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Irans Einfluss in Nahost: Die Angst vor dem "schiitischen Halbmond"

Foto: ? Ali Hashisho / Reuters/ REUTERS

Teherans Milizen im Nahen Osten Irans schiitische Internationale

Iran will mehr Macht in der arabischen Welt. Bagdad und Beirut, Sanaa und Manama, dazu Damaskus: In all diesen Hauptstädten ist die Islamische Republik mit Schiiten-Milizen präsent - teils offen, teils verdeckt.

Jordaniens König Abdullah II. ist eigentlich als solider Staatenlenker bekannt, weniger als Visionär. Doch eine prägnante Wortschöpfung hat der Monarch in den arabischen Sprachgebrauch gebracht.

2004 warnte Abdullah II. in einem Interview vor einem "schiitischen Halbmond", der sich nach dem Sturz des sunnitischen Saddam-Hussein-Regimes von Iran aus über den Irak, Syrien bis zum Libanon erstrecken werde. "Dieser Halbmond wäre sehr destabilisierend für die Golfstaaten und die ganze Region", sagte der jordanische König damals.

Seither ist der "schiitische Halbmond" eine häufig beschworene Schreckensvision, die besonders von den konservativ-sunnitischen Golfstaaten immer wieder erwähnt wird - allen voran von Saudi-Arabien. Das Königreich ist der mächtigste regionale Gegenspieler des schiitischen Regimes in Iran.

"Der schiitische Halbmond"

"Der schiitische Halbmond"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Die saudischen Herrscher wähnen sich mittlerweile umzingelt von Teherans Vasallen. Mit der Furcht vor Iran rechtfertigt Saudi-Arabien nicht nur die brutale Unterdrückung der schiitischen Minderheit im eigenen Land, sondern auch seine Militäroperationen in den Nachbarländern Bahrain und Jemen.

Was also ist dran am saudischen Schreckensbild vom schiitischen Halbmond? Was ist begründete Furcht und was ist Propaganda? Der Überblick.

Libanon

Den linken Rand der Mondsichel bildet der Libanon. Hier nahm die schiitische Revolution ihren Anfang. Nach der israelischen Invasion 1982 schickte Ajatollah Khomeini iranische Revolutionswächter in das Bürgerkriegsland. Sie rekrutierten Kämpfer unter der verarmten und benachteiligten schiitischen Minderheit. Aus diesen Gruppen entstand 1985 die "Partei Gottes", Hisbollah.

Sie ist die einzige Miliz, die nach dem Ende des libanesischen Bürgerkriegs 1990 nicht entwaffnet wurde und ist heute die stärkste militärische Macht im Land - mächtiger als die Armee. Und sie ist zugleich eine politische Macht. Die Hisbollah ist mit mehreren Abgeordneten im Beiruter Parlament vertreten und entsandte Minister ins Kabinett.

Die Hisbollah wird von Iran finanziert und bewaffnet, ihr Chef Hassan Nasrallah erkennt den obersten iranischen Führer Ajatollah Ali Khamenei als Führungsfigur an. Mit der Hisbollah im Südlibanon verfügt die Islamische Republik über einen Brückenkopf direkt an der Grenze zu Israel. Anfang der 2000er Jahre gab es innerhalb der Miliz Bestrebungen, die Hisbollah zu "libanonisieren", also sich vom iranischen Einfluss zu lösen. Diese Versuche sind spätestens mit dem syrischen Bürgerkrieg obsolet geworden.

Denn dort ist die hochdisziplinierte und bestens ausgerüstete Hisbollah inzwischen zu einer der wichtigsten Stützen des Regimes von Baschar al-Assad geworden. Anfangs war die schiitische Miliz vor allem im syrisch-libanesischen Grenzgebiet aktiv. Inzwischen kämpft die Hisbollah auf Geheiß Teherans an nahezu allen Fronten auf Seiten der Regierung in Damaskus. Tausende libanesische Milizionäre sind dabei inzwischen gefallen. Der Syrienkrieg ist für die Hisbollah weitaus verlustreicher als der seit mehr als 30 Jahren währende Konflikt mit Israel.

