Netanjahus Iran-Rede vor der Uno Der Krachmacher

Benjamin Netanjahu wird auf der Uno-Vollversammlung heute wieder vor Irans Atomprogramm warnen. Doch Israels Premier kann kaum verbergen, dass er mit seinem Kurs gescheitert ist. Er hat zwar die Welt mobilisiert - aber vor allem gegen die eigenen Angriffsplanspiele.

Israels Premier Netanjahu: Krawall auf der roten Linie
REUTERS

Israels Premier Netanjahu: Krawall auf der roten Linie

Aus New York berichtet Juliane von Mittelstaedt


Israel ist bereit für den Krieg. Es hat sein Militär aufgerüstet, Angriffspläne geschmiedet und Piloten trainiert, Städte haben Raketeneinschläge simuliert, es wurden Bunker entstaubt, Gasmasken erneuert und an jeden Haushalt Broschüren verteilt, die informieren, wo es bei Raketenangriffen am sichersten ist. Sogar das ARD-Studio in Tel Aviv schaffte Überlebensrucksäcke, Funkgeräte, Müsliriegel, Schutzanzüge, Helme und Taschenmesser an, als würde morgen die iranische Armee vor der Tür stehen.

Eilig geführte Umfragen ergaben angeblich, dass eine Mehrheit der Israelis diesen Krieg fast schon herbeisehnt, egal um welchen Preis. Nur lässt der Schlag gegen Irans Nuklearanlagen auf sich warten. Und inzwischen sieht es so aus, als könnte es einen Angriff frühestens 2013 geben. Wenn überhaupt.

In diesen Tagen wird auf der Uno-Weltbühne mal wieder das gleiche Stück aufgeführt: Israel, Iran und die Bombe. Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad hetzte wie immer gegen Israel, US-Präsident Barack Obama bekräftigte seine Drohung, Iran dürfe keine Atomwaffen erhalten. Und auch der israelische Premier Benjamin Netanjahu wird in seiner Rede an diesem Donnerstag wieder sagen, dass Iran die größte Gefahr für Israel und die Welt ist - und sein Land entsprechend handeln werde.

So weit, so vorhersehbar.

Netanjahu kommt als Verlierer nach New York

Doch all dieses Kriegsgetrommel verbirgt kaum, dass Netanjahu nicht als Sieger, sondern als Verlierer nach New York fährt. Die diesjährige Rede vor der Uno sollte der Höhepunkt seiner Kampagne für einen Militärschlag gegen Iran werden, doch mit seinen Kriegsdrohungen hat er nicht die Welt gegen Iran mobilisiert, sondern gegen einen israelischen Angriff.

So hat Obama in den vergangenen Wochen klargemacht, dass Amerika nicht vorhat, für Israel in einen Präventivkrieg zu ziehen, nicht nach den Wahlen und erst recht nicht davor. Es gebe noch Raum und Zeit für Diplomatie, das bekräftigte Obama in seiner Uno-Rede am Dienstag.

Ein Rückschlag für Netanjahu, denn damit ist die Drohung vom unmittelbar bevorstehenden Angriff geplatzt, die Israel aufgebaut hat, mit all seinen Vorbereitungen. Eine Drohung, gerichtet an Teheran, aber mehr noch an Washington, dass Israel Iran angreifen werde, um jeden Preis, notfalls auch allein. Vielleicht sogar noch vor der US-Präsidentschaftswahl im November, denn dann, so das israelische Kalkül, könne Barack Obama wohl kaum zusehen, wie Raketen auf Tel Aviv regnen.

Der laut Netanjahu einzige Ausweg, Israel von diesem Abenteuer abzuhalten: Die USA verpflichten sich zu einem Angriff, sobald Iran eine bestimmte "rote Linie" überquert. Und zwar nicht erst, wie Obama bereits versprochen hat, sobald Iran eine Atombombe baut, sondern bereits dann, wenn Iran die Fähigkeit und genug hochangereichertes Uran hat, eine Bombe zu bauen. Das wäre vielleicht sehr bald.

Obama lehnt einen Präventivschlag deutlich ab

"Wir drohen nicht Iran, wir drohen Amerika", beschreibt Ami Ajalon, einst Chef des israelischen Geheimdienstes Schin Bet, Netanjahus Strategie. "In den vergangenen drei Jahren hat die israelische Führung sich nicht wie ein verantwortungsvoller Erwachsener, sondern wie ein durchgeknalltes Kind verhalten. Sie wollten zeigen: Wenn ihr uns nicht zurückhaltet, dann handeln wir allein, und wir ziehen euch mit in diesen Konflikt, vielleicht sogar in einen Krieg."

Alles war Teil dieser Strategie, sagt Ajalon: die Vorbereitungen, die Medienberichte, die Äußerungen von Politikern, Diplomaten, Geheimdienstchefs, Militärs. Zunächst hat es funktioniert: Trotz Euro- und Wirtschaftskrise, trotz des geringen Interesses der USA an einem erneuten Konflikt in Nahost steht Iran ganz oben auf der Tagesordnung der Welt, es wurden scharfe Sanktionen eingeführt und Verhandlungen aufgenommen.

