaleren Bombenanschlägen als zuvor reagiert, die mehr Opfer gefordert hätten.

Außer auf dem Marktplatz in der Provinz Dijala brach auch in anderen Teilen des Irak erneut Gewalt aus. In der vorwiegend von Schiiten bewohnten Stadt Nasirija im Süden des Landes kam es nach der Festnahme von zwei gesuchten Milizionären zu einem Feuergefecht zwischen der Polizei und anderen Milizionären der Mahdi-Armee des radikalen Predigers Muktada al-Sadr. Insgesamt neun Iraker wurden dabei getötet, 75 verwundet.

In der besonders gesicherten «grünen Zone» in Bagdad schlugen nach Angaben der US-Botschaft mindestens neun Mörsergranaten ein. Dabei wurden sechs Menschen verletzt. Die Nationalität der Opfer wurde nicht bekannt gegeben. Anschläge in dem schwer bewachten Gebiet, in dem sich unter anderem die Büros der irakischen Regierung und die US-Botschaft befinden, haben in den vergangenen Wochen zugenommen. Am Dienstag waren fünf Zulieferer der Botschaft verletzt worden. Am 2. Mai hatte eine Raktet zwei indische, einen philippinischen und einen nepalesischen Botschafts-Mitarbeiter getötet.

Tausende US-Soldaten suchten unterdessen weiter nach drei Kameraden, die in der vergangenen Woche nach einem Angriff auf ihren Konvoi entführt worden waren. Vier US- und ein irakischer Soldat wurden bei dem Überfall, hinter dem die Terrororganisation al-Qaida vermutet wurde, getötet. Flugzeuge warfen Flugblätter ab, in denen um Hinweise auf die Entführten gebeten wurde.

Clinton und Obama für Truppenabzug bis 31. März

Als Reaktion auf die ausufernde Gewaltentwicklung haben sich die demokratischen US-Präsidentschaftsbewerber Hillary Clinton und Barack Obama hinter eine Forderung ihrer Partei im Senat nach einem Truppenabzug aus dem Irak zum 31. März 2008 gestellt. Danach würden der Regierung keine Finanzen für den Militäreinsatz mehr bewilligt, bekräftigten die beiden Senatoren in separaten Erklärungen.

Das weitere Vorgehen der USA war heute Gegenstand von mehreren Abstimmungen im Senat. Neben zwei Initiativen stand dabei auch eine aus republikanischen Kreisen zur Diskussion. Der Vorstoß von Senator John Warner geht zwar nicht so weit wie die der Demokraten, aber er setzt Präsident George W. Bush vielleicht noch mehr unter Druck, weil er aus dessen Partei kommt. Warner schlägt vor, die Hilfsgelder der USA für den Wiederaufbau des Irak an Bedingungen zu knüpfen, die die Regierung in Bagdad erfüllen muss.

Ein Großteil der bisherigen Gelder sei verschwendet worden, erklärte Warner. "Bevor wir Geld schicken, müssen wir sicher gehen, dass es richtig ausgegeben wird." Der erste Vorschlag der Demokraten sieht vor, die Kampfeinsätze bis zum 31. März 2008 einzustellen und danach nur noch begrenzte Einsätze wie Angriffe auf al-Qaida, die Verteidigung von US-Einrichtungen oder die Ausbildung irakischer Truppen zu bezahlen. Die zweite Initiative fordert einen Beginn des Truppenabzugs am 1. Oktober, wobei der Präsident dies aber aussetzen kann. Die Abstimmungen haben vor allem eine symbolische Bedeutung, da Bush bereits sein Veto angekündigt hat.

Obama erklärte in einem Schreiben, nach 1518 Tagen Krieg zeichne sich im Irak immer noch keine Lösung ab. Es müsse deshalb ein starkes Signal an die irakische Regierung, den US-Präsidenten und die Republikanische Partei ausgesendet werden, dass es so nicht weitergehen könne. Clinton schloss sich später dieser Einschätzung an. Sie werde ebenfalls für eine Kürzung der Mittel für den Einsatz stimmen, erklärte ihr Sprecher Philippe Reines.

Vor der Erklärung dieser beiden Präsidentschaftsinteressenten hatte ihr Mitbewerber Chris Dodd öffentlich beklagt, dass sich noch nicht alle demokratischen Kandidaten hinter die Abzugsforderung des Senats gestellt hätten. Clinton und Obama hatten es bisher abgelehnt, sich auf einen konkreten Zeitplan festlegen zu lassen.

asc/Reuters/AP/AFP



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