Syrien

Doch längst haben sich unter der Führung der iranischen Revolutionswächter und der Hisbollah andere schiitische Milizen in Syrien etabliert. Da ist zum einen die "Liwa al-Fatamiyun", eine mehr als zehntausend Mann starke Truppe. Sie rekrutiert ihre Kämpfer unter den Hazara, der schiitischen Minderheit in Afghanistan. Meist werden sie schon nach wenigen Wochen Ausbildung mit falschen Versprechen an die syrische Front geschickt. Hunderte Afghanen wurden so im Kampf verheizt.

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Irans Einfluss in Nahost: Die Angst vor dem "schiitischen Halbmond"

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Ähnliches gilt für die Miliz "Liwa Zainabiyun", in der pakistanische Schiiten in Syrien kämpfen. Die Gruppe zählt mehrere Hundert Kämpfer und hat sich 2015 als Ableger der "Liwa al-Fatamiyun" gegründet. Beide Milizen machen schon mit ihrem gelben Banner, das ein grüner Schriftzug mit einer Kalaschnikow ziert, deutlich, dass sie sich am Vorbild Hisbollah orientieren - deren Logo sieht fast genauso aus.

Weniger als fünf Prozent der Syrer sind selbst Schiiten, deshalb spielen einheimische schiitische Milizen nur eine untergeordnete Rolle im Bürgerkrieg. Die Wichtigste von ihnen ist die "Liwa al-Baqir". Mehrere Tausend Kämpfer gehören der Miliz an, die unter anderem in der Schlacht um Aleppo auf Regimeseite kämpfte. Nach eigenen Angaben hat die Gruppe Hunderte Männer im Kampf verloren.

Ähnlich wie die Hisbollah im Libanon verfolgt auch die "Liwa al-Baqir" politische Ziele. Die Miliz stellte eigene Kandidaten bei der Parlamentswahl 2016 auf, die den Sprung in die Nationalversammlung schafften.

Irak

In Syrien halten Irans Revolutionswächter und Milizionäre Diktator Baschar al-Assad an der Macht, im Irak ist Ministerpräsident Haider al-Abadi in ähnlicher Weise von Teherans Unterstützung abhängig.

Als die USA 2003 Diktator Saddam Hussein stürzte, kam auch das schiitische Badr-Korps in den Irak - eine Miliz, die seither Jahr für Jahr mächtiger wird.

Kämpfer der "Badr"-Organisation auf dem Weg nach Tal Afar im November 2016.

Kämpfer der "Badr"-Organisation auf dem Weg nach Tal Afar im November 2016.

Foto: Ahmed Jalil/ dpa

Die in den frühen Achtzigerjahren gegründete Badr-Gruppe bestand ursprünglich aus irakischen Exilanten um den einflussreichen Ajatollah Mohammed Bakir al-Hakim, die unter Saddam Hussein verfolgt wurden. Seit ihrer Gründung unterstehen die Badr-Kämpfer den iranischen Revolutionswächtern. Sie sind ihre ideologischen und militärischen Ziehväter.

Die Badr-Organisation verfügt über weit mehr als 10.000 Mann unter schweren Waffen. Mit ihnen kämpfen sie als Teil der al-Haschd al-Schaabi (Volksmobilisierungseinheiten) gegen die sunnitische Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Dabei verüben sie auch immer wieder selbst Verbrechen. So etwa im März 2015, als Badr-Kämpfer nach der Einnahme der Stadt Tikrit Hunderte sunnitische Zivilisten lynchten und ganze Dörfer dem Erdboden gleichmachten, um dadurch eine Rückkehr geflüchteter Sunniten zu verhindern.

Auch abseits der Schlachtfelder ist die Badr-Organisation mittlerweile eine Macht. Ganz ähnlich der Hisbollah im Libanon kontrolliert die Badr-Organisation einen eigenen Landesteil - die an Iran grenzende Provinz Diyala - und stellt den irakischen Innenminister. Somit sitzt das Regime in Teheran stets mit am Kabinettstisch der irakischen Zentralregierung in Bagdad.

Jemen

Immerhin gibt es im Irak noch eine halbwegs funktionierende Zentralregierung, davon ist der Jemen weit entfernt. Im dortigen Bürgerkrieg, der bislang rund zwei Millionen Menschen in die Flucht getrieben hat, mindestens 10.000 Zivilisten das Leben kostete und in dessen Folge 80 Prozent der Bevölkerung zum Überleben auf internationale Hilfe angewiesen ist, kämpft jeder gegen jeden.