Doch nun, sagt Ajalon, zeigten sich die negativen Konsequenzen dieser Strategie: Netanjahu hat Obama so weit in die Ecke getrieben, dass die Amerikaner nun mit einer Reihe verbaler Gegenschläge gekontert hätten - bis hin zu der öffentlichen Erklärung, dass die USA bei einem israelischen Angriff nicht zum "Komplizen" werden wolle. Und deutlich war Obama in seiner Ablehnung eines Präventivschlags zuletzt am Montag in einem Interview mit dem Sender CBS: "Wenn es um Entscheidungen unserer nationalen Sicherheit geht, ist der einzige Druck, den ich spüre, das Richtige für die Bürger Amerikas zu tun. Und ich blende jeden anderen Lärm da draußen aus."

Der Lärm, das ist Netanjahu.

Präsident Peres spricht sich gegen einen Alleingang aus

Die USA hätten kein "moralisches Recht", Israel von einem Angriff abzuhalten, wenn sie Iran keine rote Linie setzten, polterte der vor drei Wochen. Er stritt mit dem US-Botschafter in Israel, ließ offenbar Geheimdiensterkenntnisse durchstechen und wandte sich auch noch mittels CNN und NBC direkt an das amerikanische Fernsehvolk und erklärte zur besten Sendezeit, nur ein Ultimatum könne einen Krieg verhindern, die Iraner seien "auf den letzten 20 Yards" vor der Ziellinie, man könne ihnen keinen "Touchdown" erlauben. Und das wenige Wochen vor den US-Wahlen, während Muslime weltweit gegen die USA protestieren.

Doch je mehr die Debatte über einen israelischen Angriff in den vergangenen Monaten eskalierte, desto mehr Leute äußerten sich - und das schadet jetzt der israelischen Angriffsdrohung. Denn es wurde deutlich, dass Netanjahu auch in Israel keine Mehrheit für einen Alleingang hat. Einige Geheimdienstchefs und der Armeechef sollen gegen einen Angriff zu diesem Zeitpunkt sein, Präsident Schimon Peres und auch der Verteidigungsminister haben sich öffentlich dagegen geäußert.

Außerdem wurden in den USA in den vergangenen Wochen zwei Berichte veröffentlicht, die einen Alleingang Israels als uneffektiv, ja sogar gefährlich beschreiben.

  • Der eine Bericht ist von Anthony Cordesman, einem US-Verteidigungsexperten vom Center for Strategic and International Studies. Seine Schlussfolgerung: Die erste Angriffswelle müsse Labors, Anreicherungsanlagen, Raketenbasen, Luftabwehr und Stromnetz zerstören, danach müssten die Angriffe über einen längeren Zeitraum wiederholt werden. Nur die USA, schreibt er, wären zu einer solch großangelegten Kampagne in der Lage. Israel verfüge weder über entsprechende Bomben noch über eine ausreichende Zahl an Kampf- und Tankflugzeuge, so dass ein Angriff höchstens oberflächliche Zerstörung anrichten und einen Zeitgewinn von ein bis zwei Jahren bringen würde.
  • Zu einem ähnlichen Schluss kommen die 30 hochrangigen amerikanischen Ex-Diplomaten, Generäle und Sicherheitsberater, die sich im "Iran Project" zusammengeschlossen haben. Auch sie geben einem israelischen Angriff maximal einen Zeitgewinn von zwei Jahren. Ihr Bericht betont zusätzlich, ein israelischer Alleingang sei deshalb so gefährlich, weil er einen globalen Krieg auslösen und die Sanktionspolitik zusammenbrechen lassen würde.

Netanjahu treibt eher innenpolitisches Kalkül

Die Experten entkräften auch ein Argument, das in Israel gerne für einen Militärschlag angeführt wird: die erfolgreiche Bombardierung der Reaktoren im Irak und in Syrien. 1981 und 2007 hatte Israel diese Reaktoren zerstört, ohne dass Saddam Hussein und Baschar al-Assad reagierten. Zumindest in Syrien führte das dazu, dass das Nuklearprogramm endete, im Irak erledigte das später der Golfkrieg. Doch die Lage in Iran sei sehr anders, die Anlagen lägen weit voneinander entfernt, seien teils tief verbunkert, und Iran würde danach wohl noch motivierter den Bombenbau anstreben.

"Ein israelischer Angriff ist möglich, wir wissen, wie das geht. Israel und die USA haben da die gleichen Möglichkeiten", meint Jizchak Ben-Israel, der es wissen muss, denn er hat die beiden Angriffe mitgeplant. Trotzdem sieht er einen israelischen Alleingang skeptisch. "Die entscheidende Frage ist, was am Tag danach passiert." Anders als im Irak und in Syrien sei Iran nicht abhängig von fremden Wissenschaftlern, es könne zerstörte Anlagen schnell wieder aufbauen - und dann sofort eine Bombe bauen, ohne internationale Kontrollen.

