Irak US-Streitkräfte kesseln Falludscha ein

Brutale Anschläge und grausame Hinrichtungen - nach einem blutigen Wochenende mit mehr als 60 Toten hat die irakische Übergangsregierung für zwei Monate den Ausnahmezustand verhängt. Unbeirrt bereitet die US-Armee ihre Großoffensive auf die Rebellenhochburg Falludscha vor. Die Stadt ist von der Außenwelt abgeschnitten.


Britischer Soldat im Irak: Die Großoffensive in Falludscha steht kurz bevor
AFP

Britischer Soldat im Irak: Die Großoffensive in Falludscha steht kurz bevor

Falludscha - Nach Angaben der US-Armee sind alle Verbindungen aus der Stadt und in die Stadt unterbrochen worden, nachdem die irakische Regierung den Ausnahmezustand ausgerufen hatte. Die Truppenführung erklärte, es würden letzte Vorbereitungen für den Angriff auf Falludscha getroffen. Die Aufständischen hätten in den vergangenen 24 Stunden ihre Angriffe auf die US-Streitkräfte und ihre Kontrollposten verstärkt. Bereits in der Nacht zum Samstag bombardierte die amerikanische Luftwaffe die 300.000-Einwohner-Stadt schwer. Mindestens fünf 500-Pfund-Bomben warf sie über der Stadt ab.

Die Vorbereitungen für die Großoffensive gingen ungeachtet der Warnungen von Uno-Generalsekretär Kofi Annan weiter. In Briefen an die Regierungen in Washington und London sowie in Bagdad hatte Annan gewarnt, die Erstürmung der Stadt könne den Zorn der Iraker weiter anfachen und die für Januar geplanten Wahlen unmöglich machen. Iraks Ministerpräsident Ijad Alawi, der formal den Befehl zum Angriff erteilen muss, wies Annans Bedenken zurück.

Bagdad: Angriff auf Polizeifahrzeug
AP

Bagdad: Angriff auf Polizeifahrzeug

In Falludscha sind inzwischen mehr als 10.000 US-Marineinfanteristen und irakische Truppen zusammengezogen worden. Nach Angaben des Rundfunksenders BBC sind auch britische Soldaten darunter. In der Stadt werden bis zu 5000 Aufständische vermutet. Auch der jordanische Topterrorist Abu Mussab al-Sarkawi soll dort untergeschlüpft sein. In einer im Internet verbreiteten Erklärung der Extremistengruppe Ansar al-Sunna hieß es, die Gruppe habe in Falludschas Nachbarstadt Ramadi zwei Iraker gefangen genommen und getötet, die für die US-Marineinfanterie als Übersetzer gearbeitet hätten.

Notstand, Hinrichtungen, Anschläge

Ein Sprecher von Ministerpräsident Alawi sagte zur Verhängung des Notstands, diese Maßnahme gelte ab sofort im ganzen Land mit Ausnahme der drei Kurdenprovinzen im Norden. Die Regierung habe sich zu diesem Schritt entschlossen, da die Gewalt weiterhin zunehme und ihr mittlerweile täglich auch Frauen und Kinder zum Opfer fielen. Über Einzelheiten und Auswirkungen des Beschlusses werde Alawi an diesem Montag genauer informieren, sagte der Sprecher weiter. Eine Ausgangssperre sei noch nicht erlassen worden.

Anspannung vor dem Sturm: US-Soldaten am Stadtrand von Falludscha warten auf den Befehl zum Angriff
AP

Anspannung vor dem Sturm: US-Soldaten am Stadtrand von Falludscha warten auf den Befehl zum Angriff

Vor allem Polizisten starben bei den zum Teil sehr genau geplanten Angriffen der Aufständischen an diesem Wochenende. Am Sonntagmorgen attackierten Aufständische drei Polizeistationen im Westirak und töteten mindestens 22 Polizisten. In Haditha - 260 Kilometer westlich von Bagdad - griffen Dutzende von Bewaffneten die Polizeiwache an, berichtete Abdel Salam Mohammed, ein Polizist aus Haditha. Sie hätten einige Polizisten gezwungen sich auszuziehen und sie dann "hingerichtet".

Bei einer zweiten Rebellenattacke in dem nahe gelegenen Dorf al-Haklanija gab es nach Polizeiangaben Opfer auf beiden Seiten. Beim dritten Angriff brachten Aufständische eine Gruppe von Beamten kaltblütig um. Ärzte in Haditha berichteten, es seien 22 Tote und sechs Verletzte ins Krankenhaus gebracht worden. Bei vier Autobombenanschlägen auf Polizeiwachen waren am Samstag in der 120 Kilometer nördlich von Bagdad gelegenen Stadt Samarra nach Angaben der Polizei 33 Menschen getötet und Dutzende verletzt worden. Im Nordirak töteten Unbekannte am Sonntag vier Iraker aus Kirkuk, die als Zivilisten für die US-Armee gearbeitet hatten. Sie wurden als Kollaborateure diffamiert.



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