Iran auf Konfrontationskurs Das Spiel der Mullahs

Gegen den Sturz Saddam Husseins durch die US-geführte Kriegsallianz hatten die Mullahs in Teheran nichts. Nun aber geht Iran wieder auf Konfrontationskurs zum Westen. Der "Große Satan" hat seine Schuldigkeit getan - jetzt wird er kräftig provoziert.

Von Alexander Schwabe


Das Verhältnis Iran-USA: Fundamental gegensätzliche Interessen
AFP

Das Verhältnis Iran-USA: Fundamental gegensätzliche Interessen

Plötzlich waren sie sich ganz nahe. Die höchsten Außenrepräsentanten Großbritanniens und Irans, die Außenminister Jack Straw und Kamal Charrasi, unterhielten sich - den Hörer am Ohr - über einen Zwischenfall, der sich im Schatt al-Arab ereignet hatte. Sechs britische Marinesoldaten und zwei britische Matrosen waren von iranischen Sicherheitskräften in ihren drei Patrouillenbooten aufgebracht und festgenommen worden.

Nachdem die Gefangenen der iranischen Öffentlichkeit via Fernsehen mit verbundenen Augen vorgeführt worden waren, ließ man sie nach vier Tagen frei. Straw dankte daraufhin der Teheraner Regierung für deren "Unterstützung" und zeigte sich "hocherfreut".

Dabei ist das Verhältnis zwischen den Mullahs und westlichen Regierungen alles andere als erfreulich. Nicht nur, dass die britischen Bootsbesatzungen inzwischen behaupten, sie seien mit Gewalt in iranische Gewässer gebracht worden, nicht nur, dass die Vereinigten Staaten am Dienstag zwei iranische Diplomaten wegen des Vorwurfs der Spionage ausgewiesen haben, nicht nur, dass Teheran Briten und Amerikaner gerade erst für die Drogen-Rekordernte in Afghanistan verantwortlich gemacht hat - nun ist man wieder an dem Punkt angekommen, den der US-Staatssekretär im Außenministerium, John Bolton, vor mehr als einem Jahr ausgemacht hatte, als er sagte, Irans Atomprogramm sei gefährlicher als das Nordkoreas.

Teheran stellt auf stur

Erfreute den britischen Außenminister Straw: Irans Außenminister Charrasi (r.)
AP

Erfreute den britischen Außenminister Straw: Irans Außenminister Charrasi (r.)

Das Kräftemessen zeigt sich im Streit über das iranische Nuklearprogramm. Seit der Gouverneursrat der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) die iranische Regierung wegen mangelnder Zusammenarbeit bei Inspektionen gerügt hat, stellt Teheran auf stur. Es kündigte an - was möglicherweise längst der Fall ist -, dass die Arbeit an Zentrifugen aufgenommen werde, die zur Anreicherung von Uran nötig sind.

Der tiefgehende Konflikt zwischen Iran und den USA bricht wieder auf, nachdem er in den vergangenen Monaten unterdrückt worden war - wegen eines anders gelagerten nationalen Interesses Irans: Das Land strebt eine sichere Westgrenze an. Daher verfolgten die Mullahs lange Zeit das gleiche Ziel wie die USA: Saddam Hussein, der Iran von 1980 bis 1988 einen blutigen Krieg aufgezwungen hatte, zu stürzen. Sie stellten sich den Allierten und deren Angriff auf den Irak nicht in den Weg und taten viel, um den "großen Satan" im Gefühl zu wiegen, Iran würde nicht versuchen, das Machtvakuum zu füllen, das nach dem Sturz Saddams in der Region entstehen würde.

Iran unterstützte seit der Befreiung Kuweits durch die Amerikaner 1991 systematisch die Schiiten im Irak und finanzierte etwa die Badr-Brigaden des im Teheraner Exil lebenden irakischen Schiiten Ajatollah Mohammed Bakir al-Hakim, dessen Kampftruppen im Nordirak operierten, um Saddam zu schwächen.

Iran fütterte, das Pentagon fraß

Britische Soldaten während ihrer Gefangenschaft in Iran
REUTERS/ Al Alam

Britische Soldaten während ihrer Gefangenschaft in Iran

Schließt man sich der Deutung "Stratfors" an, einem Unternehmen, das mit Geheimdienstinformationen handelt, so führte Iran bei der amerikanischen Mittelost-Politik Regie. Über altbewährte Kanäle fütterte das Land genau diejenigen in den USA mit vorgeblich brisanten Geheiminformationen, die Einfluss auf die Bush-Regierung hatten und meinten, der Irak stelle eine große Gefahr dar.

