Irak USA und Briten suchen nach Auswegen aus dem Chaos

Die Lage im Irak ist katastrophal: Mittlerweile gibt es auf Bagdads Friedhöfen nicht mehr genug Platz für all die Toten. Am Abend wurden bei einem Mörseranschlag mindestens 16 Menschen getötet und über 50 verletzt. Laut Presseberichten erörtern Washington und London bereits Abzugs-Optionen.


Bagdad/Washington/London – Täglich steigt die Zahl der Todesopfer im Irak, vor allem in Bagdad eskaliert die Gewalt zwischen Schiiten und Sunniten immer weiter. Bei einem Anschlag mit mehreren Mörsergranaten auf einen belebten Marktplatz in Mahmudija südlich der irakischen Hauptstadt kamen heute Abend nach Angaben des staatlichen Fernsehens mindestens 16 Menschen ums Leben. Weitere 52 wurden verletzt. Bei den Opfern handele es sich um Zivilisten. Zunächst war von 50 Toten die Rede gewesen. Die Region gilt als sogennanntes Todesdreieck, weil es dort besonders häufig Anschläge und Überfälle gibt.

Allein in Bagdad sind laut der US-Armee in den vergangenen vier Wochen rund 20 Prozent mehr Gewalttaten verübt worden als im gleichen Zeitraum im Vorjahr. Die Friedhöfe und Leichenschauhäuser sind dort völlig überfüllt. Seit Mai wurden deshalb über tausend Leichen zur Bestattung in das von Schiiten dominierte Kerbela gebracht. Zweimal in der Woche transportieren Kühl-Lastwagen Dutzende von Toten in die 110 Kilometer von Bagdad entfernte Stadt. Viele der Opfer haben laut Augenzeugen Gewaltspuren am Körper. Oft sind ihre Hände gefesselt.

Trauernde an einem Grab in der irakischen Stadt Arbil, 350 Kilometer nördlich von Bagdad: Die Friedhöfe sind überfüllt
REUTERS

Trauernde an einem Grab in der irakischen Stadt Arbil, 350 Kilometer nördlich von Bagdad: Die Friedhöfe sind überfüllt

Auch die Zahl der Opfer in der US-Armee steigt beständig weiter. Allein im Oktober kamen im Irak mehr als siebzig amerikanische Soldaten ums Leben. Seit dem US-geführten Einmarsch im März 2003 gab es selten einen Monat mit höheren Verlusten für die USA.

Angesichts der anhaltenden Gewalt hat die US-Regierung erneut ihre Entschlossenheit gegenüber den Aufständischen im Irak bekräftigt. Die vergangenen Wochen seien für die amerikanischen Truppen im Irak und für die Iraker "hart" gewesen, sagte Präsident George W. Bush heute in seiner wöchentlichen Radioansprache. Die Gewalt habe so zugenommen, weil die US-Armee ihre Einsätze verstärkt habe und weil die Aufständischen "eine kluge Propaganda-Strategie" hätten. "Eines werden wir nicht tun", versicherte Bush. "Wir werden unsere Soldaten nicht vom Schlachtfeld abziehen, ehe der Einsatz vollendet ist."

"Bei einem Abzug würde das Land implodieren"

Doch laut Presseberichten erörtern Washington und London bereits verschiedene Möglichkeiten, der Lage im Zweistromland Herr zu werden – und darunter sollen auch Strategien für einen Abzug ihrer Truppen sein. Es stünden derzeit acht Optionen zur Debatte, berichtete die britische Tageszeitung "The Guardian" heute.

Unter anderem sprächen die USA und Großbritannien darüber, ihre Streitkräfte stufenweise aus dem Irak abzuziehen, das Land in einen Bundesstaat aufzuteilen oder kurzzeitig weitere Truppen im Zweistromland zu stationieren, um die Gewalt einzudämmen. Unwahrscheinlich sei das ebenfalls diskutierte Szenario, die ausländischen Soldaten sofort aus dem Irak abzuziehen. "Wir könnten uns jetzt zurückziehen und sie (die Iraker) ihrem Schicksal überlassen, aber dann würde das Land implodieren", sagte ein britischer Diplomat dem Blatt.

