Irakische Regierungsdokumente Jeder kann Geheimdienstanalyst sein

Die amerikanischen Geheimdienste veröffentlichen seit zwei Wochen irakische Regierungsdokumente im Internet. Seitdem listen Freizeitagenten in konservativen Weblogs neue Beweise über Massenvernichtungswaffen im Irak auf. US-Präsident Bush dürfte das freuen.

Hamburg – Die bis vor kurzem unter Verschluss gehaltenen Dokumente stellten US-Truppen nach ihrem Einmarsch im Irak sicher. Vor zwei Wochen haben die Geheimdienste begonnen, nach und nach Protokolle, Fotos und Videos ins Internet zu stellen. Jeder, der einen Computer mit Internetanschluss besitzt, kann jetzt Geheimdienstanalyst spielen und die Dokumente auswerten. In Weblogs bieten sich Freizeitschnüffler seitdem erhitzte Debatten.

Geheimdienstmitarbeiter hatten davor gewarnt, eine Horde Amateure auf Dokumente loszulassen, deren Wahrheitsgehalt noch niemand genau einschätzen könne. Bekannte Gerüchte, Fehlinformationen oder Fälschungen würden nicht veröffentlicht, versicherte ein Geheimdienstmitarbeiter der "New York Times".

Der Nationale Geheimdienstdirektor, John Negroponte, hat die Dokumente trotzdem mit einem Haftungsausschluss versehen lassen: Die Regierung bürgt nicht für die Echtheit der Akten. Das konnte aber nicht verhindern, dass einige der Papiere schon für Aufregung gesorgt haben. Plötzlich kursierten Gerüchte, der Russische Geheimdienst hätte Saddam mit Informationen über den amerikanischen Einmarsch verraten, was dieser empört zurückwies.

"Keine Qualitätskontrolle"

Einige professionelle Geheimdienstanalysten sind darum entsetzt über eben jene Idee, die die Blogger so begeistert: Dass jeder die Dokumente einsehen und sich sein Vorkriegs-Szenario zurechtschustern kann. "Es gibt keine Qualitätskontrolle", bemängelt der ehemalige CIA-Terrorspezialist Michael Scheuer. "Es wird da draußen Leute mit gefährlichem Halbwissen geben, die verrückte Schlüsse ziehen werden", warnt er.

Vor allem konservative Blogger machen regen Gebrauch von dem Angebot. Erst 600 von über einer Milllion Dokumente wurden bisher veröffentlicht, die meisten auf Arabisch, aber die Internet-Agenten sind sich schon sicher: Saddam hatte Massenvernichtungswaffen. Obwohl sich unter den veröffentlichten Videos auch ein Film befindet, auf dem der ehemalige irakische Präsident Saddam Hussein sich beklagt, dass er nur konventionelle Waffen besitze.

Aber das ficht die Freizeitschnüffler nicht an. "Saddams Massenvernichtungswaffen und seine Verbindungen zu Terroristen in nur einem Dokument bewiesen!!!", schreibt zum Beispiel Ray Robinson, ein ehemaliger Armeeoffizier aus Alabama in seinem Weblog. Das zum Beweis zitierte Dokument beschreibt einen irakischen Plan, Flugblätter mit Anthrax zu verseuchen, die amerikanische Flugzeuge über dem Irak verstreuten.

"Die Macht des Internet"

Hinter der basisdemokratisch anmutenden Aktion steckt offenbar politisches Kalkül: Für die Veröffentlichung der Akten sorgte Peter Hoekstra, Republikaner und Vorsitzender des Geheimdiensausschusses im Kongress. Zweck der Veröffentlichung sei, "die Macht des Internet" für die Auswertung zu nutzen, für die die Regierung sonst Jahrzehnte brauchen würde, sagte er der "New York Times". "Die Leute sollen einen direkteren Blick auf Saddams Regime bekommen."

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung gibt den Akten aber vor allem politische Brisanz: Noch nie war die öffentliche Zustimmung zum Irak-Einsatz so niedrig wie heute. Eine neu angefachte Debatte über Saddams Massenvernichtungswaffen könnte US-Präsident George Bush neue Zustimmung bescheren. Der Geheimdienst-Historiker John Prados vom Nationalen Sicherheitsarchiv vermutet: "Die Regierung steht unter Druck, weil sie ohne konkrete Bedrohung einen Krieg geführt hat. Das Ziel muss darum sein, den Eindruck zu erzeugen, dass die Bedrohung real war."

Die Taktik schein aufzugehen: Vor allem Blogger aus der rechten Ecke heben vor allem jene Dokumente hervor, die von einem Treffen Osama Bin Ladens mit einem irakischen Geheimdienstoffizier im Jahr 1995 im Sudan handeln, einem Programm zur Ausbildung arabischer Fanatiker zu Selbstmordattentätern, sowie ein Dokument, indem davon die Rede ist, Chemiewaffen gegen Kurden einzusetzen.

Dass die Bush-Administration schon lange zu dem Schluss gekommen ist, dass der Irak vor der Invasion vor drei Jahren keine verbotenen Massenvernichtungswaffen besessen hat, spielt in den Weblogs keine Rolle. "Es geht nicht um Politik", sagt Blogger Robinson. "Es geht um die Wahrheit."

Karl Doeleke

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