Kriegstrauma-Therapie mit Hunden "Ohne Skip wäre ich tot"

Sie kommen aus Irak oder Afghanistan zurück und werden die Gräuel nicht mehr los. Rund ein Fünftel aller US-Soldaten leiden an posttraumatischen Belastungsstörungen und scheitern im Alltag. Nun scheint es erstmals eine wirksame Therapie zu geben: Sie bellt und hat vier Beine.
Therapie: Hunde können traumatisierten Veteranen ins Leben zurückhelfen

Therapie: Hunde können traumatisierten Veteranen ins Leben zurückhelfen

Foto: SCOTT OLSON/ AFP

Alex Brown wurde im Irak durch einen Sprengsatz am Straßenrand lebensgefährlich verletzt. Das war im Juli 2008, wie so viele seiner Kameraden litt auch er danach an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Der US-Soldat kam zurück nach Hause, in die USA. Doch da wurde es erst Recht lebensgefährlich für ihn. Er verließ kaum noch das Haus. Er wollte sich umbringen, jeden Tag. Dann traf er seinen Retter. Vier Beine, lockiges Fell, ein Hund namens Skip.

Skip war auf seine Weise auch gezeichnet. Er war misshandelt worden, immer wieder. Er, der der beste Freund des Menschen sein sollte, fürchtete sich vor den Menschen, war ängstlich, nervös und weggesperrt in einem Tierheim. Er war ein Wrack, genau wie Brown.

Die beiden trafen sich bei einem Projekt, das sich "K9s für Warriors" nennt. "Canine" ist ein englisches Wort für Hund. Die Geschichte der beiden lässt sich wie eine Blaupause auf die Schicksale der anderen Krieger-Hund-Paarungen legen, die sich bei K9s for Warriors kennen lernen und sich fortan beim Weg durch das Leben gegenseitig stützen.

Das sicherste Mittel gegen Alpträume: ein Hund

Erfunden hat das Programm Shari Duval, als ihr Sohn, Brett Simon, mit PTBS aus dem Irakkrieg zurückkehrte. Er hatte dort Bombenspürhunde betreut. "Als er von seinem zweiten Irak-Aufenthalt zurückkehrte, ging es ihm miserabel. Er erwachte eigentlich nur zum Leben, wenn ein Hund in der Nähe war. Das gab mir zu denken", erinnert sich Duval an die Initialzündung für das Projekt.

Sie begann zu forschen. Und beschloss nach kurzer Zeit, die Stiftung "K9s for Warriors" ins Leben zu rufen. Die ist spendenfinanziert, klein, aber funktioniert. In der Stiftungszentrale in Ponte Vedra Beach, Florida können fünf Veteranen gleichzeitig mit ihren Hunden trainieren. Jüngst haben sie ein Gebäude gestiftet bekommen, in dem sie pro Monat 16 Veteranen und ihre Hunde ausbilden können. Und was in diesen drei Wochen für ein Band zwischen Hund und Herrchen entsteht, rührt zu Herzen. Oder, wie Shari Duval sagt: "Die Veteranen kommen auf zwei Beinen zu uns. Und verlassen uns auf sechs".

"Wenn ich Alpträume habe, springt Cody auf mein Bett und leckt mir über das Gesicht oder stupst mich an, bis ich aufwache", sagt Justin Madore, 37, der ebenfalls mit PTBS aus dem Irak-Krieg zurückkehrte. "Und er merkt auch, wenn etwas mit mir nicht stimmt, wenn ich in Depressionen zu verfallen drohe". Fünf Jahre lang war Madore durch seine seelische Verstümmelung an sein Haus gefesselt. Traute sich kaum vor die Tür. "Dank Cody kann ich jetzt wieder einkaufen gehen oder meine Tochter zur Schule bringen", sagt er.

Das unheimliche Gespür der Vierbeiner

Laut Duval werden die Hunde bei dem rund 10.000 Dollar teuren Programm zwar nicht auf ein so hohes Niveau geschult wie Blindenhunde. Aber auch sie helfen und beschützen ihre im Inneren verletzten Herrchen im Alltag. Viele Veteranen mit PTBS haben zum Beispiel Probleme im Umgang mit anderen Menschen - speziell in Situationen mit vielen Menschen. Der Hund hilft ihnen dabei, Abstand zu halten. Indem er sich zwischen Herrchen und die nahende Personen stellt. Oder indem er sich hinter einem Veteranen oder einer Veteranin positioniert, wenn diese in einer Warteschlange anstehen.

Dabei beweisen die Hunde oft ein erstaunliches Gespür für den seelischen Zustand ihrer zweibeinigen Partner. David Ingram, ebenfalls Irak-Veteran mit PTBS, kann sich auf seine Hündin Oakley hundertprozentig verlassen. "Sie erkennt sofort, wenn ich unruhig werde. Dann setzt sie sich auf meine Füße oder hüpft herum und jault. So verhindert sie, dass ich in meine Parallelwelt abdrifte."

Wirksame Mittel gegen PTBS sind in den USA händeringend gesucht. Laut Schätzungen leiden 29 Prozent der rund 830.000 US-Veteranen aus Irak- und Afghanistan-Krieg an PBTS, 22 Prozent an Depressionen. Viele von ihnen durchlaufen verschiedene Therapieprogramme, die aber oft nicht helfen. Doch der Ansatz, traumatisierte Veteranen mit Hunden zusammen zu bringen, scheint zu fruchten, neben "K9s for Warriors" gibt es auch andere Organisationen mit dieser Philosophie, beispielsweise "Pets for Vets".

Für Alex Brown war das Projekt ein letzter Strohhalm, an den er sich geklammert hat. Auch er hatte schon verschiedene andere Therapien durchlaufen. Ohne Erfolg. Sein Leben schien aussichtslos, bis er Skip traf. Wo er ohne sie wäre, daran lässt er keine Sekunde einen Zweifel. Die Antwort: "Ich wäre tot."

Mit Material von Reuters
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.