Irak USA starten neue Offensive gegen Rebellen

Zum zweiten Mal innerhalb einer Woche haben tausende US-Soldaten eine Großoffensive gegen Aufständische in den Widerstandshochburgen im Zentralirak gestartet. Damit setzten die Vereinigten Staaten ihren Plan fort, alle von den Rebellen beherrschten Gebiete um Bagdad noch vor den Wahlen im Januar zu erobern.


Bagdad nach einer Bombenexplosion am 4. Oktober: US-Militärs gehen verstärkt gegen Rebellen vor
AP

Bagdad nach einer Bombenexplosion am 4. Oktober: US-Militärs gehen verstärkt gegen Rebellen vor

Bagdad - Rund 3000 US-Soldaten und irakische Streitkräfte drangen in ein Rebellen-Gebiet um den Fluss Euphrat südwestlich Bagdads vor und stürmten Lager der überwiegend sunnitischen Aufständischen. Am Wochenende hatte das Militär die Stadt Samarra eingenommen. Die US-Großoffensive in dem Rebellengebiet um die Städte Mahmudija, Jusufija und Latifija könne einige Tage andauern, sagte ein Sprecher des US-Militärs heute in Bagdad. "Das ist ein großer Einsatz, bisher ist es sehr gut gelaufen, aber es ist ein bisschen früh, um über das Ausmaß des Erfolges zu reden".

Ein Rebellenlager sei überrannt und eine Brücke eingenommen worden. 30 Menschen wurden festgenommen unter dem Verdacht, Anschläge geplant oder zu solchen aufgerufen zu haben. In den vergangenen Monaten hatte das US-Militär eigenen Angaben zufolge in dieser Gegend rund 160 Rebellen verhaftet und unzählige Waffen beschlagnahmt. Unter anderem seien mehrere Tonnen Sprengstoff gefunden worden.

In der irakischen Hauptstadt gingen die Waffenstillstands-Verhandlungen zwischen der irakischen Regierung und den Anhängern des radikalen Schiiten-Predigers Muktada al-Sadr unterdessen weiter. Bis zum frühen Abend wurde jedoch kein Ergebnis erzielt. Al-Sadrs Miliz liefert sich im Stadtteil Sadr-City seit Monaten vor allem nachts Gefechte mit irakischen Polizisten.

Gaddafi setzt sich für Geisel ein

Die im Irak entführten französischen Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot wurden nach Angaben eines französischen Abgeordneten möglicherweise nach Syrien verschleppt. "Ich glaube, die Regierung schließt diese Hypothese nicht mehr aus", sagte der Vorsitzende der Zentrumsdemokraten (UDF), Francois Bayrou, dem Radiosender Europe-1.

Der libysche Staatschef Muammar Gaddafi hat heute einer Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur Jana zufolge an die Entführer des im Irak verschleppten Briten Kenneth Bigley appelliert, ihre Geisel freizulassen. "Wir fordern die Freilassung dieses armen Briten, nachdem seine Familie um unsere Hilfe gebeten hat", sagte Gaddafi demnach. Die britische Regierung habe er aufgefordert, mit der irakischen Übergangsregierung und den USA zusammenzuarbeiten und die Forderungen der Geiselnehmer nach Freilassung im Irak inhaftierter islamischer Frauen zu befolgen.

Gaddafis Sohn Saif zufolge hat die Familie Bigleys Kontakt mit ihm aufgenommen. Er sei über seine Wohltätigkeitsstiftung in Kontakt im Irak, um zu versuchen Bigley zu befreien.

Bigley war Mitte September im Irak verschleppt worden. Zwei mit ihm zusammen als Geiseln verschleppte Amerikaner wurden inzwischen von den mutmaßlichen Entführern, der Tauhid und Dschihad-Organisation des Extremisten Abu Mussab al-Sarkawi, enthauptet.

Im Fall Bigley erklärte sich die Londoner Regierung heute abermals dazu bereit, sich die Forderungen der Geiselnehmer anzuhören. Verhandlungen seien jedoch ausgeschlossen, sagte der britische Außenminister Jack Straw in Bagdad nach einem Treffen mit dem für Innere Sicherheit zuständigen stellvertretenden Ministerpräsidenten Barham Saleh.

Straw kommentierte zudem den offiziellen US-Bericht über irakische Massenvernichtungswaffen: "Die Bedrohung durch Saddam Hussein hinsichtlich seiner Absichten war noch krasser als vorher ersichtlich." Dass die Überwachungsgruppe für den Irak jetzt keine Massenvernichtungswaffen gefunden habe, sei keine Überraschung, sagte Straw. Diese hätte er aber hergestellt, wenn er weiter an der Macht geblieben wäre, rechtfertigte Straw etwas gewunden den Krieg gegen den Irak.

Der Irak hat nach Einschätzung eines von der US-Regierung eingesetzten Inspekteurs vor Kriegsbeginn nicht über Arsenale biologischer oder chemischer Massenvernichtungswaffen verfügt. Der Bericht von Charles Duelfer steht in deutlichem Widerspruch zu der offiziellen US-Begründung des Einmarsches in den ölreichen Golfstaat im März 2003. "Ich erwarte auch weiterhin nicht, dass im Irak militärisch signifikante Arsenale an Massenvernichtungswaffen versteckt sind", sagte der Geheimdienstexperte Duelfer heute bei seiner Anhörung vor dem Streitkräfte-Ausschuss des US-Senats. Auch das Atomwaffenprogramm sei in den Jahren nach dem Golf-Krieg 1991 verfallen und nicht mehr von Bedeutung gewesen. Duelfers Erkenntnisse entsprechen denen seines Vorgängers David Kay, der im Januar zurückgetreten war.

Bush hielt auf einer Wahlkampfveranstaltung in Pennsylvania an der Begründung des Irak-Kriegs fest. "Es gab ein Risiko, ein wirkliches Risiko, dass Saddam Hussein Waffen, Material oder Informationen an terroristische Netzwerke hätte weitergeben können", sagte der Präsident. "In der Welt nach dem 11. September 2001 war dies ein Risiko, das wir nicht tragen konnten." Bush steht einen Monat vor der Präsidentenwahl unter Druck, seine Irak-Politik gegen wachsende Kritik des Herausforderers John Kerry zu verteidigen. Kerry wirft Bush vor, mit dem Krieg ohne internationale Unterstützung das Leben tausender US-Soldaten aufs Spiel gesetzt zu haben. Die beiden Kandidaten liegen in Umfragen derzeit nahezu gleichauf.

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