Iran Die islamische Republik greift nach der Bombe

Der Schwarzmarkt für Nukleartechnologie boomt: Nach Libyen und Nordkorea wurde nun auch der Iran des heimlichen Know-How-Erwerbs überführt. Viel früher als vermutet könnte das Mullahregime waffenfähiges Uran produzieren.

Von Yassin Musharbash


Verkaufsbroschüre der Khan-Labors: Baupläne für den Iran

Verkaufsbroschüre der Khan-Labors: Baupläne für den Iran

Berlin - Auf Mohamed el-Baradei, den Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), die im Auftrag der Vereinten Nationen die Weiterverbreitung von Nukleartechnologie kontrolliert, kommt in den nächsten Wochen viel Arbei und Ärger zu: Am Donnerstag gab die die iranische Regierung zu, dass sie über weitaus fortgeschrittenere Nukleartechnik verfügt, als sie der IAEA gemeldet hatte.

Das bedeutet einen großen Rückschlag für die IAEA, deren Zusatzprotokoll zum Nichtverbreitungsvertrag (NVV) der Iran erst Ende vergangenen Jahres unterschrieben hatte - und nun bereits durch Nichtmeldung gebrochen hat.

Baupläne vom Schwarzmarkt

Denn Teheran, so verlautete am Donnerstag, ist im Besitz von Plänen für eine Zentrifuge der neueren Generation, die - zumindest in der Theorie - die Herstellung waffenfähigen Urans mit weit höherer Geschwindigkeit ermöglicht, als man für den Iran bisher angenommen hatte.

Die Baupläne stammen allem Anschein nach aus dem Umfeld des international tätigen Schwarzmarkt-Netzwerks, das der pakistanische Atomphysiker Abdul Qadeer Khan über ein Jahrzehnt lang betrieben hat. Erste IAEA-Prüfungen haben ergeben, dass sie mit den von dort stammenden Skizzen übereinstimmen, die in Libyen und Nordkorea gefunden wurden.

Waffeninspekteur el-Baradei: Befürchtungen wahr geworden
REUTERS

Waffeninspekteur el-Baradei: Befürchtungen wahr geworden

Damit haben sich el-Baradeis Befürchtungen ein weiteres Mal bestätigt. "Offensichtlich haben die internationalen Exportkontrollen in den letzten Jahren völlig versagt", hatte der Waffeninspekteur Anfang dieses Jahres in einem Interview mit dem SPIEGEL erklärt. Wie zur Bestätigung wurde am Freitag auch noch bekannt, dass das FBI in Südafrika den Schmuggel von 66 Atombomben-Zündern untersucht.

Die im Iran gefundene Zentrifugenskizze ist das bislang letzte Glied in einer Kette von Enthüllungen über einen von Pakistan aus betriebenen Schwarzmarkt für Nukleartechnologie. Nachdem Libyen im Dezember 2003 überraschend die Aufgabe seines geheimen Atomprogramms verkündet und heimlich erworbene Skizzen und Baupläne veröffentlicht hatte, kam der Stein ins Rollen. Anfang Februar 2004 gestand Abdul Qadeer Khan dann im pakistanischen Fernsehen den Verkauf der Unterlagen. Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf, Verbündeter der USA, begnadigte den Physiker, der als "Vater der pakistanischen Atombombe" gilt, umgehend.

Iran angeblich bereit zu Inspektionen

Der Iran betonte unterdessen, die Anreicherung von Uran solle allein für die zivile Nutzung erfolgen, sprich zur Betreibung von Reaktoren zur Energiegewinnung. "Grundsätzlich glauben wir nicht, dass eine Atomwaffe uns mehr Sicherheit bringen würde. Das ist nicht Teil unserer Doktrin", betonte der iranische Außenminister Kamal Kharrazi am Donnerstag in Rom.

Irans Außenminister Kharrazi: "Nicht Teil unserer Doktrin"
AP

Irans Außenminister Kharrazi: "Nicht Teil unserer Doktrin"

Sein Land, fügte er hinzu, sei sogar bereit, sich jederzeit von der IAEA inspizieren zu lassen. Warum der Iran die Dokumente nicht freiwillig herausgab, obwohl das Land am Golf im vergangenen Jahr zugesagt hatte, die Geheimniskrämerei zu beenden, erklärte Kharrazi allerdings nicht.

Dieses Verhalten schürt die Zweifel an der Version von der beabsichtigten zivilen Nutzung der Zentrifuge noch. Der US-Präsident George W. Bush glaubt eher, dass der Iran eine Atombombe bauen will. Ihm wäre es am liebsten, wenn Staaten wie dem Iran das Produzieren von Nuklearbrennstoff prinzipiell untersagt würde, erklärte er am Mittwoch in einer Rede an der National Defence University. Nach Bushs Willen sollen die Vereinten Nationen auch über Strafen für die Weitergabe von Nukleartechnologie nachdenken. Ähnlich äußerte sich seine Sicherheitsberaterin, Condoleeza Rice.

Hat Iran auch Waffenpläne erhalten?

Befürchtet wird von Insidern überdies, dass der Iran - wie Libyen - auf dem pakistanischen Schwarzmarkt auch einen Plan zum Bau einer Atombombe gekauft haben könnte. Amerikanische Offizielle, berichtete die New York Times am Freitag, hätten dies die Iraner auch schon danach gefragt - bislang aber keine überzeugenden Antworten erhalten.

SPD-Außenpolitiker Erler: "Keine ALternative"
DDP

SPD-Außenpolitiker Erler: "Keine ALternative"

Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Gernot Erler, sagt gegenüber SPIEGEL ONLINE in einer ersten Reaktion: "Die iranische Regierung hat sich offensichtlich noch nicht endgültig von ihren Nuklearplänen verabschiedet." Er plädiere dafür, Entschlossenheit zu zeigen - und auch ökonomische Vereinbarungen zwischen der EU und dem Iran an iranische Zusagen über die Nichtverbreitung von Nukleartechnik zu knüpfen. "Ich glaube, dass es zu einer Containment-Politik auf der Grundlage von Verträgen keine Alternative gibt", so der Außenpolitiker weiter. Der Iran müsse in dieser Hinsicht "ein verlässlicher Partner" werden.

USA drohen mit Konsequenzen

Welche Konsequenzen die Entdeckung der Zentrifugenpläne im Iran haben werden, ist derzeit noch nicht abzusehen. Wahrscheinlich ist, dass USA und EU den Druck auf das Land am Golf deutlich erhöhen und verlangen werden, dem unterzeichneten Protokoll des NVV umfassend nachzukommen.

Doch auch heftigere Sanktionen sind offenbar nicht völlig ausgeschlossen. Erst vor wenigen Tagen erklärte der Staatssekretär im US-Außenministerium, John Bolton, bei einer Podiumsdiskussion in Berlin, dass sich die USA den Einsatz militärischer Gewalt bei der Bekämpfung von Massenvernichtungswaffen vorbehielten. "Die Schurkenstaaten müssen sich auf die Konsequenzen einstellen: Dabei ist keine Option vom Tisch", sagte Bolton. Als einen der "Schurkenstaaten" benannte er unter auch den Iran.



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