Irak Truppen entgleitet Kontrolle über Großstädte

Die Rebellion im Irak weitet sich aus: Der Top-Terrorist Sarkawi feuert die Kämpfer in Falludscha an, vielerorts toben Kämpfe. Sunnitische Geistliche rufen zum Generalstreik auf. Die Polizei verliert die Kontrolle über Mossul.


Festnahme in Falludscha: Bei einer Haus-zu-Haus-Durchsuchung nehmen US-Soldaten einen mutmaßlichen Rebellen fest
AFP

Festnahme in Falludscha: Bei einer Haus-zu-Haus-Durchsuchung nehmen US-Soldaten einen mutmaßlichen Rebellen fest

Falludscha - "Wir haben keinen Zweifel, dass die Zeichen vom Sieg Gottes am Horizont erscheinen werden", hieß es in der al-Sarkawi zugeschriebenen Tonbandaufnahme, die im Internet veröffentlicht wurde. "Ich spreche zu meiner Nation während das Blut unserer Söhne im Irak und vor allem in Falludscha bei den Angriffen der Kreuzritter fließt", sagte der Moslemextremist auf dem Band und forderte von den Rebellen die Bereitschaft, ihr Leben zu opfern. "Der Wind des Heiligen Krieges wird die Throne und Fundamente Amerikas und seiner Verbündeten erschüttern." Al-Sarkawis al-Qaida-Organisation für den Heiligen Krieg im Irak hat zahlreiche Selbstmordanschläge verübt sowie mehrere Ausländer entführt und enthauptet.

Offenbar unter dem Eindruck der US-Offensive auf Falludscha gab es heute in zahlreichen Städten Kämpfe zwischen Rebellen und irakischen und amerikanischen Streitkräften. In Mossul verlor die Polizei die Kontrolle über Teile der drittgrößten Stadt. In Nadschaf und Hawidscha wurden Ausgehverbote verhängt, nördlich von Bagdad wurde ein US-Kampfhubschrauber von Aufständischen abgeschossen. Auch in der Hauptstadt selbst wurde gekämpft.

Aus Protest gegen die US-Offensive in Falludscha riefen sunnitische Geistliche zum Generalstreik auf. Damit solle Druck auf die irakische Regierung ausgeübt werden, "das Massaker in der Stadt Falludscha" zu stoppen, erklärte Scheich Abdul Salam al Kobeisi. Der Streik soll morgen beginnen und fällt damit auf das Ende des Fastenmonats Ramadans. In Predigten in Moscheen in Bagdad wurden die Gläubigen aufgerufen, aus Solidarität mit den Menschen in Falludscha von größeren Freudenkundgebungen zum Ende des Ramadans abzusehen.

Wegen der Welle von Angriffen der Aufständischen wurden die Polizeichefs von Mossul und Samarra entlassen. In Mossul waren Vorwürfe laut geworden, wonach Polizisten ihre Posten verlassen oder gar mit den Rebellen zusammengearbeitet hätten. Auch der Polizeichef der Stadt Samarra, die in der Vergangenheit Schauplatz heftiger Gefechte zwischen Aufständischen und den US-Streitkräften war, wurde nach eigenen Angaben entlassen. In Samarra kam es auch heute wieder zu Kämpfen.

US-Truppen haben gemeinsam mit irakischen Soldaten am Montag eine Großoffensive gegen Falludscha gestartet, um die Rebellenhochburg vor den für Ende Januar geplanten Wahlen zurückzuerobern. Nach Angaben der US-Armee befindet sich die 50 Kilometer westlich von Bagdad gelegene Stadt mittlerweile zum größten Teil unter ihrer Kontrolle. Bei den Kämpfen seien bislang rund 600 Rebellen getötet oder verletzt worden, sagte ein US-General. Auf Seiten der Angreifer seien etwa 22 Soldaten gefallen und rund 170 weitere verletzt worden.

Rauchwolken bedeckten den Himmel, Leichengestank liege in der Luft, berichteten Augenzeugen. Auf Grund der anhaltenden Kämpfe könnten die Toten nicht geborgen werden. Die Lage der Zivilbevölkerung sei katastrophal, hieß es. Es gebe kein Wasser, keinen Strom und keine medizinische Versorgung mehr.

Ein irakischer Journalist berichtete aus Falludscha, er habe brennende US-Fahrzeuge und Leichen in den Straßen gesehen. Zwei Männer, die eine Leiche hätten bergen wollen, seien von Scharfschützen erschossen worden. Zwei der drei kleinen Kliniken in der Stadt seien bombardiert worden, in einem Fall seien dabei auch medizinisches Personal und Patienten getötet worden. Vor der dritten Klinik stehe ein US-Panzer, weshalb die Anwohner nicht wagten, dort hinzugehen. "Die Menschen trauen sich nicht einmal, aus dem Fenster zu sehen", berichtete der Mann. "Die Amerikaner schießen auf alles, was sich bewegt."

Die US-Truppen haben Hunderte Männer, die unbewaffnet aus Falludscha fliehen wollten, zurückgetrieben und nur Frauen, Kindern und älteren Menschen die Flucht erlaubt. Es habe zuvor Warnungen gegeben, dass Aufständische versuchen würden, sich unter die Flüchtlinge zu mischen, erklärte gestern ein Offizier. Alle männlichen Flüchtlinge im Alter zwischen 15 und 55 Jahren seien deshalb zurückgeschickt worden. Die USA gingen davon aus, dass die meisten Männer auf Seiten der Rebellen stünden. "Wenn sie keine Waffen tragen, kann man sie nicht unterscheiden", sagte der Offizier.

US-Soldaten in Falludscha
REUTERS

US-Soldaten in Falludscha

Der irakische Ministerpräsident Ijad Alawi verteidigte die Offensive in Falludscha. Die Stadt müsse von "ausländischen Terroristen, Extremisten und ehemaligen Mitgliedern des Saddam-Regimes" befreit werden, schrieb Alawi in einem Beitrag für das britische Boulevardblatt "The Sun". Es sei ein Kampf, den fast alle Iraker unterstützten.



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