Tote Fußballanhängerin in Iran Das Fanal des blauen Mädchens

Iran im Jahr 2019: Eine Frau wird festgenommen, weil sie ein Fußballspiel besuchen will. Sie zündet sich nach einem Gerichtstermin an und erliegt ihren Verletzungen. Nun debattiert das Land erneut über das Stadionverbot für Frauen.

Weibliche Fußballfans in Teheran (Bei der Fußball-WM 2018)
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Weibliche Fußballfans in Teheran (Bei der Fußball-WM 2018)

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Am 12. März wollte Sahar Khodayari ein Fußballspiel besuchen. Ihre Lieblingsmannschaft Esteghlal Teheran spielte an jenem Abend in der asiatischen Champions League gegen al-Ain aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die junge Frau, 29, kam nicht weit: Am Eingang zum Azadi-Stadion in Teheran wurde sie festgenommen.

Azadi heißt übersetzt "Freiheit" - aber für Frauen, die ins Stadion gehen wollen, gibt es in Iran keine Freiheit. Nach der Islamischen Revolution 1979 verboten die schiitischen Geistlichen 1981 den Frauen, Fußballspiele von Herrenteams im Stadion anzuschauen. Die Iranerinnen sollten dadurch von der maskulinen Atmosphäre auf den Tribünen geschützt werden, heißt es zur Begründung.

Frauen schaffen es nur auf die Tribünen, wenn sie sich als Männer verkleiden. Auch Khodayari soll versucht haben, den Ordnern mit einer blauen Perücke und einem langen Mantel vorzutäuschen, sie sei ein Mann. Die iranische Justiz warf Khodayari vor, sie habe am Stadion Widerstand gegen Sicherheitskräfte geleistet. Sie blieb mehrere Tage im Gefängnis, bevor sie gegen Kaution freigelassen wurde.

Die Schwester der Toten berichtet von einer bipolaren Störung

Die Justiz leitete gegen die Frau ein Verfahren wegen Beleidigung der öffentlichen Ordnung und der Polizei ein. Am 2. September sollte vor Gericht eine erste Anhörung zu dem Fall stattfinden. Diese wurde kurzfristig abgesagt, weil der Richter wegen eines Trauerfalls in seiner Familie nicht erschien. Bei dem Termin soll Khodayari aber erfahren haben, dass ihr bis zu sechs Monate Gefängnis drohen.

Nach dem Verlassen des Gerichtssaals zückte die Frau eine Flasche, die mit einer brennbaren Flüssigkeit gefüllt war, und setzte sich selbst in Brand. Sie erlitt schwerste Verbrennungen. Ein behandelnder Arzt berichtete, dass 90 Prozent ihrer Haut verbrannt sei und sie künstlich beatmet werde. Am Montag, eine Woche nach der Selbstverbrennung, ist Khodayari in einem Teheraner Krankenhaus ihren Verletzungen erlegen.

Ihre Schwester sagte dem iranischen Onlineportal "Rokna", bei Khodayari sei vor zwei Jahren eine bipolare Störung diagnostiziert worden und sie habe sich deshalb in ärztlicher Behandlung befunden. Durch die Inhaftierung und die Angst vor einer Gefängnisstrafe habe sich die Krankheit verschlimmert. Die Familie habe alle medizinischen Unterlagen der Justiz übergeben, trotzdem sei die Frau vor Gericht behandelt worden wie eine gesunde Person.

Kritik vom Nationalmannschaftskapitän

Khodayaris Selbstverbrennung hat in Iran die Kritik an dem Stadionverbot für Frauen noch einmal lauter werden lassen. Viele nehmen Anteil am Schicksal des sogenannten blauen Mädchens - benannt nach den Farben ihrer Lieblingsmannschaft Esteghlal. Unter anderem verurteilte Nationalmannschaftskapitän Masoud Shojaei in einem Instagram-Post die Regelung: "Die Selbstverbrennung einer Frau, die angeklagt wurde, weil sie ein Fußballspiel gucken wollte - das Resultat scheußlichen und widerwärtigen Denkens - wird für zukünftige Generationen völlig unverständlich sein", schrieb Shojaei. Der Fußballer hatte bereits in der Vergangenheit kritisiert, dass seiner Mutter, seiner Schwester, seiner Frau der Stadioneintritt verboten ist.

Die Parlamentsabgeordnete Parvaneh Salahshouri twitterte: "Wo Männer über das Schicksal von Frauen entscheiden und sie ihrer grundlegenden Menschenrechte berauben und wo Frauen den Männern in ihrer Tyrannei helfen, sind wir alle dafür verantwortlich, dass Frauen in diesem Land eingesperrt und verbrannt werden."

Iran ist das einzige Land der Welt, das Frauen generell den Zutritt zu Fußballspielen verweigert. Irans Präsident Hassan Rohani hatte 2018 gefordert, dass Frauen an Sportveranstaltungen teilnehmen dürften. Allerdings gibt es noch immer mächtige konservative Kräfte wie Generalstaatsanwalt Mohammad Javad Montazeri. "Wenn eine Frau ins Stadion geht und halbnackte Männer sieht, ist dies eine Sünde", sagte er im vergangenen Jahr, nachdem eine kleine Gruppe Frauen zum Freundschaftsspiel Iran gegen Bolivien ins Azadi-Stadion gelassen wurde.

Das war eine Ausnahme - ebenso wie die Zulassung von Zuschauerinnen zum Public Viewing im Azadi-Stadion während der Fußball-WM 2018. Der iranische Fußballverband FFIRI verstößt mit seinem Stadionverbot für Frauen weiterhin gegen Artikel 4 der Statuten des Weltverbandes Fifa, der die Diskriminierung gegen Frauen "strikt verbietet" und bei Zuwiderhandlung mit Suspendierung oder Ausschluss droht.

Gegen Kambodscha will Iran Frauen ins Stadion lassen

Die Fifa hat der Diskriminierung von Frauen in Iran jahrzehntelang tatenlos zugesehen. Im vergangenen Jahr besuchte Fifa-Boss Gianni Infantino das Teheraner Lokalderby zwischen Esteghlal und Persepolis. Rund um das Spiel wurden mehrere Frauen festgenommen - von Infantino war trotzdem weder zum generellen Stadionverbot noch zu den Festnahmen ein kritisches Wort zu hören.

Im Juni dieses Jahres änderte der Fifa-Chef dann seinen Kurs: In einem Brief forderte Infantino den FFIRI auf, sicherzustellen, dass künftig alle iranischen und ausländischen Frauen Tickets kaufen und Spiele im Stadion ansehen können. Trotzdem nahmen Sicherheitskräfte im August erneut vier Frauen fest, die in Teheran ein Fußballspiel besuchen wollten. Unter ihnen war auch Zahra Khoshnavaz. Sie hat inzwischen landesweite Berühmtheit erlangt, weil es ihr mehrfach gelungen ist, die Ordnungskräfte vor den Stadien mit einem falschen Bart zu täuschen.

Vor zwei Wochen teilte das Sportministerium in Teheran mit, dass beim nächsten WM-Qualifikationsspiel der Nationalmannschaft gegen Kambodscha am 10. Oktober im Azadi-Stadion Frauen zugelassen werden sollen. Ob es sich um eine einmalige Ausnahme handelt oder die Entscheidung ein dauerhaftes Ende des Stadionverbots für Frauen bedeutet, steht bislang nicht fest.



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