Irakische Christen Eine Religion in Todesgefahr

Flucht ist für irakische Christen eine Einbahnstraße: Wer einmal geht, kann nicht zurück - zu groß ist die Bedrohung durch die Extremisten. Doch auch der Exodus in den Westen birgt Risiken - für die Verwandten und Freunde, die zurückbleiben.

Aus Amman und Damaskus berichtet Yassin Musharbash


Amman/Damaskus - Als der Terror zu den Christen kam, war Husam Augenzeuge: Mitten in seiner Kirche Sankt Paulus in der irakischen Stadt Mossul explodierte ein Sprengsatz. Die Kirchenfenster splitterten, die Gläubigen suchten in Todesangst einen Weg nach draußen.

Husam wusste da noch nicht, dass in Bagdad zeitgleich vier weitere Bomben vor vier weiteren Kirchen gezündet worden waren. Er ist Arzt und versuchte, den Verletzten zu helfen. Er selbst blieb nahezu unversehrt. Allerdings verbrannte er sich die Hände - am brennenden Körper eines Gemeindemitgliedes, das fünf Tage später seinen Verletzungen erlag.

Das war am 1. August 2004, und spätestens seit diesem Tag war klar, dass die Christen im Irak, die zuvor unter Saddam Hussein ihren Glauben mehr oder weniger ungestört leben konnten, ins Visier der Extremisten geraten waren. Und dass es den Tod bedeuten konnte, offen ein Kreuz zu tragen, ein Jesusbild an sein Auto zu kleben oder als Frau unverschleiert auf die Straße zu gehen. Die ersten der rund eine Million Christen begannen, sich ins Ausland abzusetzen.

Husam blieb. Er wollte ausharren. "Ich hoffte, das würde sich wieder legen." Seine Hoffnungen wurden enttäuscht. Im November 2007 nutzte Husam schließlich einen Kongress in Zypern, zu dem er eingeladen war, um dem Irak zu entkommen. Seine drei Kinder und seine Frau holte er nach Jordanien nach.

Kurz, nachdem die Familie wieder vereint war, erreichte Husam eine schreckliche Nachricht: Sein bester Freund war zuerst entführt, dann ermordet und auf einem Müllhaufen abgelegt worden. Dieser Freund war der chaldäische Bischof von Mosul, Farradsch Rahho, dessen Tod weltweit für Schlagzeilen sorgte.

Eine Kirche in der Wohnung

Husam ist 33 Jahre alt, seine braunen Haare haben einen rötlichen Einschlag, wie viele irakische Christen hat er grüne Augen. Er lächelt, wenn er erzählt, aber sagt selbst, dass es aufgesetzt ist, dass er es sich angewöhnt hat, er weiß nicht warum. "Wir sind wohl alle etwas verrückt geworden", vermutet er. Es ist voll in dem Innenhof des schlichten, weißen Hauses im Ammaner Stadtteil Jabal Webdeh. Auch im geräumigen Esszimmer, im Wohnzimmer stehen überall weiße Plastikstühle. Gleich beginnt der chaldäische Gottesdienst.

Vor dem Exodus der irakischen Christen gab es praktisch gar keine Chaldäer in Jordanien. Heute sind es mindestens zehntausend, vermutet der Priester Raymon Moussali.

Der Altar, an dem er später die Messe liest, ist ein Campingtisch. Die Chaldäer sind Teil der katholischen Kirche. Aber ihr Ritus, ihre Liturgie hat Dinge bewahrt, die in den Westkirchen keine Rolle mehr spielen. Die Chaldäer sind die Nachfahren einer der ersten Kirchengemeinden überhaupt; sie sind Urchristen. Der Gottesdienst findet zwar auf Arabisch statt; aber große Teile der Liturgie sind Chaldäisch. Inbrünstig beten die Männer und Frauen, auch viele Kinder scheinen von einer tiefen Religiösität erfüllt. Unwillkürlich berühren die kleinen Hände die Marienstatue und schlagen ein Kreuz.

Die Chaldäer sind die größte Gruppe unter den irakischen Christen. Und wenn Deutschland, so wie es derzeit diskutiert wird, tatsächlich eine größere Zahl irakischer Christen aufnehmen wird, dann werden Chaldäer einen großen Teil des Kontingents stellen.

"Ihre Integration sollte kein Problem sein", prophezeit Antoin Addou. Er ist der Bischof der Gemeinde in Damaskus, die durch die Iraker von 12.000 auf wahrscheinlich 50.000 angewachsen ist. Addou verweist auf Tausende erfolgreiche und ehrgeizige Chaldäer, die es in San Diego und Detroit, in Sydney und Melbourne zu Ansehen und Einkommen gebracht haben und in lebendigen Gemeinden mit Bischöfen und Priestern leben.

Sind Chaldäer einfacher zu integrieren?

Auch in Deutschland gibt es irakische Chaldäer, allein in München etwa tausend. Probleme sind nicht bekannt. Die CDU, die derzeit an der Spitze der deutschen Aufnahmeinitiative steht, hält das für ein gewichtiges Argument. Sie möchte gerne vor allem irakische Christen nach Deutschland holen.