Eine zentrale Rolle spielte der Führer des Irakischen Nationalkongresses, Ahmed Tschalabi. Ihn hatten die USA seit einem Jahrzehnt als sichere Quelle für Geheimdienstinformationen über den Irak eingestuft. Von ihm stammten denn auch die meisten Hinweise über Massenvernichtungswaffen im Irak.

Überraschend kam nun vor rund sechs Wochen ans Licht, dass der geschätzte Tschalabi enge Kontakte zum iranischen Geheimdienst unterhielt und, so die erschreckende Einsicht in Washington, wohl ein Doppelagent war, wie die "Neue Zürcher Zeitung" berichtete.

"Stratfor" zufolge wusste Iran, dass der Irak sein Programm zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen bereits aufgegeben hatte. Diese Information sei an die amerikanischen Stellen jedoch nicht weitergegeben worden.

Ebenso wenig diejenige, dass der Irak auf den amerikanischen Angriff nicht mit einer konventionellen Kriegsführung reagieren werde, sondern einen Guerillakrieg plante, der nach dem Fall Bagdads einsetzen sollte. Iran habe diese beiden wichtigen Informationen den USA vorenthalten, weil das Land genau zwei Dinge erreichen wollte: Dass die vergebliche Suche nach den Massenvernichtungsmitteln die Bush-Administration in den Staaten und der Guerillakrieg der Baathisten die Amerikaner im Irak schwächen würde.

Kühl kalkulierender Strippenzieher

Iran - in dieser Lesart der große Strippenzieher, der trotz aller innenpolitischen Lagerkämpfe zwischen Konservativen und Liberalen kühl kalkulierend genau das erreichte, was in seinem außenpolitischen Interesse steht. Je chaotischer die Lage im Irak wurde und je mehr Bush im eigenen Land die Wähler davonliefen, desto dringender brauchten die USA einen verlässlichen Verbündeten, um mit den widerständischen Sunniten fertig zu werden, einen Verbündeten, der darüber hinaus auch die Nachschubwege aus Kuweit nicht abschneiden würde: die Schiiten.

Nachdem Saddam gefasst war, und Iran damit eines seiner Ziele erreicht hatte, begann man umgehend auf Distanz zu den Amerikanern zu gehen. Aus politischen Gründen schlug man Ende Dezember nach einem verheerenden Erdbeben in Bam mit mehr als 10.000 Toten sogar ein Hilfsangebot der Amerikaner aus.

In der Folge suchten die USA verstärkt Kontakt zu den irakischen Sunniten. Als sie andeuteten, dass diese und auch die Kurden in einer Übergangsregierung ein Vetorecht haben sollten, verstärkte Schiitenführer Ajatollah Ali al-Sistani den Druck auf die US-Verwaltung. Er rief zu großen Demonstrationen auf und forderte direkte Wahlen so früh wie möglich. Der Konflikt verschärfte sich. Mitte Januar drohte Sistani mit einer Revolte der Schiiten.

Sistani ließ es zu, dass der radikale Prediger Muktada al-Sadr in der den Schiiten heiligen Stadt Nadschaf den Aufstand probte. Die USA wandten sich daraufhin völlig von den aus ihrer Sicht unzuverlässigen Schiiten ab. Sie wurden vor die Entscheidung gestellt, entweder am neuen Staatsgebilde mitzuwirken - oder außen vor zu bleiben.

Fundamentaler Interessenskonflikt

In dieser Situation, so die Theorie des "Stratfor"-Strategen George Friedman, nutzte Iran die Rüge der IAEA und das angebliche Eindringen der britischen Patrouillenboote in sein Hoheitsgebiet, um den USA klarzumachen, dass es eine, wenn nicht die neue Macht in der Region ist.

Der Konflikt wird weitergehen. Die Interessen Irans und der USA stehen sich fundamental entgegen. Teheran will die dominierende Macht im Mittleren Osten sein, die USA wollen genau dies verhindern, damit das Land für amerikanische Verbündete in der Golfregion - und damit ihren eigenen strategischen Zielen - nicht gefährlich werden kann. Die USA sehen in Iran einen Hort des internationalen Terrorismus, und sie können nicht zulassen, dass die Mullahs demnächst die Atombombe haben werden - so wenig wie dies die Israelis akzeptieren können, deren Gegner Hamas, Hisbollah und Islamischer Dschihad zudem von Iran mitfinanziert werden. Das Spiel, das sich bald abzeichnen könnte ist bekannt: Terrorvorwürfe und der Besitz von Massenvernichtungsmitteln - das waren die Kriegsgründe gegen den Irak.



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