SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

08. Januar 2005, 15:11 Uhr

Irak

US-Armee bombardiert falsches Ziel - Tote und Verletzte

US-Flugzeuge haben im Nordirak Bomben auf ein "falsches Ziel" abgeworfen und Bewohner eines Hauses bei Mossul dabei getötet. Ein Armeesprecher entschuldigte sich anschließend für "den Verlust möglicherweise Unschuldiger". Allein in dieser Woche kamen im Irak fast 100 Menschen bei Anschlägen und Gefechten ums Leben.

Bombenanschlag (in Bagdad, am 3. Januar): "Barbarische Attacken"
REUTERS

Bombenanschlag (in Bagdad, am 3. Januar): "Barbarische Attacken"

Die Bombardierung fand während einer Militäraktion im Nordirak statt. Die US-Flugzeuge zerstörten eine Villa in einem Dorf in der Nähe von Mossul. Der Besitzer des Hauses sprach von 14 Toten und fünf Verletzten. Die Amerikaner gaben dagegen an, nur fünf Menschen "versehentlich" getötet zu haben.

Der Zwischenfall ereignete sich nach Angaben der US-Armee während einer Aktion zur Suche und Gefangennahme eines Führers der Aufständischen. Dabei habe ein Kampfflugzeug vom Typ F-16 südlich von Mossul eine 250-Kilogramm-Bombe über einem Haus abgeworfen, das eigentlich hätte durchsucht werden sollen. `Das Haus war jedoch nicht das beabsichtigte Ziel des Luftangriffs. Das eigentliche Ziel war ein anderer Ort in der Nähe", hieß es in der Erklärung.

Nach Angaben des Besitzers des zerstörten Hauses, Ali Jussef, ereignete sich der Luftangriff am Morgen gegen 02.30 Uhr. Unmittelbar danach seien US-Soldaten gekommen und hätten die Gegend vier Stunden lang gesperrt. Nach Angaben eines Fotografen der Nachrichtenagentur AP lag das Backsteinhaus völlig in Trümmern. Die US-Streitkräfte äußerten in der Erklärung ihr `tiefes Bedauern über den Verlust möglicherweise Unschuldiger". In der rund 50 Kilometer entfernten Stadt Mossul ist es in den vergangenen Wochen zu heftigen Kämpfen zwischen Aufständischen und US-Truppen gekommen.

Am Samstag töteten Aufständische im Irak mindestens fünf Menschen, darunter einen Übersetzer, der enthauptet in seinem Haus gefunden wurde. Drei Regierungsbeamte wurden entführt. In dieser Woche starben bereits rund 100 Menschen bei einer Serie von Anschlägen. Brigadegeneral Erv Lessel sieht kein Ende der Gewalt, sondern befürchtet im Gegenteil einen starken Anstieg. Für die kommenden drei Wochen könnten die Aufständischen spektakuläre Angriffe planen, um die Wähler vor den Parlamentswahlen am 30. Januar einzuschüchtern, lautet Lessels düstere Prognose.

Die Geheimdienste hätten keine Hinweise auf spezielle Pläne, aber die amerikanische Führung erwarte neue Angriffe. Die größte Waffe der Aufständischen sei ihre Fähigkeit, Angst und Schrecken zu verbreiten, sagte Lessel: "Wenn man die letzten sechs Monate zurückblickt, dann haben sie ihre barbarischen Attacken stetig ausgeweitet." Im schlimmsten Fall könnte es zu einer "Serie von entsetzlichen Angriffen" kommen, die vor den Wahlen "auf spektakuläre Weise massenweise Opfer fordern".

US-Präsident George W. Bush räumte "Sicherheitsprobleme" in vier der 19 irakischen Provinzen ein. In Washington zeigte er sich aber erneut zuversichtlich, dass die Parlamentswahl Ende Januar einen Umschwung bringen werde. Die Erfahrung einer demokratischen Wahl werde den Menschen neue Zuversicht geben. Weil die Extremisten genau dies fürchteten, versuchten sie die Abstimmung so erbittert zu verhindern.

"Stimmzettel fürchten die Terroristen am meisten"

Ähnlich äußerte sich General Lessel. "Was die Terroristen am meisten fürchten, ist ein einfaches Stück Papier namens Stimmzettel", sagte er. Die Vereinigung sunnitischer Geistlicher forderte dagegen erneut eine Verschiebung des Wahltermins. Freie und faire Wahlen seien unter den gegebenen Umständen nicht möglich.

Wahlplakat für al Sistan (in Bagdad): Erste demokratische Wahlen seit der Staatsgründung 1932
AP

Wahlplakat für al Sistan (in Bagdad): Erste demokratische Wahlen seit der Staatsgründung 1932

In Bakuba wurde am Samstag ein Übersetzer, der mit den US-Truppen zusammengearbeitet hatte, enthauptet in seinem Haus aufgefunden. Die Polizei erklärte, Aufständische seien eingebrochen und hätten den Mann getötet. In Tikrit teilten die Behörden teilten mit, drei ranghohe Beamte seien entführt worden. Die Regierungsvertreter seien auf dem Weg nach Nadschaf gewesen, wo sie mit dem schiitischen Großayatollah Ali al Sistani über die Wahl am Monatsende beraten wollten.

Bei zwei bewaffneten Überfällen in Bagdad wurden am Samstag ein Polizist, ein Funktionär der Nationalen Front irakischer Stämme und dessen Leibwächter erschossen. Ein Autobombenanschlag an einer Tankstelle in Mahaweel 60 Kilometer südlich der Hauptstadt kostete einen weiteren Menschen das Leben.

Ein US-Militärgericht in Texas sprach am Freitag einen Oberfeldwebel, der einen Iraker zu einem tödlichen Sprung in den Tigris gezwungen haben soll, der Körperverletzung schuldig. Das Opfer war nach dem Vorfall im Januar in dem kalten Fluss ertrunken. Ein Cousin hatte ausgesagt, die amerikanischen Soldaten hätten ihn und seinen Verwandten mit vorgehaltener Waffe gezwungen, von einer Brücke zu springen. Über das Strafmaß wurde am Freitag noch nicht entschieden.

Mit der Auswahl von zehn Geschworenen begann unterdessen der Prozess gegen den mutmaßlichen Anführer bei den Misshandlungen im Gefängnis Abu Ghraib. Vier Offiziere und sechs Rekruten der Streitkräfte sollen in Fort Hood über die Vorwürfe gegen Charles Graner befinden. Die Eröffnungsplädoyers der Prozessparteien sind für Montag angesetzt.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung