Wahlkampf in Iran Der Twitter-Hardliner

Der iranische Hardliner Said Dschalili gilt als langweilig. Nun versucht der Präsidentschaftsbewerber, seinen Wahlkampf aufzupeppen - durch Twittern und Bloggen. Selbst sein Förderer und Großajatollah Ali Chamenei nutzt das soziale Netzwerk. Dabei ist Twitter in Iran eigentlich verboten.

Said Dschalili: Irans Atomunterhändler gilt als Ajatollah-Getreuer und ist nun auf Twitter
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Said Dschalili: Irans Atomunterhändler gilt als Ajatollah-Getreuer und ist nun auf Twitter


Said Dschalili hat ein neues Medium für seine berüchtigten Monologe gefunden - Twitter. Erst seit wenigen Tagen hat Irans möglicher Kandidat für die Präsidentschaftswahlen dort ein Konto. Dennoch hat er bereits über 210 Tweets abgesetzt. Der 47-jährige Dschalili ist bekannt für seinen Redefluss. Bei internationalen Treffen redet er gern stundenlang, vor allem über Dinge, die eigentlich nichts zur Sache tun.

Seit 2007 ist er Vorsitzender des Obersten Sicherheitsrats und damit Irans Atomunterhändler. Bei seinem ersten Auftritt als solcher referierte Dschalili in aller Ausführlichkeit über seine Doktorarbeit, eine religiöse Abhandlung über Außenpolitik im Sinne des Korans. Westliche Diplomaten fangen regelmäßig an zu stöhnen, wenn er das Wort ergreift.

Dschalili gilt als erzkonservativer Ideologe und treuer Ergebener des Großajatollahs Ali Chamenei. Mit 35 Jahren war er bereits Leiter des Büros des obersten Revolutionsführers. Den Koran soll Dschalili komplett auswendig rezitieren können und sogar versucht haben, Fidel Castro bei einem Besuch in Kuba zum Islam zu bekehren. Auf den ersten Blick scheint es daher umso erstaunlicher, dass ausgerechnet dieser Iraner seinen Wahlkampf nun auf Twitter und Google+ führt und auch noch bloggt.

Die religiösen Gelehrten entdecken die sozialen Netzwerke

Iran gehört zu den Ländern mit der strengsten Internetzensur. Facebook, Twitter und Youtube werden blockiert. Aufrufbar sind sie in der Islamischen Republik nur, wenn man sich um die Internetsperre herummogelt - was Millionen Iraner machen. Die sozialen Netzwerke galten als Revier der Protestbewegung nach den Wahlen 2009. Sie dokumentierte dort die Gewalt, mit der ihre Demonstrationen unterdrückt wurden.

Selbst Google blockierte Teheran 2012. Nachdem jedoch einige iranische Abgeordnete sich beschwerten, dass sie ihre E-Mails nicht mehr lesen konnten, wurde Googles Nachrichtenprogramm wieder freigegeben.

Dschalilis Twitter-Kampagne ist jedoch kein Akt der Rebellion. Er weiß den wichtigsten Mann der Islamischen Republik hinter sich, den Großajatollah höchstpersönlich. Chamenei ist seit kurzem auf Twitter, Facebook, Google+ und sogar Instagram vertreten. Teheran hat erfolgreich die Protestbewegung 2009 niedergeschlagen. Nun scheinen die Religiösen die sozialen Netzwerke schätzen zu lernen - als Medium für ihre eigenen Botschaften.

Dschalili gilt als einer der Favoriten von Chamenei. Vom Obersten Revolutionsführer dürfte er grünes Licht für seine Internetkampagne bekommen haben. Sie soll dem Präsidentschaftsanwärter über sein größtes Handicap hinweghelfen: Die Iraner halten ihn für einen Langweiler.

Dschalili präsentiert Fotos aus seiner Jugendzeit

Seine Blitzkarriere verdankt Dschalili seiner Linientreue, nicht seiner Popularität. Mehrere Wahlkämpfe hat Dschalili bereits verloren: 2000 und 2004 versuchte er, Parlamentsabgeordneter seiner Heimatstadt Maschhad zu werden, und scheiterte jeweils. Getwittert wird nun auf Farsi, Englisch und Arabisch, drei Sprachen, die er fließend beherrschen soll.

Der Hardliner versucht, mit Volksnähe zu punkten. So prangert Dschalili in seinen Tweets etwa die Wahlabsprachen an, die einige seiner konservativen Kollegen untereinander schmieden, um sich nicht gegenseitig die Stimmen wegzunehmen: "Mein Bündnis besteht mit dem iranischen Volk - das Volk plus eins." Gegen seine Konkurrenten polemisiert er: "Manche Politiker vertreten heute eine Sichtweise und morgen das exakte Gegenteil, wie das Fähnchen im Wind."

Sich selbst den Iranern näherzubringen, versucht Dschalili mit Fotos aus der Jugendzeit. Auf seiner Webseite sind Bilder zu sehen, die ihn in Uniform zeigen, quasi als echten Revolutionär. In dem jahrelangen, brutalen Krieg gegen den Irak kämpfte Dschalili an vorderster Front. Kaum eine Gelegenheit lässt er aus, um dies zu erwähnen. Auch auf Twitter postet er ein Soldatenfoto und erinnert daran, dass er bei diesen Kämpfen seinen rechten Unterschenkel verlor.

Obwohl erst seit kurzem ein Twitterer, beherrscht Dschalili schon die Hashtags perfekt. Unter "WhyVote4Jalili" führt er seine Bescheidenheit auf. Gleichzeitig lässt er jedoch keine Gelegenheit aus, um seinen Doktortitel zu erwähnen. Augenrollen dürfte ein weiterer "WhyVote4Jalili"-Tweet auslösen. Dort verkauft sich der Vielredner als Macher: "Er spricht wenig und handelt viel."



insgesamt 11 Beiträge
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henrik-flemming 17.05.2013
1. Die Iraner werden nicht gefragt
Dass Jalili der nächste Präsident wird ist ja wohl schon ausgemacht, die Wahlzettel sind schon ausgefüllt und ein Argusauge bewacht die echten Iraner, sollten die etwa sich anderweitig betätigen als es Chameini recht ist. Das heisst soviel, die Taktik des Honigtopfes spielen, wo man potentielle Oppositionelle neutralisieren kann und seine Macht weiter ausbauen kann. Wenn es schon, wie im vergangenen Monat zu grossen Protesten in Isfahan bei denen 5 Menschen erschossen wurden und weitere 17 gehängt wurden. wegen einer Wasserpipeline nach Yazd gekommen ist, so liegen bei den echten Iranern (und nicht den Pseudo-) die Nerven blank.
massiv 17.05.2013
2. Es ist komplizierter
Leider ist die Lage in Iran bisschen komplizierter, die Bevölkerung in den großen Städte sind gegen das Regime, während die streng konservative Bevölkerung auf dem Land für diese ist. Leider leben in Iran viel mehr auf dem Land als in den Städten, daher ist es normal das sich dieses System halten kann. Ich würde es viel mehr begrüßen, wenn die Redakteure der Spon mehr Artikel über die arabischen Königshauser verfassen könnten wo eine Familie meist regiert und es nicht mal Wahlen gibt, Frauen nicht Auto fahren dürfen! In Iran arbeiten Frauen als Taxi Fahrerin!
spon-facebook-1633630545 17.05.2013
3. S-elections
Von Wahlen kann im Iran keine Rede sein. Denn zur Wahl stehen nur Repräsentanten des verhassten Mullah Regimes, die alle samt von den Iranern abgelehnt werden. Der Islam grundsätzlich wird mittlerweile als eine menschen- und iranerfeindliche Ideologie betrachtet und oftmals missachtet. Die Iraner sind eines der jüngsten Völker weltweit, mit hervorragender Bildung, und einer Vorliebe für vieles westliche. Nach den Wahlfälschungen von 2009 wird die Wahlbeteiligung sehr sehr gering sein, was aber das Regime nicht abhalten wird eine Beteiligung von 60-75% zu verkünden, mit einem Präsidenten der wie er auch immer heißen mag mit Sicherheit nicht der Repräsentant des Volkes sein wird.
Glos 17.05.2013
4. Wahlen?
Ich gebe meinem henrik-flemming absolut recht. Die Stimmzettel sind längst ausgefüllt und der Sieger wurde dann laut iranischen regierungstreuen Medien mit 98% der Stimmen gewählt. Was mich jedoch wundert, dass Twitter von besagtem Herren genutzt wird. Wie dem Beitrag zu entnehmen ist Twitter & Co im Iran verboten. Auch wenn die Regierung weiß, dass der Großteil der Bevölkerung die sozialen Netzwerke benützt, so hätte ich erwartet, dass diese Tatsache trotzdem verleugnet und verheimlicht wird.
spon-facebook-1633630545 17.05.2013
5. @massiv
Die Lage ist wirklich etwas komplizierter aber nicht aus den von Ihnen vorgebrachten Gründen. Der Iran ist stark urbanisiert, ca. 70 % leben in Städten. Selbst in der Provinz sind die Menschen mehrheitlich gegen das Regime, selbst wenn man dort noch religiöse findet. Zumal auch die Landbevölkerung keine homogene Gruppe darstellt. Da alle ethnischen Minderheiten wie Kurden, baluchen, Azari, Araber systematisch unterdrückt werden sie das Mullahregime ebenfalls nicht unterstützen. Zumal es vermehrt Berichte gibt, dass Proteste und Unruhen in der Provinz zunehmen. Die Wirtschaft wurde von den Mullahs ruiniert und die Landbevölkerung leidet noch mehr als der Rest. Ihre Gleichung, dass religiöse für das Regime sind hinkt gewaltig. Das Regime hat in der Vergangenheit kritische islamische Gelehrte genauso unterdrückt, wie den Rest der Menschen. Jeder Iraner weiß was man mit Ayatollah Montazeri gemacht hat, dem ranghöchsten Mullah im Iran.
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