Iran gegen die USA und Großbritannien Gefahr voraus

Teheran sucht mit der Festsetzung des Tankers "Stena Impero" das Kräftemessen mit Großbritannien - und provoziert die USA mit der Verhaftung angeblicher CIA-Agenten. Das Pentagon schickt Truppen nach Saudi-Arabien.

Ein Boot der Iranischen Revolutionsgarden in der Nähe des Tankers "Stena Impero"
Hasan Shirvani/AFP

Ein Boot der Iranischen Revolutionsgarden in der Nähe des Tankers "Stena Impero"

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Die Meldung, die Saudi-Arabiens staatliche Nachrichtenagentur SPA in der Nacht von Freitag auf Samstag um 00.41 Uhr Ortszeit veröffentlichte, war nur einen Satz lang. Der 83-jährige Herrscher Salman Bin Abdulaziz Al Saud habe der Stationierung von US-Truppen in seinem Königreich zugestimmt, hieß es in der Erklärung. Das offizielle Ziel: eine Verbesserung der militärischen Zusammenarbeit zur Verteidigung der regionalen Sicherheit und Stabilität.

Doch hinter dieser dürren diplomatischen Verlautbarung steckt weit mehr. Sie markiert einen weiteren Eskalationsschritt in der Irankrise.

Denn nachdem US-Präsident Donald Trump wegen der zunehmenden Spannungen in der Region bereits vor einigen Wochen einen Flugzeugträgerverband und eine Bomberstaffel in die Region geschickt hat, werden nun auch Soldaten nach Saudi-Arabien verlegt - zum ersten Mal seit Ende des Golfkrieges 1991 gegen den damaligen irakischen Diktator Saddam Hussein.

General Kenneth F. McKenzie Jr., Kommandeur des für den Nahen Osten zuständigen US Central Command (CENTCOM), bei einem Besuch in Saudi-Arabien im Juli
AFP

General Kenneth F. McKenzie Jr., Kommandeur des für den Nahen Osten zuständigen US Central Command (CENTCOM), bei einem Besuch in Saudi-Arabien im Juli

Die US-Truppen waren in der Folge des Kriegseinsatzes bis 2003 in Saudi-Arabien stationiert, auf der Prince Sultan Air Base, einem Wüstenstützpunkt rund 80 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Riad. Seither ist das größte Truppenkontingent der Vereinigten Staaten im Nahen Osten, rund 10.000 Soldaten, im benachbarten Emirat Katar beheimatet.

Dem TV-Sender CNN zufolge sollen nun rund 500 US-Soldaten nach Saudi-Arabien abkommandiert werden. Eine Vorhut sei bereits vor Ort, um die Mitte der Neunzigerjahre für mehr als fünf Milliarden Dollar hochgerüstete Kommandozentrale wieder einsatztauglich zu machen.

Das saudische Königshaus platzierte die Nachricht mitten in der Nacht zwischen den beiden Wochenendtagen im Land - zu einem Zeitpunkt also, da sie so wenig Aufmerksamkeit bekommt wie möglich. Schließlich gilt die Stationierung nicht muslimischer Soldaten im Geburtsland des Islam vielen Religiösen noch immer als Sünde.

Auch wenn Saudi-Arabien versucht, so wenig Aufhebens wie möglich um die Truppenstationierung zu machen: Dass es dabei nur ganz allgemein um eine engere militärische Zusammenarbeit geht, ist kaum glaubwürdig.

Kurz vor der Bekanntgabe, am Donnerstag, hatten die USA eigenen Angaben zufolge eine iranische Drohne in der Straße von Hormus zerstört. Nur 24 Stunden später beschlagnahmte die Islamische Republik dann den unter britischer Fahne fahrenden Tanker "Stena Impero" in der strategisch wichtigen Schifffahrtsstraße.

"Ein Tanker für einen Tanker - Iran hat sein Versprechen eingelöst": Die iranische Tageszeitung "Keyhan", die als Sprachrohr des obersten Führers Ajatollah Ali Khamenei gilt, versuchte dann am Wochenende gar nicht erst, den Eindruck zu erwecken, es gehe bei der Festsetzung des Öltankers um eine Reaktion auf das Handeln der Schiffsbesatzung. Irans Revolutionswächter haben das Schiff vielmehr geentert, um Vergeltung zu üben für die Festsetzung des iranischen Öltankers "Grace 1" durch die britische Marine in der Straße von Gibraltar Anfang des Monats.

REUTERS

Großbritannien als imperiales Feindbild

Die Regierung in London betont, dass man die Fälle "Grace 1" und "Stena Impero" nicht gleichsetzen könne:

  • Die Festsetzung des Tankers "Grace 1" sei rechtlich geboten gewesen, um die EU-Sanktionen gegen Syrien durchzusetzen. Außenminister Jeremy Hunt geht davon aus, dass das Schiff Öl an eine staatliche Raffinerie in Syrien liefern wollte, die seit Jahren auf der EU-Sanktionsliste steht.
  • Die "Stena Impero" sei hingegen festgesetzt worden, obwohl sie nach britischer Auffassung nichts Illegales getan habe.

