Iran greift US-Stützpunkte an Stresstest für Trump
Hat schon mehrfach bewiesen, dass er unberechenbar ist: Donald Trump
BRENDAN SMIALOWSKI/ AFP
Zunächst war es ein guter Tag für Donald Trump. Der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis war zu Besuch im Weißen Haus. Eine schöne Gelegenheit für den US-Präsidenten, seine Lieblingsrolle zu spielen, die des entschlossenen Oberbefehlshabers der US-Streitkräfte.
„Wenn Iran irgendetwas unternimmt, was sie nicht sollten, dann werden sie die Konsequenzen spüren, sehr harte Konsequenzen“, sagte Trump. „Wir sind vorbereitet, wir sind bereit, sofort zurückzuschlagen.“
Als Vergeltung für die Tötung des iranischen Topmilitärs Qasem Soleimani feuerte Iran in der Nacht mehr als ein Dutzend ballistische Raketen auf zwei Militärstützpunkte im Irak, auf denen auch US-Soldaten stationiert sind.
Im Weißen Haus brach sofort Hektik aus. Trump konferierte mehr als eine Stunde mit seinen wichtigsten Beratern im Weißen Haus: Außenminister Mike Pompeo, Vizepräsident Mike Pence, Verteidigungsminister Mark Esper. Man versuchte, sich einen Überblick über mögliche Opfer zu verschaffen. Zwischenzeitlich hieß es, der Präsident werde sich in einer Ansprache aus dem Oval Office an die Nation wenden, dazu kam es aber zunächst nicht. Dies will Trump nun offenbar an diesem Mittwoch nachholen, vermutlich am Nachmittag (deutsche Zeit).
Der Angriff in der Nacht stellt Trump vor eine schwierige Entscheidung. Soll er, wie von ihm mehrfach angedroht, einen Vergeltungsschlag anordnen? Oder ist es eher an der Zeit zu deeskalieren, um einen Krieg mit Iran zu vermeiden, der die gesamte Region ins Chaos stürzen könnte?
Nach Lage der Dinge wurden keine Amerikaner bei den Attacken getötet. „Alles ist gut“, verkündete Trump in einer ersten kurzen Twitterbotschaft. Auch aus dem Pentagon gab es zunächst keine Angaben über amerikanische Opfer.
Manche Sicherheitsexperten in den USA spekulierten prompt darüber, die Raketen könnten von den Iranern absichtlich so eingestellt worden sein, dass sie keine Amerikaner verletzten. Aus der Regierung hieß es, von den Angriffen seien Teile der Stützpunkte betroffen gewesen, in denen keine US-Soldaten stationiert seien.
Michael Chertoff, ehemaliger Minister für Heimatschutz unter Präsident George W. Bush, meinte im Sender CNN, die Iraner versuchten wohl, Washington mit einer sorgsam dosierten Antwort auf die Tötung Soleimanis zu signalisieren, dass sie den Konflikt nicht weiter eskalieren wollten.
Ähnlich sieht das der frühere Generalmajor der US-Streitkräfte James Marks: „Jetzt ist es Zeit für alle, Luft zu holen und zu überlegen, wie es weitergehen soll“, sagte er. „Das würde man sich zumindest wünschen.“
Tatsächlich dürften sich Trump und seine Berater nach dieser nächtlichen Attacke ihre nächsten Schritte gut überlegen. Sollten auch sie zu der Einschätzung kommen, dass Teherans Angriff eher als Signal der Deeskalation zu verstehen wäre, würde dies die Tür für eine Entspannung der Lage öffnen. Sollte Trump hingegen Vergeltungsschläge gegen Iran anordnen, wäre eine weitere Eskalation unvermeidlich. Teheran hat für den Fall von US-Angriffen auf sein eigenes Territorium sofortige Gegenattacken auf Israel und Dubai angekündigt.
Fest steht: Trump hat schon mehrfach bewiesen, dass er unberechenbar ist. Es gibt in seiner Regierung etliche Berater, die ihn dazu drängen, gegenüber Iran Härte zu zeigen, um den Einfluss des Landes in der Nahost-Region einzudämmen. Er selbst hat die Iraner in den vergangenen Tagen immer wieder vor Angriffen auf US-Basen gewarnt – und dies als seine rote Linie markiert.
Zugleich stimmt aber auch, dass Trump an einem großen Krieg mit Iran eigentlich kein Interesse hat. Trump muss auch auf der Hut sein. Eine Eskalation der Irankrise kann für ihn im heraufziehenden Wahlkampf durchaus zur Belastung werden.
Denn auch unter seinen Anhängern gibt es durchaus unterschiedliche Ansichten dazu. Nirgendwo lässt sich das derzeit besser ablesen als bei seinem Lieblingssender Fox News.
Während dort auf der einen Seite der Kommentator Sean Hannity Trumps Vorgehen gegen Soleimani als brillante Strategie der Stärke feiert, zieht der Kommentator Tucker Carlson mit Verve gegen einen möglichen militärischen Konflikt in Iran zu Felde.
Carlson warnt vor Kriegsgeheul und stellt die Informationen der Geheimdienste zu Soleimani infrage: „Es ist schwer, sich daran zu erinnern, aber letzte Woche wurde Iran noch nicht als unmittelbare Bedrohung gesehen“, schimpft Carlson. Jetzt werde plötzlich so getan, als sei Iran eine echte Gefahr. „Es ist doch wirklich bemerkenswert, wie viele Leute bereit sind, das unkritisch zu glauben.“