"Unser Ziel ist der Sieg"

Die wahrscheinlichste Möglichkeit sei ein stufenweiser Abzug, berichtete das Blatt. Dafür müssten aber zunächst die irakischen Sicherheitskräfte ordentlich ausgebildet sein. Erörtert werde auch, die Nachbarländer Iran und Syrien einzubeziehen, um zu einer Lösung zu gelangen. Dies habe der Sonderausschuss im US-Kongress vorgeschlagen, den der frühere Außenminister James Baker leitet. Die britische Regierung sei dafür, Washington lehne dies aber ab. Eine Sprecherin des britischen Außenamtes sagte auf Nachfrage, die Regierung habe ihre Irak-Politik nicht geändert, schaue aber "beständig nach Wegen, um unser Ziel zu erreichen".

US-Präsident Bush ging in seiner Radioansprache nicht auf Abzugspläne ein. "Unser Ziel im Irak ist klar und ändert sich nicht", sagte der Präsident. "Unser Ziel ist der Sieg." Was sich ändere, sei die Taktik, um diesen Sieg zu erlangen. Die Kommandeure vor Ort passten ihre Herangehensweise ständig an, "um dem Feind voraus zu bleiben". Die Aufständischen wüssten, dass sie im Gefecht nicht gewinnen könnten. Deshalb verübten sie spektakuläre Angriffe und hofften darauf, dass die Bilder der Gewalt in den Medien die USA entmutigen und zum Rückzug zwingen würden. "Die Terroristen versuchen, Amerika zu entzweien und unseren Willen zu brechen. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie damit Erfolg haben."

Der US-Präsident will heute mit führenden US-Militärs die Lage im Irak erörtern. An den Beratungen sollen nach Angaben des Weißen Hauses der Befehlshaber des US-Einsatzes im Irak, George Casey, und der Kommandeur der US-Streitkräfte im Nahen Osten, John Abizaid, teilnehmen. Nach Angaben der Regierung war die Besprechung seit Wochen geplant und hat nichts mit der derzeitigen Eskalation der Lage im Irak zu tun.

Angespannte Lage in Amara

Nach den heftigen Gefechten in der südirakischen Stadt Amara hat sich die irakische Regierung heute vor Ort um eine Entschärfung der Lage bemüht. Sicherheitsminister Schirwan Al-Waeli traf sich vor Ort mit verschiedenen Stammesführern. Augenzeugen zufolge hat sich die Situation in Amara nach massiven Angriffen schiitischer Rebellen auf Polizeiwachen mittlerweile entspannt. In den Straßen herrsche Ruhe und die Läden seien geöffnet, hieß es.

In Amara waren seit vergangenem Donnerstag mindestens 25 Menschen bei Kämpfen ums Leben gekommen. Die Auseinandersetzungen begannen nach dem Verschwinden des Bruders eines Milizenführers. Dessen Anhänger beschuldigten die Polizei, den Mann festgenommen zu Haben, und griffen daraufhin die Polizeiwachen an.

Iraks Ministerpräsident Nuri Al-Maliki schickte deshalb Sicherheitsminister Al-Waeli in die Stadt. Wegen der religiös motivierten Gewalt hatte der Regierungschef den einflussreichen schiitischen Geistlichen Muktada al-Sadr sowie Groß-Ajatollah Ali Al-Sistani gebeten, mäßigend auf die rivalisierenden Gruppen einzuwirken. Zur Unterstützung der Polizei hatte die irakische Armee britischen Angaben zufolge am Freitag zwei Kompanien mit etwa 230 Mann nach Amara geschickt.

har/afp/Reuters



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