Damit stecken die britisch-iranischen Beziehungen in der tiefsten Krise seit 2011. Damals hatten Demonstranten die Botschaft des Vereinigten Königreichs in Teheran gestürmt. Seit der Islamischen Revolution 1979 ist Großbritannien für das Regime ein willkommenes Feindbild - wenn auch nicht ganz so verhasst wie Israel und die USA. Das ist in der Geschichte britischer Interventionen in Persien begründet:

  • Seit dem 19. Jahrhundert mischten die Briten aktiv in Iran mit und traten mitunter auf wie eine Kolonialmacht.
  • Während des Zweiten Weltkriegs marschierten britische und sowjetische Truppen in Iran ein und besetzten das Land.
  • 1953 orchestrierten amerikanische und britische Geheimdienstler einen Putsch gegen den gewählten Premierminister Mohammad Mossadegh, der die iranische Ölindustrie verstaatlichen wollte.

Diese Erfahrungen haben bei vielen Iranern ein großes Misstrauen gegen Großbritannien wachsen lassen - die Rhetorik des Regimes versucht in Zeiten wie diesen, daran anzuknüpfen.

Angebliches CIA-Netzwerk in Iran aufgedeckt

Obwohl Irans Führung nach der Festsetzung der "Grace 1" mehrfach mit Vergeltung gedroht hatte, wurden die Briten von der Enterung der "Stena Impero" überrumpelt. Besonders unangenehm ist die Krise für Außenminister Hunt. Schließlich versucht er gerade, in einem innerparteilichen Wahlkampf mit Boris Johnson der nächste britische Premierminister zu werden.

Doch seine Optionen, die Krise diplomatisch zu lösen, sind begrenzt: Teheran hat deutlich gemacht, dass man die "Stena Impero" nur freigebe, wenn die britische Marine ihrerseits die "Grace 1" herausrücke - "ein Tanker für einen Tanker" eben.

Die Entscheidung der USA, nun Truppen nach Saudi-Arabien - dem sunnitischen Erzrivalen der Schiiten-Republik - zu entsenden, dürfte eine Lösung des Konflikts nicht erleichtern. Vielmehr könnte der Konflikt weiter eskalieren: Irans Geheimdienst hat eigenen Angaben zufolge 17 Agenten des US-Geheimdienstes CIA enttarnt. Ihnen droht die Todesstrafe.

Donald Trump sah sich umgehend zu einer Reaktion veranlasst. Der Bericht sei "total falsch" und beinhalte "null Wahrheit", twitterte der US-Präsident.

Im Herbst wollen die USA bei einem Gipfel zur maritimen Sicherheit in Bahrain mit bis zu 60 weiteren Staaten darüber beraten, wie die Handelswege vor der iranischen Küste gesichert werden können. So wie sich die Dinge in den vergangenen Wochen entwickelt haben, wird es bis zu dem Treffen weitere Scharmützel rund um die Straße von Hormus geben.

insgesamt 212 Beiträge
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Stereo_MCs 22.07.2019
1. Trump hat angefangen
Nicht dass ich auch nur einen Funken Sympatie für das Regime in Teheran hätte, u.a. der Syrien Krieg lässt grüßen, kann ich den Iran ein Stück weit verstehen, wenn sie sich gegen diese einseitige Nummer von Trump samt ihrem Kläffer GB wehren. Der Iran hat sich immer strikt an das Atom-Abkommen gehalten, bis Trump dann seinen Ego Trip gestartet hat. Ist eh nur ein weiteres Eskalations-Puzzlestück in seiner schmutzigen Wiederwahl Kampagne für 2020.
abuyazid 22.07.2019
2. Fataler Fehler vom Westen
Es bilden sich bestimmt neue Mächte in der Region. TÜRKEI wird nun nach dem S400 Deal und den miesen Sanktionen seitens der USA sicherlich mit dem Iran sympathisieren. Zu Recht. Großbritannien hat kein Recht iranische Schiffe festzusetzen. Die haben angefangen. Ausgerechnet Saudi Arabien... Ich erinnere da gern an den Kashoggi Fall. Iran Türkei Pakistan und Russland und Indien wenn sich zusammentun Plus China hat die EU inkl.der USA verloren. Das wird böse ausgehen für diese kriminellen westlichen Mächte.
freddygrant 22.07.2019
3. Wer provoziert hier was und wo?
Erinnern wir uns mal an die Kubakrise und an die Falklands? Warum und für was wurde dort gedroht und Krieg geführt? An dieser Politik - und seit dieser Zeit - scheinen die USA und GB nichts ändern zu wollen. Es ist eher noch damit zu rechnen und zu befürchten, dass die EU sich in diese provozierten Konflikte einbeziehen lässt. Dem SPIEGEL wäre wiederholt zu wünschen Fakten orientiert und ausgewogen zu berichten!
and777 22.07.2019
4. Sackgasse
Schwierig für den Iran diesen Zug nich zu stoppen. Sie lassen sich da auf was ein, was sie nicht gewinnen und bei dem ihnen selbst China und Russland nicht mehr lange helfen können.
Peter991 22.07.2019
5. Wer weiß es?
"Die Festsetzung des Tankers "Grace 1" sei rechtlich geboten gewesen, um die EU-Sanktionen gegen Syrien durchzusetzen. Außenminister Jeremy Hunt geht davon aus, dass das Schiff Öl an eine staatliche Raffinerie in Syrien liefern wollte, die seit Jahren auf der EU-Sanktionsliste steht." Gibt es dieses Embargo auf Öl oder nicht? In einem anderen Forum wurde behauptet Öl-Lieferungen nach Syrien stehen nicht unter Sanktionen.
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