Allerdings, gibt Bischof Addou in seinem in roten Plüsch und Samt gehaltenen Empfangszimmer zu bedenken: "Ich ermuntere unsere Leute nicht zur Ausreise." Natürlich gebe es Leidende, denen hier nicht geholfen werden könne. Und die Rückkehr in den Irak scheint ausgeschlossen. Aber je mehr Christen den Orient verlassen, desto schwächer wird die Präsenz dieser Minderheit im Heiligen Land. Schon erscheint es nicht mehr ausgeschlossen, dass es eines Tages fast keine Christen mehr gibt zwischen Jordan und Euphrat.

Auch anderen christlichen Würdenträgern bereitet diese düstere Vision Sorgen: "Wir sind grundsätzlich gegen Emigration von Christen", sagen die Franziskanerinnen in Amman. "Wir treten nicht für Auswanderung ein. Aber wir können die Schreie unserer Brüder und Schwestern nicht ignorieren", sagen die "Schwestern vom guten Hirten" in Damaskus. Auch die Flüchtlinge selbst leiden unter dem Gefühl, ihre Religion zu verraten, wenn sie ins Ausland gehen. "Ich weiß, dass wir bleiben sollten. Damit es hier weiter Christen gibt. Aber wir müssen jetzt um unser Leben rennen", sagt eine Gottesdienstbesucherin in der Gemeinde von Priester Raymon.

Sora trägt kein Kopftuch mehr

Derzeit sieht es danach aus, als werde Deutschland anbieten, einige tausend Flüchtlinge aus dem Irak aufzunehmen. Aber exklusiv Christen anzufordern, ist nicht durchsetzbar. Auch bei den Christen nicht. Und so wird es auch um andere "verfolgte, nicht-muslimische Minderheiten" gehen - in der Annahme, dass Sunniten und Schiiten eines Tages eher in den Irak werden zurückkehren können - Christen, Jesiden und Sabäer aber nicht.

Sora ist 17 Jahre alt, sie trägt langes schwarzes Haar, Lippenstift, kurzes T-Shirt. Im Irak war das anders: Da trug sie ein Kopftuch. Doch sie hat es nicht etwa abgelegt, weil sie ihren Glauben verloren hat - sondern weil sie ihn in Damaskus, wo sie jetzt ist, nicht verstecken muss: Sora ist Sabäerin.

Die Sabäer sind die kleinste und vermutlich schutzloseste Religionsgruppe im Irak. Wie viele von ihnen es noch gibt, weiß niemand - die Schätzungen liegen im niedrigen fünfstelligen Bereich. Ihre Religion ist uralt, sie wurzelt im Manichäismus, ist von anderen Religionen beeinflusst. Radikalen Muslimen gelten sie hingegen schlicht als "Teufelsanbeter" - ein jahrhundertealtes Vorurteil. Aber im Irak von heute ein tödliches.

Die Jesiden wiederum haben den brutalsten gegen eine Glaubensgruppe gerichteten Anschlag im Irak zu beklagen gehabt: Bis zu 500 Gläubige starben, als eine sunnitische Terrorgruppe vor zwei Jahren gezielt zuschlug.

Die Jesiden und die Sabäer werden vermutlich schon lange vor den Christen aus dem Nahen Osten verschwunden sein. Dass deren Exodus aus dem Irak mittelfristig auch zu einem christlichen Exodus aus dem Nahen Osten werden wird, ist ausgemacht.

Es gibt reiche christliche Flüchtlinge, es gibt gut ausgebildete, es gibt solche, die man dringend für den Wiederaufbau des Irak bräuchte. Aber sie werden nicht zurückkehren. Sie haben Angst.

In kleinen Gruppen stehen sie zusammen und berichten einander die neuesten Greuelgerüchte aus der alten Heimat: Die schiitisch dominierte Regierung habe vor, die Christen langsam aus dem irakischen Staatsvolk zu tilgen; die offizielle Wortwahl sei bereits geändert. Eine junge Frau hat Kopien von einem Brief mitgebracht, den Extremisten in Briefkästen von Christen geworfen haben: Übertritt zum Islam oder Tod, lautet die Botschaft.

Kreuzfahrer und Vasallen?

Neben der Religion kommt noch etwas hinzu: Viele Christen, die im Irak überproportional gut ausgebildet sind, haben den US-Soldaten als Übersetzer gedient. Daher gelten sie einigen kollektiv als Kollaborateure.

Und zu diesem Problem gibt es wiederum eine Kehrseite, die auch die deutsche Aufnahmeidee betrifft: Nähme Deutschland tatsächlich fast nur Christen auf, wird das in extremistischen Kreisen so gedeutet werden, dass die "Kreuzfahrer" ihre Vasallen belohnen. Und das könnte die Lage für die im Irak verbliebenen Christen erschweren.

Doch die irakischen Christen selbst sind ohnehin, in absoluter Mehrheit, sicher: Ja, wir wollen raus. Amerika, Europa, Australien - egal. "Irgendwohin, wo meine Kinder zu einer guten Schule gehen können", sagt Husam, der Arzt aus Mossul.

"Der Irak ist ein so schönes, so reiches und stolzes Land. Ich glaube, dass die Iraker außerhalb ihres Landes niemals glücklich sein können", meint eine jordanische Franziskanerin, die irakische Flüchtlinge betreut. "Das stimmt vielleicht", sagt dagegen eine der irakischen Frauen. "Aber dass wir sicher sind und leben können, ist wichtiger."


Anmerkung der Redaktion: Einige der Namen wurden auf Wunsch der Betroffenen geändert.



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