Seit März 2015 geht eine Militärallianz unter Führung von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten gegen die von Iran unterstützte Huthi-Miliz vor. Die Huthis hatten ihr traditionelles Herrschaftsgebiet im Nordwesten des Landes seit 2012 ausgeweitet, im September 2014 Sanaa erobert und Präsident Hadi aus der Hauptstadt vertrieben. Unterstützung erhielten die Huthis dabei einerseits von Ali Abdullah Salih, dem 2011 geschassten Ex-Langzeitpräsidenten des Jemen, und andererseits durch Iran.

Die Regierung in Teheran hat 2011 damit begonnen, sich im Jemen, dem Hinterhof des saudischen Königreichs, zu engagieren. Hunderte Kämpfer soll Iran seither militärisch ausgebildet und eine Zeitlang Waffen auf dem Seeweg geliefert haben. Zudem betreiben die Huthis mit Unterstützung der Hisbollah einen eigenen TV-Sender, "al-Masira", in der libanesischen Hauptstadt Beirut.

Dass die Huthis keine sogenannten Zwölfer-Schiiten sind, wie die Iraner selbst, sondern Zaiditen, eine Strömung des Schiitentums, stört in Teheran niemanden. Die religiöse Autokratie kann pragmatisch sein, wenn es den eigenen Zielen nutzt. Das ist im Jemen der Fall. Während Saudi-Arabien und seine Verbündeten Unsummen ausgeben, um die Huthis zu bekämpfen, ohne dass ihnen das wirklich gelänge, verfolgt Iran eine im Kosten-Nutzen-Verhältnis wesentlich günstigere Politik der Nadelstiche, die ihre sunnitischen Widersacher schmerzt.

Bahrain

Ein ähnliches Szenario könnte sich in Bahrain abspielen. Der Großteil der einheimischen Bevölkerung in dem Zwergstaat von der Größe Hamburgs sind Schiiten. Sie werden aber von einem sunnitischen Herrscherhaus regiert. Weil der Inselstaat im Golf einst von Persern beherrscht wurde, erhebt Iran immer mal wieder Herrschaftsansprüche. Iranische Politiker bezeichnen Bahrain gerne als verlorene Provinz, die eigentlich wieder unter Teherans Kontrolle gestellt werden müsste.

Proteste gegen die Regierung von Bahrain nahe der Hauptstadt Manama im Jahr 2012. (Archiv)

Proteste gegen die Regierung von Bahrain nahe der Hauptstadt Manama im Jahr 2012. (Archiv)

Foto: HAMAD I MOHAMMED/ REUTERS

Entsprechend alarmiert war Saudi-Arabien, die Schutzmacht des sunnitischen Herrscherhauses, als im Zuge des sogenannten Arabischen Frühlings 2011 Zehntausende Bahrainer gegen das Königshaus protestierten. Saudi-arabische Truppen machten dem Aufstand schließlich gewaltsam ein Ende.

Ursprünglich spielte die religiöse Komponente bei den Protesten nur eine untergeordnete Rolle, doch inzwischen droht Saudi-Arabiens Vorwurf, Iran plane einen gewaltsamen Umsturz in Bahrain, zur selbsterfüllenden Prophezeiung zu werden. Nachdem entsprechende Behauptungen aus Riad und Manama lange als Propaganda abgetan wurden, haben inzwischen auch westliche Geheimdienste Hinweise darauf, dass die Revolutionswächter junge Bahrainer militärisch ausbilden und bewaffnen.

Namentlich bekannt sind die militanten Untergrundgruppen "Saraya al-Ashtar" und "Saraya al-Mukhtar". Sie haben sich zu Dutzenden Brandanschlägen auf Polizei und Sicherheitskräfte in Bahrain bekannt. Seit Jahresbeginn hat das Regime in Manama mehrere angebliche Mitglieder der beiden Gruppen hingerichtet.

Doch die Unzufriedenheit bei der schiitischen Jugend in Bahrain ist groß und die iranische Küste nicht weit. Ein idealer Nährboden für Teheran, weitere militante Anhänger in dem Golfstaat zum bewaffneten Kampf gegen das Regime anzustacheln.

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