Irak Weit über 100 Tote nach Rache-Anschlägen

Bei mehreren Anschlägen sind im Irak rund 140 Menschen ums Leben gekommen. Die meisten Opfer gab es in schiitischen Wohngegenden.


Bagdad - Allein bei drei Explosionen in der schiitischen Ortschaft Chalis, 62 Kilometer östlich von Bagdad, kamen Polizeiangaben zufolge 53 Iraker ums Leben, mehr als 100 wurden verletzt.

Kurz darauf explodierte in einer belebten Geschäftsstraße des mehrheitlich schiitischen Bagdader Stadtteils Schaab eine weitere Bombe und riss 76 Menschen in den Tod, die meisten davon Frauen und Kinder. Krankenwagen transportierten zahlreiche Schwerverletzte ab, berichteten Augenzeugen.

In Mahmudija wurden zehn Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt, als vor einer Moschee eine Autobombe detonierte. Im Südwesten von Bagdad wurden bei zwei ähnlichen Anschlägen insgesamt sechs Menschen getötet und 17 verletzt.

Beobachter in Bagdad brachten die blutigen Attentate in hauptsächlich schiitischen Wohngebieten mit den jüngsten Ereignissen in der nordirakischen Stadt Tel Afar in Zusammenhang. Dort hatten vor zwei Tagen schiitische Polizisten bis zu 70 Sunniten in ihren Häusern massakriert. Diese Bluttat war als Vergeltung für Bombenanschläge gedacht, denen in Tel Afar am Tag zuvor rund 85 Schiiten zum Opfer gefallen waren.

In der nordirakischen Stadt Mossul stürmten US-Soldaten in der vergangenen Nacht ein Haus. Dabei erschossen sie den Hausbesitzer und drei seiner Söhne im Alter zwischen 15 und 20 Jahren, meldete die Nachrichtenagentur Aswat al-Irak unter Berufung auf die Provinzpolizei. Das US-Militärkommando in Bagdad erklärte, die Hausbewohner hätten bei der Razzia bewaffneten Widerstand geleistet. Sie hätten in der Vergangenheit an Minenanschlägen gegen US-Truppen mitgewirkt.

Parlamentspräsident Mahmud al-Maschhadani kündigte eine Änderung des strengen Ent-Baathifizierungsgesetzes an, das ehemalige mittlere und höhere Kadern der Baath-Partei von Saddam Hussein aus dem öffentlichen Dienst und aus den Sicherheitskräften ausschließt. Dies sei "sowohl ein internationales als auch ein nationales Erfordernis", erklärte der sunnitische Politiker auf einer Pressekonferenz in Bagdad.

Nach Medienberichten hatten der irakische Präsident Dschalal Talabani und Ministerpräsident Nuri al-Maliki Anfang der Woche den Entwurf einer Novelle des umstrittenen Gesetzes vorgelegt. Wann das Vorhaben im Parlament erörtert werden soll, sagte Maschhadani nicht.

Eine Lockerung der Bestimmungen des Ent-Baathifizierungsgesetzes stößt bei vielen Schiiten, die sich als Opfer des Saddam-Regimes sehen, auf Ablehnung.

Im saudischen Riad wies unterdessen der irakische Außenminister Hoschiar Sebari die Kritik Saudi-Arabiens an der Präsenz der US-Truppen im Irak vehement zurück. "Wir denken nicht, dass dies eine illegale Besatzung ist", sagte Sebari am Rande des Gipfels der Arabischen Liga. Der saudi-arabische König Abdullah hatte gestern in seiner Eröffnungsrede erklärt, Sunniten und Schiiten töteten einander im Irak im Schatten der "illegalen Besatzung". Sebari erklärte, die ausländischen Truppen seien auf Grund internationaler Beschlüsse im Irak. Die gewählte irakische Regierung habe ihre Anwesenheit akzeptiert.

asc/Reuters/AFP/dpa

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