Vormarsch der Dschihadisten Uno-Generalsekretär warnt vor Luftangriffen im Irak

Luftangriffe gegen die radikale ISIS-Miliz sind der falsche Weg, warnt Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon. Die Iraker sollten besser gemeinsam gegen die Extremisten vorgehen - ohne sich für "barbarische Attacken" zu rächen.

Uno-Generalsekretär Ban: Warnt vor Racheakten gegen die ISIS-Kämpfer
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Uno-Generalsekretär Ban: Warnt vor Racheakten gegen die ISIS-Kämpfer


New York - Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hat vor Militärschlägen gegen die ISIS-Kämpfer im Irak gewarnt. Militärische Angriffe könnten keine Langzeitwirkung haben oder sich sogar "kontraproduktiv" auswirken, so lange die Regierung keine weiteren Schritte in Richtung nationaler Einheit unternehme. Diese Warnung geht unter anderem an US-Präsident Barack Obama, der derzeit Angriffe prüfen lässt.

Ban rief die zerstrittenen Gruppierungen im Irak dazu auf, gemeinsam gegen die sunnitischen Extremisten vorzugehen, die bereits große Teile des Landes eingenommen haben. Dennoch sollten die Regierung und ihre Unterstützer sich nicht an der ISIS-Miliz für ihre "barbarischen Attacken" rächen.

Nach dem massiven Vormarsch der Terrormiliz ISIS bereiten die USA mögliche Militärschläge im Irak vor. 300 Soldaten sollen offenbar bereits in den nächsten Tagen in dem Land eintreffen, berichtet die "New York Times", um mögliche Ziele für Luftangriffe gegen die Terrormiliz prüfen. Zweieinhalb Jahre nach dem Ende des Irak-Krieges betonte US-Präsident Barack Obama nach einem Treffen mit Sicherheitsberatern im Weißen Haus am Donnerstagabend erneut, es sollen keine Kampftruppen in den Irak zurückkehren.

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Irak und Syrien: Der Konflikt im Überblick
Eine Schlüsselfigur im Irak-Konflikt ist der umstrittene Regierungschef Nuri al-Maliki. Erst unter dem Druck der sunnitischen Milizen nahm der Schiit Gespräche mit führenden Vertretern der Minderheit auf. Die Sunniten werden seit Jahren von allen wichtigen politischen Posten ferngehalten.

Um den Konflikt diplomatisch zu entschärfen, reist US-Außenminister John Kerry vermutlich schon an diesem Wochenende in die Region. Obama sagte, die Bildung einer neuen Regierung wäre eine Chance, einen wirklichen Dialog zwischen den Kräften aller Iraker herzustellen. Es sei entscheidend, ob das tiefe Misstrauen zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden und politischer Opportunismus überwunden werden könne.

Auch der schiitische Großajatollah Ali al-Sistani rief die "Iraker aller Glaubensrichtungen" erneut zum Kampf gegen ISIS auf. Über seinen Vertreter, Ahmed al-Safi, ließ er in der Stadt Kerbela verkünden: "ISIS ist eine böse Kraft. Wenn wir sie heute nicht besiegen, werden wir das morgen bereuen." Iraks Regierung bereitete nach eigenen Angaben eine Offensive gegen ISIS in den Städten Mossul und Tikrit vor. Einzelheiten wurden zunächst nicht bekannt.

Familien benötigen Wasser, Essen und Unterkunft

Derweil kämpfen sich die Dschihadisten weiter Richtung Bagdad vor: In Mukdadija nordöstlich von Bagdad sind mindestens 30 schiitische Milizionäre getötet worden. Die Aufständischen griffen den Ort am Freitagmorgen an und lieferten sich heftige Gefechte mit Sicherheitskräften. Das erklärten ein Polizeioberst und ein Arzt. Demnach behielten die Sicherheitskräfte die Kontrolle über Mukdadija, das ein strategisch wichtiges Ziel auf dem Vormarsch der Rebellen auf Baakuba ist.

Hunderttausende Menschen flohen vor den Kämpfen im Irak. Ihre Lage bezeichnet die Uno als besorgniserregend. Bislang hätten etwa eine halbe Million Frauen, Kinder und Männer aus Furcht vor Übergriffen der Islamisten die zweitgrößte irakische Stadt Mossul verlassen. Das teilte das Uno-Büro für die Koordinierung von Nothilfe mit. Zehntausende weitere Menschen seien aus den benachbarten Provinzen Dijala und Salaheddin geflohen. Deswegen hat die Uno nun ihren Einsatz ausgeweitet. Viele Familien lebten ohne Obdach und benötigten dringend Wasser, Essen und eine Unterkunft, erklärte Uno-Koordinatorin Jacqueline Badcock.

Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak
Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.

vek/Reuters/AP/dpa/AFP

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mem79 20.06.2014
1. Ich fass es nicht.
Zitat von sysopAFPLuftangriffe gegen die radikale Isis-Miliz sind der falsche Weg, warnt Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon. Die Iraker sollten besser gemeinsam gegen die Extremisten vorgehen - ohne sich für "barbarische Attacken" zu rächen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-uno-generalsekretaer-warnt-vor-luftangriffen-a-976524.html
Italien und Costa Rica sind gerade dabei England aus der WM zu kegeln und hier wird ueber solche Nichtigkeiten diskutiert!! Ich hoffe auf ein 0:0
recepcik 20.06.2014
2. Leider
scheint es so dass sich sowohl die Kurden als auch die sogenannten "gemäßigten " Sunniten mit den Mördern der ISIS abgefunden haben. Ohne gezielte Luftangriffe sind die Mörder nicht zu stoppen und wenn sie erst in Bagdat angekommen sind beginnt die eigentliche Abschlachtung der Schiiten unter den Augen der Welt statt. Gerade Herr Ban Ki Moon wäre in der Pflicht einen bevorstehenden Massenmord zu verhindern.
m16a4 20.06.2014
3. Socom einsetzen
der einzige Weg sind SF sie gegen diese Tiere vorgehen die waren in Russland effektiv (Speznaz ) Afghanistan. .. luftschläge sind ungenau außer mann hat Aufklärer direkt vor Ort und dann nützen nur die F111 oder F117 was
joG 20.06.2014
4. Ban rennt bei Obama da offene Türen ein...
....und könnten sich abgesprochen haben. Nur ist auch klar, welche Gefahren auch Europa entstehen, wenn die ISIL sich durchsetzt.
hubertrudnick1 20.06.2014
5. Innerer Krieg
Zitat von sysopAFPLuftangriffe gegen die radikale Isis-Miliz sind der falsche Weg, warnt Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon. Die Iraker sollten besser gemeinsam gegen die Extremisten vorgehen - ohne sich für "barbarische Attacken" zu rächen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-uno-generalsekretaer-warnt-vor-luftangriffen-a-976524.html
Mir kommt es vor, als könnten einige Länder ohne einen Diktator, derv allerdings auch n ur eine Friedhofsrufe schafft nicht mehr auskommen. Die verfeindeten religiösen Gruppen des Islam sind nur auf Machtkämpfe aus, sie suchen keine Einheit im Lande, sonder Auseienandersetzungen und die Verlierer ist die eigene Bevölkerung. Der Islam muss erst eine Zeit der Aufklärung durchmachen, sonst geht es nur weiter in ein gesellschaftliches Kaos.
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