Irak US-Truppen melden Einnahme Falludschas

38 US-Soldaten haben die Eroberung der Rebellenhochburg Falludscha nicht überlebt. Die Zahl der verletzten Amerikaner wird mit 275 angegeben. Darüber, wie viele Aufständische getötet wurden, gibt es nur Schätzungen. Nach Angaben der US-Truppen sollen es mehr als 1200 sein. Die Bevölkerung ist von jeder Versorgung abgeschnitten.


US-Soldat mit irakischem Gefangenen: Lediglich noch einige Widerstandsnester
AFP

US-Soldat mit irakischem Gefangenen: Lediglich noch einige Widerstandsnester

Falludscha - Die Fahrt der sieben Lkw, beladen mit Lebensmitteln, Decken und Medikamenten, endete am Euphrat wenige Kilometer vom Zentrum entfernt. "Wir können ihnen nicht erlauben, die Brücke zu passieren", sagte ein Offizier der US-Marines. Wegen der Gefechte sei das Risiko viel zu groß. Keine gute Nachricht für die Helfer des Roten Halbmonds, die den Hilfskonvoi organisiert hatten, um die ärgste Not der Einwohner Falludschas zu lindern. "Wir werden nicht unverrichteter Dinge zurückfahren, sondern warten, bis die Soldaten uns die Freigabe erteilen", sagt Konvoi-Leiter Jamal al-Karbouli.

Derweil suchen auf der anderen Seite des Euphrat hunderte irakischer Familien, denen die Flucht nicht gelungen ist, Schutz in den Trümmern. Von den ehemals 300.000 Bewohnern sind nach Angaben von Einheimischen noch allenfalls 60.000 in der Stadt. Ihre Situation ist verzweifelt. In den Straßen riecht es nach Verwesung, etliche Tote konnten nicht geborgen werden. Einer der Betroffenen berichtete einem Reporter der Nachrichtenagentur Reuters per Telefon von seiner Not: "Wir haben weder zu essen noch zu trinken, alle sieben Kinder sind krank. Einer meiner Söhne wurde durch einen Granatsplitter verletzt und blutet. Wir können nichts tun, um ihm zu helfen".

Wann in der Stadt wieder Frieden einkehren wird, ist zurzeit kaum vorherzusagen. Ungeachtet der Erfolgsmeldungen der US-Armee gingen die Gefechte auch heute weiter. Im Zentrum der Kampfhandlungen steht der Stadtteil Schuhada, der als Hochburg der ausländischen Kämpfer al-Sarkawis gilt. Ohne Unterlass feuerten US-Panzer Granaten auf die Stellungen, unterstützt von Einsätzen der Luftwaffe. Zuvor hatte ein US-Panzerkommandant berichtet, es gebe nur noch vereinzelt Widerstand.

Nach Meldungen des Nachrichtensenders CNN entdeckten US-Soldaten im Süden der Stadt ein riesiges Tunnelsystem, in dem Waffen und Sprengstoff versteckt waren. Polizisten fanden am Euphrat-Ufer bei al-Musajib die Leichen von zehn enthaupteten irakischen Soldaten.

Zerstörter Straßenzug im Westen von Falludscha: Kämpfe dauern an
AP

Zerstörter Straßenzug im Westen von Falludscha: Kämpfe dauern an

Ein US-Panzerkommandant hatte sich zuvor zuversichtlich geäußert, dass die Offensive bald beendet werde. "Vor zwei Tagen sind sie rausgekommen und haben mit uns gekämpft. In der vergangenen Nacht sind sie geflohen", sagte Panzerkommandant Robert Bodisch der Nachrichtenagentur Reuters. "Es sieht danach aus, dass wir ihren Widerstand brechen. Es wird nicht mehr lange dauern." Auch der irakische Sicherheitsminister Kassim Daud hatte bereits den Sieg verkündet. In der Stadt gebe es lediglich noch einige Widerstandsnester.

Der für die Planung der Offensive verantwortlich US-Generalmajor Richard Natonski sagte heute, der Angriff sei schneller als erwartet beendet worden. Über 1200 Aufständische seien getötet worden. Die Kommandeure hätten aus dem fehlgeschlagenen Angriff im April gelernt: Unter anderem seien nun sechs Mal so viele Soldaten eingesetzt worden, Scheinangriffe hätten die Verteidiger verwirrt.

Rund 400 Aufständische seien festgenommen worden, darunter Syrer, Saudiaraber, Afghanen und Marokkaner, sagte der irakische Ministerpräsident Ajad Allawi heute im irakischen Fernsehen. Nach US-Angaben wurden 38 amerikanische und sechs irakische Soldaten getötet.

Rund 10.000 US-Soldaten und etwa 2000 irakische Sicherheitskräfte hatten am Montag vergangener Woche mit der Offensive in Falludscha begonnen. Die US-Truppen wollen vor den geplanten Wahlen im Irak den Widerstand im Land endgültig brechen. Falludscha galt als eine Hochburg der Rebellen um al-Sarkawi, die sich am Samstag mit einem Videoband zu Wort meldeten. Darin drohte ein vermummter Mann im Namen mehrerer Rebellengruppen, sie würden insbesondere Soldaten und Regierungsbeamte Iraks ins Visier nehmen, sollten diese nicht sofort den Dienst quittieren.

Die Erklärung wurde von elf Rebellengruppen unterzeichnet - darunter die al-Kaida-Organisation des Heiligen Krieges im Irak sowie die Islamische Armee. Einige der Unterzeichnergruppen haben sich zu einer Reihe von verheerenden Bombenanschlägen sowie Geiselnahmen und Morden im Irak bekannt.



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