Irakische Flüchtlinge in Syrien "Der Druck übersteigt unsere Kräfte"

Fast zwei Millionen Iraker sind inzwischen nach Syrien geflüchtet - für den Nachbarn eine gewaltige Herausforderung. Hält der Zustrom an, wird bald die Grenze geschlossen, warnt Syriens Innenminister Bassam Abd al-Madschid im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.


SPIEGEL ONLINE: Wie viele Iraker leben mittlerweile in Syrien?

Abd al-Madschid: Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen ging vor zwei Monaten von über 1,4 Millionen aus. Jetzt werden es wohl 1,8 Millionen sein. Täglich reisen rund 2450 Iraker ein. Ich nenne sie lieber Gäste als Flüchtlinge, denn Gäste bleiben eine bestimmte Zeit im Land und kehren dann zurück. Auch die 700.000 Libanesen, die während des Bürgerkriegs Syrien aufgesucht hatten, kehrten anschließend wieder in ihre Heimat zurück.

Syriens Innenminister Bassam Abd al-Madschid, 57: "Die Amerikaner und ihre Verbündeten, die den Irak besetzen, tragen die Hauptverantwortung"
AP

Syriens Innenminister Bassam Abd al-Madschid, 57: "Die Amerikaner und ihre Verbündeten, die den Irak besetzen, tragen die Hauptverantwortung"

SPIEGEL ONLINE: Beinahe jeder zehnte Bewohner Syriens kommt also bereits aus dem Irak. Was bedeutet das für Ihr Land?

Abd al-Madschid: Im Juni stieg allein der Brotkonsum um 35 Prozent, der Stromverbrauch um 21,5 Prozent. Der Verbrauch an Benzin und Erdgas kletterte um 12 Prozent nach oben, die ohnehin schwierige Trinkwasserbeschaffung ist zu einem großen Problem geworden. Die Preise für Lebensmittel, Treibstoff, Strom und Medikamente werden bei uns staatlich subventioniert, unser Mehraufwand ist riesig. Auch die medizinische Betreuung und die öffentlichen Schulen müssen mit den vielen Zuzüglern fertig werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es mit der Sicherheit? Leidet sie unter dem Zustrom der Flüchtlinge?

Abd al-Madschid: Natürlich bleibt es nicht aus, dass in einer Gruppe von annähernd zwei Millionen Menschen auch Kriminelle am Werk sind. Das ist normal.

SPIEGEL ONLINE: Was bereitet die größten Probleme - Diebstahl, Prostitution?

Abd al-Madschid: Eigentumsdelikte und die Prostitution bekämpfen wir mit Erfolg. Allerdings haben wir es neuerdings mit einem in Syrien bislang unbekannten Verbrechen zu tun: Entführungen und Erpressungen. Iraker entführen ihre eigenen Landsleute, um Lösegeld zu erpressen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie auch weiterhin den Zustrom der Iraker aufnehmen?

Abd al-Madschid: Wenn der Druck unvermindert anhält, übersteigt das unsere Kräfte. Wann wir die Grenzen schließen, weiß ich nicht, aber wir müssen damit rechnen.

SPIEGEL ONLINE: Erhalten Sie keine Finanzhilfe von den Vereinten Nationen?

Abd al-Madschid: Das Uno-Flüchtlingshilfswerk bemüht sich redlich, doch wir brauchen deutlich mehr Unterstützung. Um das Allernotwendigste zu bestreiten, fehlen uns 200 Millionen Dollar.

SPIEGEL ONLINE: Wer trägt aus Ihrer Sicht die Hauptschuld an dieser Tragödie?

Abd al-Madschid: Die Amerikaner und ihre Verbündeten, die den Irak besetzen, tragen die Hauptverantwortung. Sie haben die Terroristennetze entstehen lassen und das Tor zur Hölle aufgemacht. Es stimmt schon: Saddam Hussein war ein Diktator. Er hat Saboteure auch nach Syrien eingeschleust und Sprengstoffanschläge ausführen lassen. Dennoch gab es zu Saddams Zeiten im Irak einen Staat mit seinen Institutionen. Den haben die Amerikaner zerstört, und seitdem gibt es keine Sicherheit mehr. Washington sollte die Besatzung beenden.

SPIEGEL ONLINE: Wissen Sie eigentlich genau, wer alles über die syrischen Grenzen einreist?

Abd al-Madschid: Ja, die Einreiseformalitäten müssen penibel erledigt werden. Ohne Papiere kommt niemand ins Land.

SPIEGEL ONLINE: Amerikanische Geheimdienste gehen davon aus, dass sich auch Qaida-Terroristen in Syrien verbergen.

Abd al-Madschid: Keine Chance, wir kontrollieren unsere Grenze bestens. Eine gewisse Anzahl verdächtiger Elemente haben wir bereits abgeschoben.

Das Interview führten die SPIEGEL-Redakteure Volkhard Windfuhr und Bernhard Zand

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