Die Hektik Netanjahus habe mehr mit innenpolitischem Kalkül zu tun als mit echter Notwendigkeit. "Schon jetzt haben die Iraner offenbar Gründe, keine Bombe zu bauen", sagt Ben-Israel, die Abschreckung funktioniere also. Außerdem, sagt der Generalmajor im Ruhestand, wäre es für die Iraner sehr schwer, unbemerkt eine Bombe zu bauen - es blieben immer noch einige Monate zum Handeln. Und überhaupt seien die Anlagen ohnehin schon alle soweit verbunkert, dass es keinen Unterschied mehr mache, ob man jetzt oder in einigen Monaten angreife.

Es komme daher mehr darauf an, eine internationale Koalition zu schmieden, die Iran einen Angriff glaubhaft androht. Denn aus Netanjahus Schlagabtausch mit Obama könnte Teheran nun folgern, dass die Welt im Ernstfall nicht geschlossen gegen eine iranische Bombe vorgehen werde - und anfangen zu bauen.

So hätte Netanjahu die Gefahr geschaffen, die er eigentlich verhindern wollte.

insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
Emil Peisker 27.09.2012
1. den Krieg "Jetzt" aufzwingen
Zitat von sysopREUTERSBenjamin Netanjahu wird auf der Uno-Vollversammlung heute wieder vor Irans Atomprogramm warnen. Doch Israels Premier kann kaum verbergen, dass er mit seinem Kurs gescheitert ist. Er hat zwar die Welt mobilisiert - aber vor allem gegen die eigenen Angriffsplanspiele. Iran-Drohungen: Benjamin Netanjahu kommt als Verlierer zur Uno - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/iran-drohungen-benjamin-netanjahu-kommt-als-verlierer-zur-uno-a-857933.html)
Er, Netanjahu hat die Oslo-Verträge Rabins in die Tonne getreten und ein Friedensverzögerungsprojekt daraus gemacht. Jetzt wollte er Obama den Krieg "Jetzt" aufzwingen. Wenn Romney gewählt wird, wird für Netanjahu die Chance wesentlich größer, dass er die USA in seine Strategie einbauen kann. Man kann den Amerikanern nur wünschen, den richtigen Mann zu wählen.
brokerbundfuture1 27.09.2012
2. warum muss schon wieder
in diesem verdammten Nahen Osten permanent Kriegsstimmung herrschen ? Mal der und dann der nächste, und wieder Isreal und dann Lybien und, und, und...wir sollten uns da raushalten und zwar für immer
TheBear 27.09.2012
3. Nicht sicher
Zitat von sysopREUTERSBenjamin Netanjahu wird auf der Uno-Vollversammlung heute wieder vor Irans Atomprogramm warnen. Doch Israels Premier kann kaum verbergen, dass er mit seinem Kurs gescheitert ist. Er hat zwar die Welt mobilisiert - aber vor allem gegen die eigenen Angriffsplanspiele. Iran-Drohungen: Benjamin Netanjahu kommt als Verlierer zur Uno - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/iran-drohungen-benjamin-netanjahu-kommt-als-verlierer-zur-uno-a-857933.html)
Da bin ich mir nicht so sicher. Solange man berichtet: US-Präsident Barack Obama bekräftigte seine Drohung, Iran dürfe keine Atomwaffen erhalten, und nicht Wir werden dafür sorgen, dass weder der Iran noch Israel Atomwaffen haben hat Israel die besseren Karten, und jegliche Bewegung in Richtung einer mehr friedlichen Entwicklung kann getrost vergessen werden..
Niederbayer 27.09.2012
4.
Zitat von sysopREUTERSBenjamin Netanjahu wird auf der Uno-Vollversammlung heute wieder vor Irans Atomprogramm warnen. Doch Israels Premier kann kaum verbergen, dass er mit seinem Kurs gescheitert ist. Er hat zwar die Welt mobilisiert - aber vor allem gegen die eigenen Angriffsplanspiele. Iran-Drohungen: Benjamin Netanjahu kommt als Verlierer zur Uno - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/iran-drohungen-benjamin-netanjahu-kommt-als-verlierer-zur-uno-a-857933.html)
Vielleicht sollte Netanjahu es mal anders versuchen. Gebt die illegalen Siedlungen auf und zieht Euch aus den illegal besetzten Gebieten zurück. Es gibt natürlich keine Garantie, aber das würde sicherlich helfen, die Lage in der Region zu beruhigen.
dani216 27.09.2012
5. Ich denke mal, es ist
eher Ahmadinedschad, der einen Angriff der Israelis braucht. Dann hat er endlich jedwede Rechtfertigung, zurückzuschlagen. Die Zeit läuft für ihn.
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