Irak und Afghanistan Bush sucht Kriegs-Koordinator - und findet keinen

Tägliche Anschläge, blutiges Chaos: Die Lage in Bagdad ist verheerend. Jetzt will George W. Bush einen Oberaufseher für die Kriege im Irak und Afghanistan einsetzen, der direkt dem Präsidenten unterstellt sein soll - doch diesen Job will niemand haben.


Genf - Ein "Zar" soll die US-Kriegseinsätze im Irak und in Afghanistan koordinieren, berichtet die "Washington Post" heute - doch krönen lassen will sich niemand: Die Suche von US-Präsident Georg W. Bush war bisher vergebens. Angefragt war dem Bericht zufolge der frühere Nato-Oberkommandierende John Sheehan. Der habe abgelehnt, zitiert ihn die Zeitung, weil in der Regierung Falken immer noch größeres Gewicht hätten als Pragmatiker, die nach einem Weg aus der Krise suchten.

General Sheehan: Kein Interesse an Magengeschwüren
REUTERS

General Sheehan: Kein Interesse an Magengeschwüren

"Daher habe ich, anstatt dahin (in den Irak) zu gehen und mir Magengeschwüre zu holen, 'nein danke' gesagt", so Sheehan. "Das grundlegende Problem ist, dass sie sich verdammt noch mal nicht über ihre Ziele im Klaren sind."

Auch die Ex-Generäle Jack Keane und Joseph Ralston hätten dem US-Präsidialamt einen Korb gegeben, berichtete die Zeitung. Ralston wollte sich nicht äußern; Keane bestätigte, das Angebot abgelehnt zu haben. Das Präsidialamt hat bislang nicht offiziell bekannt gegeben, dass ein Koordinator einberufen werden soll - laut "Washington Post" wollte Bush bei der Verkündung gleichzeitig den Namen präsentieren.

Bisher ist die stellvertretende nationale Sicherheitsberaterin Megan O'Sullivan Chefkoordinatorin für die beiden Kriege. Während sie ihrem unmittelbaren Vorgesetzten Stephen Hadley Bericht erstattet, sollen der "Washington Post" zufolge die Kompetenzen des künftigen "Kriegszaren" größer sein. Er soll direkten Zugang zu Bush und Hadley haben, sowie dem Außen- und Verteidigungsministerium Weisungen erteilen können.

Wachsendes Leid im Irak "unerträglich und nicht hinnehmbar"

Aus der irakischen Hauptstadt Bagdad werden heute die schwersten Kämpfe seit Beginn der US-Offensive vor zwei Monaten gemeldet. Dabei gab es viele Opfer, unter ihnen ein sechsjähriger Junge, der auf dem Schulhof von einer Rakete getroffen wurde.

Die ständigen Attentate seit dem Beginn des Irakkriegs verschlechtern die humanitäre Situation der Zivilisten. "Das beständige Leiden der irakischen Männer, Frauen und Kinder ist unerträglich und nicht hinnehmbar", sagte Pierre Krähenbühl vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) heute anlässlich der Veröffentlichung eines Berichts über die Lage der irakischen Zivilbevölkerung. "Die internationale Gemeinschaft muss mehr tun, um der Zivilbevölkerung im Irak zu helfen", so der IKRK-Direktor für Auslandseinsätze.

Krähenbühl forderte die US-Soldaten und ihre Verbündeten vor Ort auf, Verstöße gegen das Völkerrecht zu verhindern. So müsse immer zwischen bewaffneten Kämpfern und Zivilisten unterschieden werden, auch wenn sie unter einem Dach lebten. "Die irakische Zivilbevölkerung zu schützen, ist eine bedeutende Priorität und sollte jedermanns Priorität sein", sagte der IKRK-Direktor.

"Was die Sicherheit angeht, handelt es sich um die gefährlichste Lage, in der wir arbeiten", so Krähenbühl weiter. In einigen Gegenden im Süden habe sich die Sicherheitslage zwar verbessert. In der Mitte des Landes und besonders in Bagdad hätten die Bemühungen der Sicherheitskräfte aber noch keine Auswirkungen auf das alltägliche Leben der Menschen.

Ärzte fliehen, Verwundete holen keine Hilfe

Insgesamt verschlechtere sich die Sicherheitssituation im Irak - was für die Zivilbevölkerung laut Krähenbühl zu "Überschneidungseffekten" führt.

So habe sich die medizinische Versorgung verschlechtert, weil viele Ärzte wegen der Gewalt das Land verließen und somit die Krankenhäuser ständig unter Personalknappheit litten. Nach Schätzungen des irakischen Gesundheitsministeriums ist bereits jeder zweite Arzt geflohen. Zudem würden viele Verletzte sich gar nicht um ärztliche Hilfe bemühen, weil sie ihre von Entführungen und Gewalt bedrohte Familie nicht zurücklassen wollten. Die Zahl der Opfer des Krieges im Irak sei nur schwer zu bestimmen, so das Rote Kreuz.

Besorgt zeigte sich das Rote Kreuz auch über die hohe Zahl der im eigenen Lande Vertriebenen: Seit Februar 2006 seien rund 600.000 Iraker aus ihren Häusern geflohen, heißt es in dem Bericht mit dem Titel "Zivilisten ohne Schutz - die sich verschlechternde humanitäre Krise im Irak".

fba/AFP/dpa/Reuters



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